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Gepäppelte Branche : Die Solarindustrie ist auch ein Förderopfer

Sonnenblick: Solarpark „Gut Erlasee“ der Firma Solon Bild: ddp

Kaum eine Branche hat in den vergangenen Jahren so sehr von Förderung profitiert wie die Solarindustrie. Aber auch viele Milliarden Euro bieten keine Garantie fürs Überleben - im Gegenteil.

          Schlecht geht es der Solarindustrie. Als die deutschen Unternehmen im November ihre Quartalszahlen vorlegten, enttäuschten selbst Hoffnungsträger wie Solarworld oder SMA Solar. Ganz zu schweigen von Firmen wie Solon, die ums Überleben kämpfen. Die Geschäfte laufen schleppend wie selten zuvor. Ganz im Gegensatz zum breiten Strom der Milliarden-Subventionen, den scheinbar nichts aufhalten kann. Wie passt das zusammen?

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf den ersten Blick gar nicht. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Branche zugleich Förderprofiteur und Förderopfer ist. Fachleute sind sich einig, dass das im Jahr 2000 in Kraft getretene Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die Solarindustrie in Deutschland groß gemacht hat. Der Aufstieg vor allem in den neuen Bundesländern, Leuchtturmprojekte wie das Solar Valley, 85.000 bis 130.000 neue Arbeitsplätze in ganz Deutschland - dies alles wäre ohne die auf das EEG fußende Einspeisevergütung nicht möglich gewesen. Das bezweifeln auch Kritiker nicht.

          Die Förderung von „grünem Strom“ aus Photovoltaik-, Wind-, Wasser- und Biomasseanlagen kostet aber richtig viel Geld. Jeder Stromkunde muss für die Einspeisevergütung rund 3,5 Cent zusätzlich pro Kilowattstunde zahlen, und das bis zu zwei Jahrzehnte lang. Alleine die zwischen 2000 und 2010 eingerichteten Photovoltaik-Anlagen ziehen Folgekosten von 81,5 Milliarden Euro nach sich, wie Manuel Frondel vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI ausgerechnet hat. Jeder Deutsche bezuschusst also den Sonnenstrom mit 1000 Euro - und dieser Betrag erhöht sich mit jeder künftig zusätzlich eingerichteten Anlage.

          „Die Chinesen sind der Hauptprofiteur“

          Das EEG sollte in erster Linie den Klimaschutz fördern; man könnte es aber auch als Förderprogramm für die deutsche Industrie lesen. Doch dieser zweite Aspekt hat sich mittlerweile ins Gegenteil verkehrt. „Die Chinesen sind der Hauptprofiteur des Erneuerbare-Energien-Gesetzes“, sagt Wolfgang Hummel vom Zentrum für Solarmarktforschung Berlin. „Das EEG sichert mehr Arbeitsplätze in China als in Deutschland.“

          Skeptiker hatten dies schon lange befürchtet, und Hummel hat die These nun mit exakten Daten unterfüttert. Seine Auswertung der deutschen Außenhandelsstatistik des ersten Halbjahres 2011 ergab, dass asiatische Unternehmen ihre Vormachtstellung in Deutschland weiter ausgebaut haben. Chinas Marktanteil im Zellen- und Modulgeschäft in Deutschland liegt demnach bei mehr als 60 Prozent. Der deutsche Anteil liege bei weniger als 15 Prozent, Tendenz weiter fallend. Hummel glaubt zu wissen warum: „Deutschland hat international das finanziell attraktivste Photovoltaik-Förderprogramm. Der Marktzugang ist völlig unbeschränkt. In umgekehrter Richtung gilt dies nicht.“

          Sonnenstrom-Dämmerung

          Die Branchenlobbyisten beharren dennoch auf einer weiter kräftigen Förderung. Wenn von Seiten der Politik der Ruf nach einer Begrenzung kommt - wie zu Wochenbeginn seitens der Vorsitzenden der Regierungsfraktionen von Union und FDP - sehen Interessenvertreter wie der Bundesverband Solarwirtschaft schon eine Sonnenstrom-Dämmerung heraufziehen: „Eine Umsetzung der Vorstöße würde den Ausbau der erneuerbaren Energien ausbremsen und die Zukunftsbranche Solarenergie gefährden.“

          Dabei kommt die wahre Gefahr für die „Zukunftsbranche“, zumindest für den deutschen Teil, eher aus dem Fernen Osten. Den Sonnenstromern droht nun das Schicksal, das beispielsweise die deutsche Unterhaltungselektronik mit einst klangvollen Namen wie Grundig oder Telefunken schon lange vorher ereilt hat: Die Asiaten können es viel billiger. Rund 20 Prozent liegen die Fertigungskosten der Chinesen unter denen der Konkurrenz in Deutschland und Europa, schätzen die Unternehmensberater der Boston Consulting Group.

          Aber sie können nicht nur billiger produzieren, sie beherrschen die Klaviatur der Subvention inzwischen mindestens genauso gut wie die Europäer. Wenn Geschäftsführer hiesiger Solarfirmen über die „Rahmenbedingungen“ in China reden, können sie ihren Ärger nur schwer unter Kontrolle bringen. Man ärgert sich über milliardenschwere zinsgünstige Kredite für Produzenten wie Yingli oder Suntech. Und über die damit erzeugten massiven Überkapazitäten und den damit verbundenen massiven Preisverfall. Heute liege der Modulpreis bei 20 Prozent des Niveaus von 2008, rechnet der Geschäftsführer eines Berliner Modulherstellers vor. Mit der technischen Entwicklung könne man diesen Niedergang nicht auffangen. Immerhin einer kann sich darüber freuen: der Solarkunde. Aber mit Marktwirtschaft hat dieser Förderwettlauf inzwischen eher wenig zu tun.

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