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Gesundheit Mal eben für eine Grippeimpfung zu Wal-Mart

07.10.2005 ·  Sich in der Mittagspause mal schnell gegen Grippe impfen lassen, ohne gleich ganz tief in die Tasche greifen zu müssen? In Amerika, dem Land der horrenden Arztkosten, gibt es jetzt kleine Ambulanzkliniken in Supermärkten und Drogerien.

Von Roland Lindner, New York
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Arztbesuche in Amerika sind ein teurer Spaß. Rechnungen von 100 Dollar und mehr sind ganz normal, und oft genug haben Patienten das Gefühl, ausgenommen zu werden wie eine Weihnachtsgans. Da mag man nur Standardbeschwerden haben und einen entsprechend kurzen Aufenthalt in der Arztpraxis erwarten: Schließlich findet man sich womöglich doch in einem langen Gespräch mit dem Arzt wieder, das sich auf Gott und die Welt erstrecken kann - und am Ende bekommt man eine astronomisch hohe Rechnung präsentiert. Dazu kommen dann gegebenenfalls noch die Kosten für Medikamente, die in Amerika um ein Mehrfaches höher sein können als in Europa.

Gerade für die ständig wachsende Zahl an Amerikanern, die keinerlei Krankenversicherung haben und die Kosten selbst tragen müssen, wird ein Arztbesuch so zu einer Großinvestition. Fast 46 Millionen Amerikaner und damit rund 15 Prozent der Gesamtbevölkerung hatten nach Schätzung des U.S. Census Bureau im vergangenen Jahr keine Krankenversicherung. Entsprechend ist es in Amerika an der Tagesordnung, daß Arztbesuche vermieden und Krankheiten verschleppt werden.

Kleine Ambulanzkliniken im Supermarkt

Einzelhändler versuchen nun, aus diesem Umstand ein neues Geschäft zu machen. Supermarkt- und Drogerieketten wie Wal-Mart und CVS haben begonnen, in ihren Läden kleine Ambulanzkliniken einzurichten, wo sie Patienten in abgetrennten Beratungszimmern direkt versorgen - als Ergänzung zu den Apotheken, die sich bereits in den Geschäften befinden (die meisten Apotheken in Amerika werden von Einzelhandelsketten betrieben, was in Deutschland aufgrund des Mehrbesitzverbots bislang nicht möglich ist). Die Idee ist es, ärztliche Routine-Dienstleistungen zu einem deutlich niedrigeren Preis anzubieten als eine Arztpraxis.

Das Billigprinzip funktioniert so: Die Ambulanzkliniken werden nicht von Ärzten betrieben, sondern von schlechter bezahlten Krankenschwestern und -pflegern. Dieses Pflegepersonal braucht eine Zusatzausbildung, die zu einer begrenzten Zahl von Diagnose- und Behandlungsdiensten autorisiert. Zu der Angebotspalette in den Ambulanzkliniken gehören dann zum Beispiel Grippe- und Hepatitis-Impfungen, die Behandlung von Allergien und kleineren Hautinfektionen oder Entzündungen.

Knochenbrüche bleiben Spezialistensache

Krankheiten, die medizinische Aufsicht über einen längeren Zeitraum hinweg erfordern, wie zum Beispiel Knochenbrüche, Herzerkrankungen oder Depressionen, sind weiterhin ein Fall für den Arzt. Die Ambulanzkliniken arbeiten meist mit ortsansässigen Ärzten zusammen, die konsultiert werden können, wenn das Pflegepersonal nicht mehr weiter weiß. Die Preise in den Mini-Kliniken sind in der Regel deutlich niedriger als beim Arzt, die meisten Standarddienste kosten unter 50 Dollar. Das Angebot richtet sich auf der einen Seite an gar nicht oder schlecht Versicherte, die sich einen teuren Arztbesuch sparen wollen.

Neben dem Geldargument steht das Versprechen der Bequemlichkeit: Für die Ambulanzkliniken ist kein Termin notwendig, sie nehmen sich eine Behandlungszeit von höchstens 15 Minuten vor und drücken den Kunden oft elektronische Piepser in die Hand, so daß sie im Rest des Ladens einkaufen können, bis sie mit einem Signal aufgerufen werden. Die Kunden können also in der Mittagspause mal eben zu Wal-Mart und sich dort gegen Grippe impfen lassen.

„You`re sick, we`re quick“

Wal-Mart und die anderen Händler betreiben die Kliniken nicht selbst, sondern haben hierzu spezialisierte Partnerunternehmen, weil das gleichzeitige Betreiben von Apotheken und Kliniken gesetzlich verboten ist. Die wichtigsten dieser Partner heißen Minute Clinic (Werbeslogan: "You're sick, we're quick", "Sie sind krank, wir sind schnell"), Take Care und Interfit. Diese Unternehmen sind äußerst expansiv und schließen derzeit einen neuen Kooperationsvertrag nach dem anderen mit Händlern ab. An dem Wal-Mart-Partner Interfit hat gerade Steve Case, Gründer der Internetgesellschaft AOL, über sein neues Gesundheitsunternehmen Revolution Health Group eine Minderheitsbeteiligung erworben (siehe Kasten). Die Umsätze landen in den Kassen der Klinikbetreiber, die Einzelhändler hoffen, mit Verschreibungen aus diesen Ambulanzen das Apothekengeschäft anzukurbeln und die Patienten zum Kauf anderer Dinge im Laden zu animieren.

Das Discount-Konzept hat Kritiker, vor allem aus den Reihen der Ärzte. Insbesondere hinterfragen sie die Qualifikation des Pflegepersonals. Und sie werfen die Frage nach möglichen Interessenkonflikten im Verschreibungsverhalten des Personals auf, weil den Händlern daran gelegen ist, möglichst viele Medikamente zu verkaufen.

Kommt auch Arbeitgebern zugute

Die Zielgruppe für billige Schnellversorgungsdienste könnte indessen künftig viel größer werden, weil immer mehr Amerikaner auf die Kosten ihrer Gesundheitsversorgung achten müssen. So dürften auf die mehr als 150 Millionen Amerikaner, die über ihren Arbeitgeber krankenversichert sind, härtere Zeiten zukommen. Für die Unternehmen werden die Gesundheitsleistungen zu einer immer größeren Belastung und sie versuchen, einen größeren Teil der Kosten auf die Arbeitnehmer überzuwälzen, zum Beispiel mit höheren Selbstbeteiligungen.

Ein Beispiel ist der angeschlagene Autohersteller General Motors (GM), der für dieses Jahr mit Gesundheitsaufwendungen von mehr als 5,6 Milliarden Dollar rechnet. Seit mehreren Monaten verhandelt GM mit den Gewerkschaften über Einschnitte bei den Leistungen.

Quelle: F.A.Z., 08.10.2005, Nr. 234 / Seite 22
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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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