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Geldpolitik : Draghi kündigt Nullzins bis Ende 2016 an

Mario Draghi Bild: AP

EZB-Präsident Mario Draghi hat so deutlich wie noch nie durchblicken lassen, dass die Zentralbank den Leitzins wohl noch zweieinhalb Jahre auf dem gegenwärtigen Rekordtief nahe null belassen wird.

          Mario Draghi hat durchblicken lassen, dass die Zinsen der Europäischen Zentralbank wohl noch für mindestens
          weitere zweieinhalb Jahre niedrig bleiben werden. Die Banken würden Zugang zu unbegrenzter Liquidität von der EZB bis Ende 2016 erhalten. „Das ist ein Signal“, sagte Draghi in einem Interview mit der niederländischen Zeitung „De Telegraaf“ auf die Frage, wie lange die Leitzinsen auf dem gegenwärtigen niedrigen Niveau stehen bleiben würden. Anfang Juni hat die Zentralbank den Finanzierungszins auf 0,15 Prozent gesenkt und den Einlagenzins für Banken mit minus 0,1 Prozent sogar in den negativen Bereich gedrückt. Zugleich kündigte die Zentralbank „zielgerichtete“ Langfristkredite von bis zu 400 Milliarden Euro an die Banken an.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          „Unser Programm zur Stützung der Bankenkredite an Unternehmen wird für vier Jahre weitergehen“, unterstrich Draghi in dem Interview. „Das zeigt, dass die Zinsen für einen längeren Zeitraum niedrig bleiben werden.“ Aber danach würden sie anziehen, wenn die Konjunkturerholung an Stärke gewinnt. Allerdings sei die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone derzeit „immer noch schwach und ungleichmäßig“. „In der Weltwirtschaft können unvorhergesehene Ereignisse eintreten, die die Lage rasch ändern können.”, fügte er hinzu.

          Draghi besorgt über Folgen niedriger Inflation für Schuldenabbau

          Ausdrücklich betonte Draghi, dass die niedrige Inflation für die Schuldenländer ein besonderes Problem sei: „Der Schuldenabbau, der in großen Teilen des Euroraums von großer Bedeutung ist, wird durch niedrige Inflation erschwert.“ Sollte sich der Inflationsausblick weiter abschwächen, wäre ein massenhaftes Ankaufprogramm für Wertpapierkäufe „die Antwort“, sagte der Zentralbank-Präsident. „Eine quantitative Lockerung kann nicht nur Staatsanleihen, sondern auch Kredite des privaten Sektors umfassen” führte Draghi aus. „Wir werden das diskutieren, wenn die Zeit dafür da ist.” Die Bundesbank steht einem solchen Kaufprogramm sehr skeptisch gegenüber, weil ein breiter Ankauf von Staatsanleihen einer verbotenen Staatsfinanzierung gleichkäme und die Zinsen für die Krisenländer ohnehin schon sehr niedrig sind.

          Außerdem treibt die Sorge wegen einer möglichen Immobilienpreisblase in den Eurokernländern eine zunehmende Zahl von Notenbankern um. EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio warnte am Montag in Frankfurt: „Unsere Analysen und die des Internationalen Währungsfonds deuten darauf hin, dass es in einigen speziellen Immobilienmärkten Anzeichen für eine Überhitzung geben könnte.“ Ein Grund dafür seien auch die niedrigen Zinsen, die zu einer Jagd der Investoren nach Rendite führten. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret hatte vergangene Woche die Warnung der Notenbank verstärkt. Die deutlichen Preissteigerungen, die bislang auf Metropolen wie Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt und Stuttgart beschränkt waren, seien mittlerweile auch in mittelgroßen Städten zu beobachten. Dort seien Häuser und Wohnungen um 10 bis 20 Prozent überbewertet, in den Ballungsräumen um bis zu 25 Prozent.

          Eine Abkehr von den Niedrigzinsen ist nach Draghis Worten indes kaum zu erwarten. Analysten werteten das „Telegraaf“-Interview als Bestätigung, dass die EZB erst sehr viel später als etwa die amerikanische oder die britische Zentralbank ihre Geldpolitik straffen werde. „Das ist jetzt die Konsens-Erwartung an den Märkten, dass die EZB den Leitzins bis Ende 2016 niedrig hält und wohl erst Anfang 2017 sachte anheben wird“, sagte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Bank. Die amerikanische Federal Reserve wird nach Erwartung der Märkte schon im ersten Halbjahr 2015 den Leitzins anzuheben beginnen.

          Unterdessen beginnen sich Zentralbanken rund um den Globus auf den langsamen Ausstieg der Fed aus ihrer ultraexpansiven Geldpolitik vorzubereiten, im Fachjargon „Tapering“ genannt. Viele Reservemanager der Zentralbanken befürchten, dass die steigenden Zinsen in Amerika zu Verlusten in ihren Anleihebeständen führen werden. Das zeigt eine Umfrage der Fachpublikation „Central Banking Publications“ unter 69 Zentralbanken, die zusammen 6,7 Billionen an Reserven halten. Viele denken darüber nach, die Laufzeiten der Anleihen zu verkürzen. Mehr als die Hälfte der Zentralbanker sagte, der Zinsanstieg sei für ihre Anleihebestände das wichtigste Risiko. Denn wenn die Renditen steigen, fallen die Kurse der Anleihen. Vor allem für die Asiaten, die zum Teil sehr große Reserven in amerikanischen Anleihen angelegt haben, könnte dies empfindliche Marktwertverluste bedeuten.

          Quelle: F.A.Z.

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