Das Hauptproblem der Menschen in reichen Ländern wird es sein, daß sie über kurz oder lang alle ins Krankenhaus müssen. Das Hauptproblem der Krankenhäuser wird es sein, den Menschen überzeugende Argumente dafür zu liefern, daß das nicht so schlimm ist. Und die Frage ist: Schaffen die Kliniken das?
Wären Krankenhäuser Unternehmen auf einem freien Markt, so hätten sie glückliche Eigentümer angesichts eines durchschlagenden Trends: Die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen steigt kräftig mit der Vergreisung der Gesellschaft.
Die Leidensfähigkeit und Schicksalsergebenheit sinken gleichzeitig, wie der Gründer der Rhön Klinikum AG, Eugen Münch, feststellt. Alle wollen bis zum Schluß mitmachen. Dazu kommt die zumindest theoretisch riesige Toleranz der Patienten gegenüber hohen Preisen. Mit dem Kardiologen feilscht man nicht.
Liegenlassen lohnt nicht
Aber irgend etwas ist trotzdem schiefgegangen. Die Lage der meisten Hospitäler ist schlimm. Jedes zweite wird dieses Jahr rote Zahlen schreiben, sagt Münch voraus. Seit 1991 sind drei von zehn öffentlichen Krankenhäusern geschlossen worden. In den nächsten zehn Jahren wird jede vierte Klinik aufgegeben werden, prophezeit das Beratungsunternehmen Ernst & Young. Die Insolvenzquote in der Boombranche liegt nach Analyse der Dresdner Bank deutlich höher als in anderen Industrien.
Das ist die Quittung für ein System, das die Signale der Ökonomie auf stumm stellte. Doch jetzt hat eine kleine Revolution begonnen: Der Einzug der Betriebswirtschaft ist nicht mehr aufzuhalten, spätestens seit die Krankenhäuser anders finanziert werden. Die Spitäler werden für Effizienz belohnt. Das Zauberkürzel, das die ganze Branche umtreibt und umwälzt, hat drei Buchstaben: DRG. „Diagnostik Related Groups“ oder „Diagnosebezogene Fallgruppen“ heißt das.
Das ist ein Begriff aus der Abrechnungstechnik des Gesundheitswesens, der etwas profan ausgedrückt bedeutet: Liegen lassen lohnt nicht. Die Verweildauer der Patienten hat nach einer Übergangsfrist so gut wie keinen Einfluß auf die Einnahmen der Krankenhäuser mehr. Vergütet wird eine bestimmte gesundmachende Leistung.
Der gute Patient bleibt zu Hause
Der ideale Patient der Zukunft schaut mal kurz herein. Er läßt sich bilddiagnostisch bearbeiten (MRT, CT, Röntgen), kurz danach operieren, um am selben Tag wieder zu verschwinden. Der machtvolle Trend ist schon da: 14 Tage lag der Durchschnittspatient 1990 im Krankenhaus, 8,3 Tage waren es 2003. Einige schwedische Kliniken schaffen fünf bis sechs Tage. Und Ernst & Young sagt voraus, daß es in zehn Jahren nur noch vier Tage sein werden.
Der gute Patient bleibt gleich zu Hause. Er ist einer wie Bobby DiSipio. Der Amerikaner ist ein Herzpatient, der bei einem Versuch des Philips-Konzerns im Delaware Valley mitmacht. Er und 30 andere chronisch Herzkranke werden genau überwacht und können trotzdem zu Hause wohnen bleiben.
Über seinen breitbandverkabelten Fernseher hat DiSipio Zugang zu seinen ständig von seinen Ärzten aktualisierten Krankheitsdaten. Seine Krankenschwester schickt ihm auf sein Krankheitsbild zugeschnittene Videofilme, die ihm erklären, mit welchen Übungen und Diäten er seine Krankheit am besten in den Griff bekommt. Der Fernseher erinnert ihn an Arzttermine und zeigt, ob DiSipio sein kleines persönliches Gesundheitsziel erreicht hat: Er will zwei Kilo abnehmen.
Grund zur Freude für die Patienten
DiSipio seinerseits mißt mit kleinen drahtlosen Geräten selbst seinen Blutdruck, Gewicht und Herzschlag. Die Daten werden drahtlos zum Ärztezentrum übertragen und in die Krankenakte eingespeist. Medizinisch ist das sinnvoll, weil die Patienten zu Hause bleiben und dabei trotzdem permanent überwacht werden. Krankenhäuser sparen Zeit. Nach ersten guten Erfahrungen wagt Philips nun gemeinsam mit einer Krankenkasse einen ähnlichen Versuch in Holland.
DiSipio gehört zur wachsenden Gruppe der chronisch Kranken, die laut World Health Report jetzt schon 70 Prozent der europäischen Krankheitskosten produzieren. Die Fortschritte in der Medizin sorgen dafür, daß Krankheiten wie Krebs zum Teil ihren tödlichen Schrecken verlieren. Und statt dessen chronisch werden. Schwerkranke Chroniker müssen ständig überwacht werden, auch wenn Ärzte nicht oft eingreifen. Telemedizin könnte eine Lösung sein, die die Kliniken entlastet.
Weil zunehmend Krankheitsfälle statt Krankheitstage entgolten werden, hat Kapazität plötzlich einen Wert bekommen. Das gilt für die Betten ebenso wie für die 64-Zeilen-Computertomographen, die rund 1,2 Millionen Euro kosten, und für Protonenbeschleuniger, die es für das Zehn- bis Zwanzigfache gibt. Und übrigens auch für das Personal. Je mehr Patienten durch das System geschleust werden, desto besser. Das kalte Gesetz der Stückkostensenkung durch Massenproduktion (Economies of Scale) macht vor Menschen nicht halt. Und die Überraschung ist, daß das für Patienten ein Grund zur Freude sein kann.
High-Tech trifft auf Steinzeit
Immerhin produziert ein ökonomisch gut geführter Betrieb keine endlos langen Wartezeiten mehr. Denn die kosten das Krankenhaus jetzt Geld, statt ihm - wie es früher der Fall war - Erträge zu bringen.Die spröde Managementaufgabe ist es also, den Prozeß Patientenversorgung zu optimieren, wie es ein Berater ausdrücken würde. Die Noch-Normalität beschreibt der Geschäftsführer des Vereins zum Bau evangelischer Krankenhäuser, Markus Müschenich, mit dem Satz: „High-Tech-Medizin trifft auf Steinzeit-Organisation.“
In Zukunft aber hilft die digitalisierte Patientenakte, den Besuch des Patienten ohne Reibungsverluste zu gestalten. Müschenich hat mit Kollegen die Denkfabrik Concepthospital gegründet, deren Mitglieder, Spezialisten aus verschiedenen Spitälern, die Klinik von morgen entwickeln.
Eine Vision der neuen Welt sieht so aus: Ein Patient hinterläßt am Eingang des Hospitals seinen Fingerabdruck auf dem Touch-Screen-Computer, der darauf dessen digitale Patientenakte lädt. Blutgruppe, Krankheitsgeschichte, Kardiogramme, Röntgenbilder, Impfungen sind darin abgelegt.
Die Zukunft hat schon begonnen
Am Empfang bekommt der Patient ein Klinikhandy, das ihm den Untersuchungstermin angibt. Auf dem Weg dorthin geht er durch eine Röntgenschleuse. Sein Arzt hat das frische Bild schon auf seinem Laptop, wenn der Patient eintrifft. Es flutscht in einer modernen Klinik. Keine Schwester muß den EKG-Befund aus dem Registratur-Keller holen.
Die Zukunft hat schon begonnen. Der Krankenhauskonzern Sana errichtet gerade in Remscheid eine Klinik mit einer aufwendigen Informationstechnik. Alle Laborwerte und Bilder soll das System digital vorhalten. Der Arzt spaziert mit seinem schnurlosen Laptop durchs Haus und hat überall ohne Zeitverlust die aktuellen Daten zur Hand.
Die Informationstechnik kann noch mehr. Sie erleichtert es den Kliniken, die Vorteile der Spezialisierung durch Arbeitsteilung zu nutzen. In Bad Neustadt an der Saale sitzt im Rhön-Klinikum ein Arzt vor zwei Computer-Bildschirmen und wertet CT-Bilder aus. Die Bilder kommen nicht aus der eigenen Radiologie, sondern aus einem Partner-Krankenhaus im niedersächsischen Uelzen. Der Arzt notiert den Befund ins System und spricht ihn auf eine Audiodatei, die den Kollegen in die Lüneburger Heide gemailt wird.
Mehr Zusammenarbeit durch Telemedizin
Ähnliches praktiziert das Berliner Unfallkrankenhaus Marzahn. Die Klinik hat ein Radiologenteam mit 15 Ärzten aufgebaut, das rund um die Uhr Befunde auswertet, nicht nur für sich, sondern für zwei weitere Krankenhäuser, die keine eigenen Radiologen mehr beschäftigen müssen. Die angeschlossenen Kliniken sparen Geld, Marzahn kann sich so ein großes gutes Spezialistenteam leisten und bessere Ergebnisse produzieren. Die Arbeitsteilung kann noch weiter gehen. Amerikanische Kliniken schicken ihre Röntgenbilder über Nacht nach Indien und Australien, wo sie von den dortigen Spezialisten ausgewertet werden. Die Globalisierung kommt ins Krankenhaus.
Gerade die Radiologie ist Treiber neuer Entwicklungen, weil sie die Abteilung des Hauses mit der teuersten Ausstattung ist. Die technische Entwicklung der bildgebenden Verfahren ist dramatisch. Die neuen Geräte, die Unternehmen wie Philips oder Siemens entwickeln, sind deutlich besser als ihre Vorgänger. Und teurer. Bestrebungen zur Arbeitsteilung gibt es aber auch in der Pathologie, wo die Gewebeproben analysiert werden. Erste Kliniken arbeiten dort zusammen und teilen sich nötige Investitionen.
Die Hoffnung wächst, daß Telemedizin und Arbeitsteilung eine der großen Gefahren im Gesundheitswesen abwenden. Die Provinz könnte abgehängt werden. Wo nur wenige Menschen leben, wird es schwer, Krankenhäuser in gewünschter Weise auszulasten. Landkreise und Städte können sich ihre kleinen Kliniken häufig nicht mehr leisten, weil ihre eigenen Kassen leer sind.
Lösungsansätze für die Provinz
Weder schaffen sie es, deren Defizite zu decken, noch, durch Investitionen in Informationstechnik die Effizienz und die medizinische Qualität zu steigern. Die Folge sind Insolvenzen, Liquidationen oder die Abgabe an ein privates Unternehmen. Die Betreiber der Internetseite www.kliniksterben.de sind die Chronisten dieser dramatischen Entwicklung.
Doch auch hier gibt es inzwischen Lösungsansätze: Der Gründer der Rhön-Klinikum AG, Münch, hat die Teleportalklinik entwickelt, die nach seiner Einschätzung ökonomisch überlebensfähig ist, wenn rund um den Standort 30.000 Menschen wohnen.
Diese Kliniken, von denen in diesem Monat zwei Prototypen in Betrieb gehen, sind ausgelagerte Portale, in denen eine technische Diagnostik vorgehalten wird, die sich mit der von Großkrankenhäusern messen kann. Die fehlende Expertise der Fachärzte wird per Telemedizin von angeschlossenen Experten geholt, die im „Rund-um-die-Uhr-Service“ verfügbar sind. Patienten, die sich früher aus Mißtrauen gleich in Großkliniken überweisen ließen, bleiben nun eher in ihrem Heimatkrankenhaus, wenn sie unter einer konventionellen Krankheit leiden.
Verbesserte Diagnose mindert Unsicherheit
Die verbesserte Diagnose mindert die Unsicherheit der Patienten. Der wirtschaftlich gewünschte Zusatzeffekt: Sie belegen mit ihren Nullachtfünfzehn-Krankheiten nicht mehr die Betten von Häusern, die sich mit Ausstattung und Personal auf die komplizierten Fälle spezialisiert haben.
Gebremst werden könnte die Auszehrung des flachen Landes auch dadurch, daß die Krankenhäuser nicht nur sparsam sind, sondern auch zusätzliche Umsätze machen. Wenn die Patienten schon einmal da sind, kann man ihnen vielleicht etwas verkaufen. Eine organisierte Reise, die genau auf Touristen mit einem Krankheitsbild zugeschnitten ist? Eine Krankenzusatzversicherung? Spezialmöbel für Menschen mit Rückenleiden? Ein Kurs im Fitnessstudio? Vereinsgeschäftsführer Müschenich formuliert den passenden Satz zu diesem absehbaren Trend: „Kein Krankenhaus kann es sich erlauben, auf einen Patienten zu verzichten, nur weil er nicht krank ist.“
Gesundheit und Kosten
(Goerke_emporda)
- 21.11.2005, 18:43 Uhr
