Home
http://www.faz.net/-gqg-y65i
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gesetzentwurf der Bundesregierung Kohlendioxid soll in unterirdische Lager

01.04.2009 ·  Ein Gesetzentwurf der Bundesregierung soll den Rechtsrahmen für die Abscheidung, den Transport und die dauerhafte Speicherung von Kohlendioxid in tiefen Gesteinsschichten setzen. Mit einer neuen Technik verbinden sich auch Hoffnungen für den Export.

Von Andreas Mihm, Berlin
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (10)

Die Bundesregierung hat am Mittwoch einen Gesetzentwurf beschlossen, der die unterirdische Lagerung von Kohlendioxid (CO2) regeln soll. Er setzt den Rechtsrahmen für die Abscheidung, den Transport und die dauerhafte Speicherung von Kohlendioxid in tiefen Gesteinsschichten. Das Verfahren heißt im englischen Fachjargon „Carbon Capture and Storage“ (CCS). Das Gesetz, das eine Richtlinie der Europäischen Union umsetzt, soll noch vor der Sommerpause vom Bundestag verabschiedet werden. Große Stromkonzerne wie RWE, Vattenfall und Eon hätten damit Rechtssicherheit für den Bau von CCS-Modellprojekten, der an Stein- und Braunkohlekraftwerken geplant wird.

Die Abscheidung und Lagerung des Kohlendioxids gilt als Voraussetzung dafür, dass auch künftig Strom aus der Verbrennung von Kohle gewonnen werden kann, ohne dass damit die Umwelt in hohem Maße mit Kohlendioxid belastet wird. Mit der Technik verbinden sich auch Hoffnungen für den Export, zum Beispiel nach China und Indien.

Am Klimaschutz wird nicht gerüttelt

Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte, die neue Technik könnte Kohlekraftwerken eine Perspektive geben, weil sie damit „weniger schädlich für das Klima werden“. Am Klimaschutz werde damit nicht gerüttelt, weil es in Europa bei der Deckelung der Emissionen bleibe. Der Entwurf sehe hohe Umweltstandards vor. Entscheidend sei, dass die Speicher in ehemaligen Gaslagerstätten oder Salzwasser führenden Gesteinsschichten auf Dauer sicher seien.

Gabriel wie auch Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kritisierten „zum Teil nicht rationale Diskussionen über die CO2-Speicherung“ und damit angeblich verbundene Gefahren. Darauf weisen verstärkt Umweltgruppen hin, die zugleich aus Klimaschutzgründen den völligen Verzicht auf die Verstromung von Kohle verlangen. 44 Prozent des deutschen Stromverbrauchs wurden im vergangenen Jahr nach Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen durch Kohleverstromung gedeckt, 23 Prozent durch Atomenergie.

Ein tragfähiger Ansatz

Guttenberg nannte das Gesetz einen „tragfähigen Ansatz“. Zuvor hatten sich die beiden Ministerien über Haftungs- und Kontrollfragen gestritten. Der jetzt vorgelegte Kompromiss sein „kein abschließender Rechtsrahmen“, sagte Gabriel, sondern solle nur für die drei derzeit erwogenen Modellanlagen gelten, für die es auch EU-Zuschüsse gibt. Im Jahr 2015 sollen die Erfahrungen mit den Anlagen ausgewertet werden.

Für Schadensfälle sollen die Betreiber bis zu 30 Jahre nach dem Auffüllen des Speichers verantwortlich sein. Bei einer Kraftwerksbetriebszeit von rund 40 Jahren falle das Risiko nach 70 bis maximal 80 Jahren auf den Staat zurück. Die Betreiber müssten zudem mit der Abscheidung der ersten Tonne Kohlendioxid entweder eine Schadensversicherung nachweisen oder beim Land eine Gebühr hinterlegen. Die Energiewirtschaft hieß den Gesetzentwurf gut, Umweltverbände zeigten sich skeptisch, ob eine langfristig sichere Verwahrung möglich sei.

Ein weiter Weg zum „sauberen“ Kohlekraftwerk

Das Abscheiden und anschließende Verbringen des Klimagases Kohlendioxid in sichere unterirdische Lager (CCS) hat für die deutschen Stromerzeuger große Bedeutung. Künftig müssen sie für jede Tonne Kohlendioxid ein Emissionszertifikat kaufen, steigende Preise für die Zertifikate machen die Kohleverstromung immer teurer. Mit CCS könnte es dagegen gelingen, die Stromerzeugung aus Kohle zu großen Teilen kohlendioxidfrei zu machen. Zwei Zahlen machen die Bedeutung klar: 44 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohle und Kohlekraftwerken und sind die mit Abstand größten deutschen Kohlendioxidemittenten.

Es gibt mehrere Verfahren zur Abscheidung von Kohlendioxid im Kraftwerk. Sie werden in den kommenden Jahren mittels großtechnischer Anlagen erprobt. Das wird nicht billig. Der Bau von Anlagen, Pipelines sowie die Erkundung und Vorbereitung der Speicher kosten Milliarden Euro. Hinzu kommt, dass der Wirkungsgrad der Kraftwerke durch die neue Technik sinkt. Um die gleiche Menge Strom zu erzeugen, muss künftig erhebliche mehr Kohle verfeuert werden. Ziel der sogenannten Sequestrierung ist es, das Treibhausgas von der Atmosphäre zu isolieren und für eine möglichst lange Zeit zu speichern. Als Lagerstätten sind geologische Formationen vorgesehen, vor allem erschöpfte Gaslager (auch in der Nordsee) oder Salzwasser führende Gesteinsschichten.

In Deutschland kommen vor allem Lagerstätten in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein in Betracht. Nahe der brandenburgischen Stadt Ketzin wird ein solches Sequestrierungsprojekt erprobt. Die porösen, in 700 Meter Tiefe befindlichen Sandstein-Injektionsschichten werden dabei von undurchlässigen seitlich abfallenden Gips- und Tongesteinen überdeckt. Die geologische Struktur lässt ein horizontales Entweichen des Gases nicht zu. Unsicherheiten bei der Sequestrierung gibt es derzeit, was die möglichen chemischen Reaktionen des Gases im Untergrund angeht. In der Zeitschrift „Nature“ wird über Experimente in verschiedenen Gasfeldern Nordamerikas, Europas und Chinas berichtet, wonach sich das Kohlendioxid möglicherweise zum großen Teil im Grundwasser löst und so am Ende wieder in die Atmosphäre abgegeben werden könnte.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Gute Wirtschaftspolitik

Von Winand von Petersdorff

Der Vorwurf: Deutschland lebt mit seinem parasitären Wirtschaftsmodell auf Kosten anderer Länder. Doch die Taktik der Bundesregierung stiftet Vertrauen für die nächsten Jahre. Mehr 8 36

17.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.848,03 +1,42%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.