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Gesundheit Das Krankenhaus wird digital

01.03.2006 ·  Mit Hilfe der führenden IT-Konzerne wird in Kliniken in Deutschland das moderne Gesundheitswesen erprobt. Krankenschwestern haben fortan Mini-Computer in der Hand, die mit Befunden, Patientendaten und Medikamenten-Dosierungen gefüttert werden.

Von Carsten Knop und Petra Schlitt
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Krankenhäuser werden digital. Schritt für Schritt jedenfalls, in einigen Städten früher als in anderen - und mit der Hilfe der führenden Technologiekonzerne der Welt. Die Unterstützung der Krankenhäuser ist allerdings für die beteiligten Unternehmen nicht frei von Eigennutz: „Ohne die Erfahrungen unserer Kunden können wir unsere Geräte nicht entwickeln“, sagt zum Beispiel ein Sprecher der Medizintechniksparte des deutschen Elektronikkonzerns Siemens. Amerikanischen Konzernen geht es ähnlich.

Deshalb wurde in Hamburg-Barmbek vor wenigen Tagen ein Krankenhaus offiziell eingeweiht, das vom führenden Chiphersteller Intel und von Microsoft, dem größten Softwarehersteller der Welt, zu einer internationalen Referenzklinik für den Einsatz modernster Lösungen der Informationstechnologie (IT) gemacht worden ist. Auch auf diesem Weg soll ein Markt erobert werden, dessen erwartete Wachstumsraten deutlich über denen der Gesamtwirtschaft liegen.

Ein Bildschirm wie ein Tablett

Am Klinikum Saarbrücken wiederum haben Intel, aber auch Siemens Business Services und der Computerhersteller Fujitsu Siemens im Juli des vergangenen Jahres das erste Pilotprojekt mit elektronischen Funketiketten (RFID) in deutschen Krankenhäusern begonnen. Ziel ist es, komfortabler auf Patientendaten zuzugreifen und die Medikamenten- und Dosierungssicherheit zu erhöhen. Das Projekt basiert auf einer RFID-Lösung, die schon im Jacobi Medical Center in New York im Einsatz ist. Das Ziel ist immer das gleiche, gleichgültig mit welcher IT-Lösung und an welchem Ort der Welt: Der Datenfluß im Krankenhaus soll optimiert werden, Informationen zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar sein. „Durch die komplette Integration der Abläufe im Krankenhaus mit der Informationstechnik lassen sich bis zu 30 Prozent der Kosten sparen“, heißt es bei Siemens.

In Hamburg haben Intel und Microsoft nun alle Register gezogen, die zwei führende Technologiekonzerne zur Verfügung haben. Sie lassen dabei auch die RFID-Technik nicht unberücksichtigt, gehen das Projekt aber grundsätzlich noch breiter an als in Saarbrücken. Eine Krankenschwester hat in der Klinik im Stadtteil Barmbek bei der Visite fortan einen kleinen Bildschirm in der Hand, der so flach ist, daß er an ein Tablett erinnert. Sie kann dort auf vorgegebene Textbausteine klicken, frühere Berichte abrufen, neue Befunde eintragen oder notieren, was dem Arzt bei seiner Visite auffällt.

Optimierter Datenfluß

Über eine drahtlose Funkverbindung werden alle Daten zeitgleich im Zentralrechner der Klinik gespeichert, der mit verschiedenen anderen Datenträgern vernetzt ist. Das ist dann ein optimierter Datenfluß in der Praxis: Röntgendaten stehen nun innerhalb von wenigen Sekunden zur Verfügung statt wie bisher erst binnen zwei Tagen. Der Arzt hat mit einem Klick Einblick in alle relevanten Patientendaten, weiß, welche Medikamente wann verabreicht wurden und worauf der Kranke gegebenenfalls allergisch reagiert. Ein kleines funkgesteuertes Armband, das der Patient trägt, verhindert, daß dem Kranken die falsche Infusion eingeflößt wird. Blutkonserven mit elektronischen Funketiketten ermöglichen das genaue Verfolgen des Blutes bis hin zum richtigen Transfusionspatienten - eine Technik, die inzwischen auch in Saarbrücken eingeführt wird.

In das Projekt in Saarbrücken sind tausend Patienten eingebunden. Die Klinik in Hamburg hat 676 Betten. Das dortige Haus, das dem privaten Krankenhausbetreiber Asklepios Kliniken Verwaltungsgesellschaft mbH, Königstein, gehört, ist auf der ganzen Welt das erste, in dem die neuesten von Microsoft und Intel entwickelten Technologien für Kliniken eingesetzt werden. Dem Pilotprojekt sollen weitere folgen. In Deutschland und Europa wird es zwar vorerst bei einer Testklinik bleiben. Gedacht wird aber an weitere Zukunftskliniken in China, vermutlich in Schanghai, und außerdem in Nordamerika.

„Keine Kosteneinsparung“

„Es geht um eine bessere Patientenversorgung“, sagt Asklepios-Gründer Bernhard Broermann. Die Technik ermögliche es, daß der Arzt wieder mehr Zeit für die Patienten habe. „In erster Linie geht es nicht um Kosteneinsparungen“, beteuert er. Zunächst solle das System getestet und anschließend optimiert werden, dann sei es auch wirtschaftlich, so Broermann. Da sich am Ende aber wohl doch alles nicht zuletzt ums Geld dreht, verweisen auch die Partner des Hamburger Projekts auf Analysen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, nach denen in Deutschland 60 Prozent der Entlassungsvorgänge Informations- und Koordinationsdefizite aufweisen, die Geld kosten.

Broermann selbst war einmal Wirtschaftsprüfer, will aber bei seinen Kliniken nicht alles an Zahlen festmachen. Insgesamt besteht der Asklepios-Unternehmensverbund derzeit aus 95 Einrichtungen. Sechs davon befinden sich in den Vereinigten Staaten. In Deutschland werden 70 Kliniken gezählt. Damit hat sich das 1984 gegründete Unternehmen zu einem der größten privatwirtschaftlich tätigen Klinikträger in Deutschland entwickelt.

Offenes, dynamisches Programm

Zunächst erfordert die neue Technik ohnehin hohe Investitionen. Genau beziffern will Broermann diese nicht. Allerdings wird im deutschen Gesundheitswesen derzeit vor allem gespart. So entsteht ein Dilemma. Denn wirkliches Sparen kann in den Kliniken erst nach umfangreichen Investitionen erfolgen - und das gilt vor allem für die Informationstechnologie.

Asklepios, Microsoft und Intel haben das Projekt dennoch oder vielmehr gerade deshalb in Angriff genommen. Denn langfristig wird das Geschäft beinahe zwangsläufig anziehen, was den neuen Intel-Vorstandsvorsitzenden Paul Otellini sogar dazu bewogen hat, im Unternehmen einen eigenen Geschäftsbereich zu gründen, der sich allein um das Gesundheitswesen kümmert. Das „Asklepios Future Hospital“ in Hamburg steht unterdessen auch noch weiteren Partnern offen. „Wir benötigen vielfältiges Wissen aus den Bereichen Hardware, Software, Telekommunikation und Netzwerk sowie Medizintechnik“, heißt es bei Asklepios. Die Klinik sei deshalb ausdrücklich als offenes, dynamisches Programm konzipiert, das interessierten Unternehmen weitere Ansatzpunkte zur Kooperation bieten wolle. Das klingt wie ein weiterer Hilferuf aus dem veralteten Gesundheitswesen.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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