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Gesundheit Auf ins schöne, neue Ärztehaus

13.07.2008 ·  Die neue Welt der Ärzte ist lichtdurchflutet, vollverglast und hat ein Wartezimmer, das Lounge heißt und in dem es Cappuccino und gesunde Snacks gibt: Klinikketten kaufen Arztpraxen auf und schließen sie zu großen Gesundheitszentren zusammen. Patienten profitieren. Ärzte fühlen sich bedroht.

Von Lisa Nienhaus
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Die neue Welt der Ärzte ist lichtdurchflutet und vollverglast, hat einen Boden in Holzoptik und für die Patienten ein Wartezimmer, das Lounge heißt und in dem es Cappuccino und gesunde Snacks gibt. Die neue Welt der Ärzte heißt zum Beispiel Atriomed und liegt im Mediapark, einer Hochhaus-Ansiedlung in Köln-Mitte. Das Ärztezentrum wurde von der Techniker Krankenkasse (TK) zusammen mit einem Partner vor einem Jahr eröffnet. Dort arbeiten 13 Ärzte und Therapeuten aus acht Fachrichtungen. Termine gibt es für TK-Versicherte in höchstens fünf Tagen, wochentags ist bis 20 Uhr geöffnet, samstags bis 14 Uhr.

Noch sind die Wartezimmer leer, und das Zentrum trägt sich wirtschaftlich nicht, doch die TK will mit ihrem Franchise-Modell auf Dauer Geld sparen - bis zu dreißig Prozent, so zumindest der Traum der Kasse. Sie gibt dem Betreiber Leitlinien vor, die helfen sollen, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und schneller zu behandeln, damit teure Krankenhauseinweisungen nicht notwendig sind. Das Revolutionäre daran: Atriomed soll zu einer Kette werden - mit zehn Niederlassungen in ganz Deutschland.

Die Poliklinik galt einst als Schreckensbild

Der Markt der niedergelassenen Ärzte ist in Bewegung geraten. Jahrzehntelang haben die Mediziner in einer Starre verharrt. Während um sie herum Bäcker, Schuhhändler oder Anwälte sich zusammenschlossen und Bäcker-, Schuhhändler- oder Anwaltsketten und -konzerne gründeten, blieb in der Praxis alles beim Alten. Dort saßen ein oder mehrere Ärzte, denen diese Praxis auch gehörte, aber eben nur diese Praxis. Zusammenschlüsse in großem Stil gab es kaum. Die Poliklinik mit umfassender Versorgung in allen Fachgebieten, die es in der DDR gegeben hatte, galt vielen als Schreckensbild: kalt, unpersönlich und obendrein auch noch ineffizient.

Jetzt lebt das Konzept wieder auf, allerdings im marktwirtschaftlichen Gewand: durch Medizinische Versorgungszentren. Seit dem Jahr 2004 können darin Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten. Ähnliches war zuvor schon in Gemeinschaftspraxen oder Ärztehäusern möglich. Das Neue ist jetzt aber, dass nicht mehr nur Mediziner sie betreiben können, sondern erstmals auch andere aus der Gesundheitsbranche: Apotheker, Sanitätshäuser, Physiotherapeuten, Klinikkonzerne. Sie kaufen die Praxen der Ärzte und bauen daraus ein medizinisches Zentrum. Dort können sie dann Mediziner anstellen, ihre Großpraxis zu einem Spezialisten oder Großversorger ausbauen und sogar Ketten gründen. Alles ist drin.

Viele Ärzte werden lieber selbst zu Unternehmern

Überall in Deutschland schießen jetzt diese Zentren aus dem Boden. Derzeit existieren 1023 von ihnen mit 4445 beschäftigten Ärzten. Vor drei Jahren waren es noch weniger als die Hälfte. Als Erstes haben die Klinikketten den neuen Markt entdeckt. Fast alle haben schon eigene Zentren. Asklepios besitzt 12, Helios und die Rhön-Klinikum AG jeweils 19. Und Rhön hat angekündigt, schnell zu expandieren. „Wir setzen alles daran, hier mit Kraft und Geschwindigkeit vorzustoßen“, sagt Vorstandsvorsitzender Wolfgang Pföhler. Allein in diesem Jahr will er die Patientenzahl um vierzig Prozent steigern.

Das Interesse der Klinikbetreiber ist klar: Sie wollen sicherstellen, dass in ihre Krankenhäuser fleißig eingewiesen wird. Und sie wollen Klinik und Praxis enger zusammenbringen, um Geld zu sparen und die Behandlung zu verbessern. Um auch die Mediziner auf seine Seite zu ziehen, will Rhön ihnen mehr bieten als nur die Möglichkeit, ihre Praxis zu verkaufen. Sie sollen sich bald selbst an den Zentren beteiligen können - als Minderheitsgesellschafter, versteht sich.

Doch viele Ärzte haben kein Interesse daran und fühlen sich von den Klinikketten bedroht. Lieber werden sie selbst zu Unternehmern. So etwa Wolfram Otto, ein Allgemeinmediziner, der das Berliner Polikum gegründet hat. Es betreibt drei sehr große Arztzentren im Stil der alten Polikliniken. Dort arbeiten jeweils 40 bis 50 Ärzte, die fast alle Fachrichtungen abdecken.

Der Patient kann sogar gewinnen

Auch einige Vorstände der behäbigen Kassenärztlichen Vereinigung wollen einsteigen. Das ist die quasistaatliche Organisation, die die Gelder an Arztpraxen verteilt. Die Vorstände wollen ihren Einfluss auf die Mediziner sichern und haben eine Stiftung gegründet. Sie soll eine Aktiengesellschaft als Tochter bekommen, die eine Ärztezentrum-Kette aufbaut. Das ist kein Experiment gelangweilter Verbandsfunktionäre. Im Hintergrund stehen Geldgeber wie die Deutsche Apotheker- und Ärztebank und der Deutsche Ärzteverlag.

Dem Patienten muss das nicht schaden. Er kann sogar gewinnen. Etwa, wenn er schnell zum Spezialisten verwiesen wird, der jetzt ein Zimmer weiter residiert und nicht mehr fünf U-Bahn-Stationen entfernt. Damit entfällt das lange Warten auf einen Termin, und Doppeluntersuchungen werden vermieden.

Versorgung in manchen Gebieten könnte ausgedünnt werden

Einige Sorgen gibt es dennoch. Zum Beispiel, dass die niedergelassenen Ärzte bald nicht mehr ganz frei entscheiden können, in welches Krankenhaus sie überweisen. Oder dass die Gesundheitszentren die Versorgung in Gebieten mit weniger zahlungskräftigen Patienten ausdünnen könnten.

In Hamburg, wo gerade das zweite Atriomed eröffnet hat, ist das passiert, sagt der Vize der dortigen Kassenärztlichen Vereinigung, Walter Plassmann. Der Betreiber habe in der ganzen Stadt Praxen gekauft, um sie dann am neuen Ort zusammenzuführen: in Hamburg-Winterhude. „Der Elbinsel Finkenwerder fehlte auf einmal ein zweiter Hausarzt, und der Schanze drohte ein Augenarzt verlorenzugehen, während in Winterhude die Versorgung schon vorher gut war“, sagt Plassmann. Die Hamburger waren empört.

Und nicht nur sie. Der Fall Atriomed ärgert die Branche. Denn eigentlich, so argumentiert sie immer, sollen die neuen Zentren dazu führen, dass es auch dort noch eine Versorgung gibt, wo sich kein Mediziner mehr hintraut, weil das Risiko einer Praxispleite zu groß ist. Dass das nicht unbedingt stimmt, ist jetzt bewiesen.

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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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