http://www.faz.net/-gqe-ywfq

Generation 60plus : Die geschenkten Jahre

„Einen Menschen lieben, heißt mit ihm alt zu werden” Bild: Corbis

Alter klingt verdächtig nach Pflegenotstand und Demenz. Dabei ist das lange Leben einer der größten Triumphe der Menschheit: Wir werden nicht bloß älter. Wir leben auch immer länger, immer gesünder. Ein Spezial mit Texten, Tabellen und Literaturtipps.

          Alt werden ist noch immer die beste Möglichkeit, lange zu leben“, lautet ein Diktum, das dem Wiener Dichter Hugo von Hofmannsthal zugeschrieben wird. Da schwingt viel Traurigkeit darüber mit. Alt werden wollen zwar alle, alt sein will keiner. „Das Alter ist selbst schon eine Krankheit“, wussten die Lateiner.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Inzwischen kann Entwarnung gegeben werden: Noch nie war alt sein so schön wie heute. Und noch nie hatten die Menschen so viel Zeit zum Altwerden. Das liegt an den vielen zusätzlichen Jahren, die uns zum Leben bleiben. In gut einem Jahrhundert haben wir rund dreißig Jahre dazugewonnen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug die Lebenserwartung der Frauen in Deutschland 48 und die der Männer 45 Jahre. Heute liegt sie bei 82 und 77 Jahren. Während um 1900 die damals Sechzigjährigen noch zwölf bis vierzehn Jahre zu leben hatten, dürfen sie heute mit 21 (Männer) und 25 Jahren (Frauen) Lebenszugewinn rechnen.

          Es sind geschenkte Jahre. Zwischen eineinhalb und dreieinhalb Jahre – je nachdem, ob man an einen defensiven oder mutigen Forscher gerät – verlängert sich unsere Lebenserwartung in jeder Dekade. Absolut gesehen sind die Deutschen noch nicht einmal Spitze: Im europäischen Vergleich nehmen die Franzosen den ersten Platz ein (wegen Wein und Käse?). Die Hälfte der französischen Babys, die 2007 geboren wurden, können ein Alter von 104 Jahren erwarten. Im internationalen Vergleich liegt Japan ganz vorne (wegen Sushi?), wo es inzwischen die meisten Hundertjährigen auf der Welt gibt. Heute ist nicht mehr die zurückgehende Kindersterblichkeit für den Lebensgewinn verantwortlich, sondern die Langlebigkeit der über Sechzigjährigen. Dass die Frauen statistisch älter werden als die Männer, scheint im Übrigen nicht nur ein Resultat ihres gesünderen und stressärmeren Lebens, sondern der Bauplan der Biologie zu sein. Das haben Studien bei Mönchen und Nonnen ergeben, deren Alltag – ein steter Wechsel von ora und labora, Beten und Arbeiten – nahezu identisch ist.

          Gibt es eine biologische Lebensgrenze?

          Heiß umstritten ist die Frage, ob es eine biologische Lebensgrenze gibt. Viele Altersbiologen haben sich darauf geeinigt, dass mit 125 Jahren ein für alle mal Schluss ist. „Blödsinn“, sagen andere Altersforscher. „Unsere Lebensspanne könnte theoretisch endlos wachsen“, behauptet der international renommierte Fachmann James Vaupel, der das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock leitet. Wer von beiden recht hat, kann heute (noch) niemand wissen: Jeanne Calment aus Arles, offiziell die älteste Person der Weltgeschichte, starb im Jahr 1997 im Alter von 122 Jahren, fünf Monaten und 14 Tagen. Die Südfranzösin aus Arles führte ihr biblisches Alter auf den Genuss von Olivenöl, Knoblauch, Gemüse und täglich einem Gläschen Portwein zurück.

          Weitere Themen

          Späte schwarze Sonne

          Ausstellung in Arles : Späte schwarze Sonne

          Die Fondation Vincent van Gogh in Arles zeigt Kunst im Zeichen des alles versengenden Zentralgestirns. An den jeweiligen Darstellungen der Sonne lässt sich viel über Brüche und Wanderbewegungen innerhalb der modernen Kunst ablesen.

          Die Diktatur der Uhr Video-Seite öffnen

          Hektik, Stress und Zeitnot : Die Diktatur der Uhr

          Nie hatten Menschen so viel Zeit wie heute. Gleichzeitig das Gefühl, immer gehetzt zu sein. Was ist mit unserem Zeitgefühl passiert? Warum leben wir auf der Überholspur und wie hat die Uhr uns dabei beeinflusst?

          Topmeldungen

          Mitgliederverluste der Kirchen : Entscheidungschristentum

          Die Kirchen verlieren Mitglieder ohne Ende. In wenigen Jahren droht eine doppelte Zäsur. Aufhalten lässt sich das Ganze nicht – aber die Grundhaltung wird entscheidend sein. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.