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Gesundheit Ärzte bieten immer mehr Leistungen privat an

10.07.2007 ·  Kassenpatienten werden in Arztpraxen immer öfter Zusatzleistungen angeboten, die nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Im vergangenen Jahr habe jeder Vierte gesetzlich Versicherte ein solches Angebot erhalten.

Von Andreas Mihm
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Kassenpatienten werden in Arztpraxen immer öfter Zusatzleistungen angeboten, die nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag vorgestellte neue Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (Wido). Im vergangenen Jahr habe ein Viertel der gesetzlich Versicherten, hochgerechnet wären das 18 Millionen Patienten, ein solches Angebot erhalten. Zwei Jahre zuvor seien es noch 23 Prozent gewesen. Das Wido moniert, dass zwei Drittel der Leistungen ohne die notwendige schriftliche Vereinbarung zustande gekommen seien. Es bestätigt die Feststellungen aus dem Jahr 2005, dass Patienten mit höherem Einkommen öfter solche Leistungen angeboten bekämen.

Die sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) sind ein auch innerhalb der Ärzteschaft umstrittenes Angebot. Denn sie umfassen allesamt Leistungen, die die im gemeinsamen Bundesausschuss vereinte Selbstverwaltung der Ärzte und Krankenkassen nicht als medizinisch notwendig anerkennt und deshalb auch nicht in den Leistungskatalog der Kassen aufgenommen hat. Der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen hält deshalb viele Igel-Angebote schlicht für überflüssig und warnt, einzelne seien „medizinisch umstritten und können sogar gesundheitsschädlich sein“. Dagegen sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Roland Stahl: „Die Zusatzleistungen können aber im Einzelfall durchaus sinnvoll sein.“ Er weist die Vermutung zurück, Ärzte könnten aus finanziellen Gründen „ihre Patienten über den Tisch ziehen“. Es komme auf das individuelle Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient an. Beispielhaft für sinnvolle Leitungen nennt Stahl Reiseschutzimpfungen, die die Kassen nicht bezahlten.

Ultraschall an der Spitze

Reiseschutzimpfungen liegen allerdings erst auf Platz acht der am meisten angebotenen Leistungen, die das AOK-Institut in einer als repräsentativ beschriebenen Telefonumfrage unter 3000 Kassenpatienten herausgefiltert hat. An der Spitze stehen demnach Ultraschall, Messungen des Augeninnendrucks und ergänzende Krebsfrüherkennung bei Frauen. Schnell ist der Patient hier mit 20 Euro oder mehr dabei. Auch Blutuntersuchungen oder die Bestimmung des PSA-Wertes, der ein Indikator für Prostatakrebs sein kann, werden öfter als Impfungen angeboten. Zu dem Bild passt, dass Fachärzte öfter „igeln“ als Hausärzte.

Weil die ärztlichen Honorare budgetiert sind, weichen offenbar immer mehr Ärzte auf privat zu zahlende Zusatzangebote aus. Folgerichtig erscheinen die Wido-Ergebnisse, nach denen Patienten mit höheren Einkommen und besserer Bildung öfter darauf angesprochen würden. Jeder Dritte der Befragten mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 4000 Euro netto im Monat habe solche Offerten erhalten. Hochgerechnet hätten die Ärzte mit Igel-Angeboten im vergangenen Jahr einen „Umsatz von rund einer Milliarde Euro“ erwirtschaftet, sagt Wido-Chef Jürgen Kauber. Das entspräche 4,5 Prozent der 22,4 Milliarden Euro, die die Kassen im vergangenen Jahr den Ärzten für die ambulante Behandlung überwiesen.

Bedenkzeit für die Patienten

In Fachmedien, aber auch in Seminaren und auf Kongressen werde zunehmend für Igel geworben, sagt Klaus Zok vom Wido. Im Internetforum „Igelarzt“ heißt es kurz und bündig: „Bei aller berechtigten Diskussion um die medizinisch sinnvolle und ethisch einwandfreie Erbringung von Igel muss ökonomisch ganz klar konstatiert werden: Dem ambulant tätigen Arzt stehen in seiner Berufsausübung gar keine anderen Leistungen zur Verfügung, will er seine Ertragssituation verbessern.“

Im vergangenen Jahr hat sich auch der Deutsche Ärztetag mit dem Thema befasst und Empfehlungen für einen „seriösen und verantwortungsvollen Umgang“ mit individuellen Gesundheitsleistungen beschlossen. So sollten die Leistungen „aus ärztlicher Sicht notwendig oder empfehlenswert, zumindest aber vertretbar“ sein und vom Patienten „ausdrücklich gewünscht werden“. Bei Leistungen, die nicht dem anerkannten Stand der medizinischen Wissenschaft entsprächen, müsse umfassend über mögliche Alternativen aufgeklärt werden. Vor Abschluss des Behandlungsvertrages solle der Patient Bedenkzeit und nach der Therapie „eine transparente Rechnung auf der Grundlage der Gebührenordnung für Ärzte erhalten“. Gemessen an den Feststellungen des AOK-Instituts, bleibt noch einiges zu tun: Für zwei von drei Igel-Leistungen gebe es keinen Behandlungsvertrag, für jede fünfte sei keine Rechnung ausgestellt worden, sagt Zok. Er rät Patienten, die sich durch ärztliche Zusatzangebote verunsichert fühlen, den Rat ihrer Krankenkasse oder einer Verbraucherzentrale zu suchen.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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