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Veröffentlicht: 11.03.2016, 19:58 Uhr

Geldpolitik Wenn es Geld vom Himmel regnet

Mario Draghi hat die Politik des billigen Geldes noch einmal ausgeweitet. Ökonomen fürchten, dass das Pulver nun verschossen ist. Ein Mittel gäbe es aber vielleicht noch - Helikoptergeld. Bleibt das ein akademisches Gedankenexperiment?

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© Lehnen, Etienne Jetzt bitte abwerfen!

Es klingt zunächst wie ein skurriler Scherz, doch wird die Idee inzwischen in Finanzkreisen ernsthaft erörtert: „Helikoptergeld“ lautet das Stichwort. Damit soll der kränkelnden Wirtschaft ein Schub gegeben werden, um den Absturz in eine Rezession zu verhindern. Dies müsse geschehen, weil die bisherige konventionelle und unkonventionelle Geldpolitik mit ihrem Latein am Ende sei und ihr „Quantitative Easing“ nicht ausreichend wirke.

Philip Plickert Folgen:

Gemeint ist mit Helikoptergeld, dass die Zentralbank (direkt oder indirekt) große Mengen Geld unters Volk bringt und damit der Konsum angeregt wird. Vor vier Jahrzehnten hatte Milton Friedman das Bild des Helikopters gewählt, um Wirkungszusammenhänge in der Geldpolitik zu illustrieren. Was passiert, wenn eines Tages ein Hubschrauber über einer Stadt fliegt und 1000-Dollar-Scheine vom Himmel regnen lässt? Friedmans Antwort: Die Inflation wird steigen. Ben Bernanke erörterte als Chef der amerikanischen Zentralbank vor rund anderthalb Jahrzehnten, ob Japan mit Helikopter-Money aus der Deflationsspirale finden könne.

Am Donnerstag hat nun die Europäische Zentralbank mit drastischen Mitteln ihre Politik des billigen Geldes noch einmal ausgeweitet. Tatsächlich wurde auf der Pressekonferenz nach der Sitzung der Währungshüter auch das Thema „Helikoptergeld“ angeschnitten. „Es ist ein sehr interessantes Konzept, das derzeit von akademischen Ökonomen in den verschiedensten Umfeldern diskutiert wird“, sagte Mario Draghi auf eine entsprechende Frage. Doch die EZB habe das Konzept „noch nicht“ studiert. Es sei komplex - rechtlich und buchhalterisch. Zudem könnten mit dem Begriff „Helikoptergeld“ ganz verschiedene Dinge gemeint sein.

MILTON FRIEDMAN © AP Vergrößern Der Ökonom Milton Friedman hat das Gedankenexperiment vor Jahrzehnten erfunden.

Bislang jedenfalls war die Sache stets ein akademisches Gedankenexperiment geblieben - und in der praktisches Geldpolitik ein Tabu. So hat es auch Adair Turner gesehen. Helikoptergeld sei „etwas, über das wir nicht einmal nachdenken sollten“, laute die gängige Meinung. Turner, der frühere Chef der britischen Finanzaufsicht FSA, hat dennoch darüber nachgedacht. Und er kam zu dem Schluss, dass in einer Welt, die bis zur Halskrause in Schulden stecke, wie er es in seinem Buch „Between Debt and the Devil“ (Zwischen Schulden und Teufel) beschreibt, Helikoptergeld die letzte Rettung sei. Seit einiger Zeit reist der Lord nun um die Welt und wirbt dafür, Staatsausgabenfinanzierung durch die Notenbank zuzulassen.

 
Helikopter-Geld: Wenn es Geld vom Himmel regnet

An den Rändern des politischen Spektrums gibt es schon länger Politiker, die Sympathien für eine Notenbankfinanzierung von Konjunkturprogrammen haben. Der stramm linke Vorsitzende der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbin, ist für „Quantitative Easing for the people“; Marine Le Pen, die Chefin des rechten französischen Front National, liebäugelt ebenso mit der Notenpresse, um die Wirtschaft anzukurbeln und Haushaltsdefizite zu decken. Neu ist, dass diese Ideen auch von renommierten Ökonomen wie Turner vertreten werden, natürlich mit sehr viel ausgefeilterer Begründung.

The Chairman of the Financial Services Authority Adair Turner leaves Downing Street in London © Reuters Vergrößern Adair Turner

Besonders im angelsächsischen Raum stößt die Idee auf offene Ohren. Der einflussreiche Kolumnist der britischen „Financial Times“ Martin Wolf sowie jüngst auch das Magazin „The Economist“ schreiben auffällig wohlwollend über Helikoptergeld. Die „Hubschrauber-Abwürfe könnten nicht mehr fern sein“, orakelte Wolf vor zwei Wochen. Die Zentralbanken hätten schon mit der Einführung von Negativzinsen das zuvor Undenkbare gewagt. Nun müssten sie noch gewagtere Manöver beginnen, um die Inflation anzuheben und die chronische Nachfrageschwäche auszugleichen, die Wolf diagnostiziert. Mit dieser Klage geht Wolf weit über traditionelle keynesianische Rezepte hinaus, die eher auf schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen basieren. Da aber der Staat schon so hoch verschuldet sei, sollte die Zentralbank das Geld einfach drucken beziehungsweise elektronisch schaffen.

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In Deutschland reagieren die meisten Ökonomen allergisch auf solche Vorschläge. Sie sehen die Schwäche der südeuropäischen Volkswirtschaften eher in strukturellen Problemen begründet, vornehmlich in nicht wettbewerbsfähigen Kostenstrukturen. Der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg von der Universität Hannover sagt: „Sie können nicht längerfristige strukturelle Probleme mit Gelddrucken lösen. Das ist eine Illusion.“ Aber es gibt auch andere Meinungen: Klaus Adam von der Universität Mannheim stimmt zwar zu, dass Helikoptergeld keine strukturelle Lösung sei. Zur Finanzierung eines kurzfristigen Stimulus, um die niedrige Inflation zu erhöhen, kann er der Idee aber etwas abgewinnen, dass die europäischen Zentralbanken ihre Ausschüttungen an die Staaten erhöhen, so dass die öffentliche Hand mehr Spielraum für zusätzliche Ausgaben bekommt. Aber wäre das nicht „monetäre Staatsfinanzierung“, die der EZB verboten ist? Nein, meint Adam, es wäre keine monetäre Staatsfinanzierung, wenn die Notenbank aus eigenem Antrieb und zur Erreichung ihr Inflationsziels handelte.

Viele Ökonomen bleiben hoch skeptisch. Das Helikoptergeld-Experiment würde wie die letzte Verzweiflungstat vor einem Zusammenbruch wirken. „Mit Helikoptergeld ruinieren wir auch noch den Rest dessen, was von unserem Geldsystem übrig ist“, schrieb der frühere Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer schon im vergangenen Jahr. Er glaubt, dass nach einem solchen Vertrauenskollaps der Weg für einen Neuanfang mit einem alternativen Währungssystem möglich wäre. Der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing ist tief pessimistisch: „Kann man sich aber ernsthaft vorstellen, eine Notenbank könne Geld verschenken und in der Zukunft noch Herr der Geldschöpfung bleiben? Wenn dieser Sündenfall erst einmal eingetreten ist, gibt es kein Halten mehr“, warnte er.

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