18.03.2009 · Wenn der geldpolitische Rat der amerikanischen Notenbank an diesem Mittwoch seine Entscheidung zur Geldpolitik trifft, geht es ausnahmsweise nicht um den Leitzins. Denn der ist quasi auf Null. Vielmehr geht es nun um die Frage: Soll die Fed Staatsanleihen kaufen und damit noch mehr Geld in den Markt geben?
Von Claus Tigges, WashingtonWenn der geldpolitische Rat der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) an diesem Mittwoch seine Entscheidung zur Geldpolitik trifft, dann geht es ausnahmsweise einmal nicht um das Niveau des Leitzinses: Der Zielzinssatz für Tagesgeld liegt seit Mitte Dezember zwischen 0 und 0,25 Prozent, niedriger geht es nicht.
Zu entscheiden haben die Notenbanker um ihren Vorsitzenden Ben Bernanke vor allem darüber, ob sie zur Stabilisierung des Finanzsystems und der Wirtschaft insgesamt künftig auch amerikanische Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten kaufen wollen. Auf der vergangenen Sitzung im Januar hatte der Rat dies grundsätzlich in Aussicht gestellt. Ein solcher Schritt werde unternommen, sofern davon eine deutliche Verbesserung der Lage auf den Kreditmärkten zu erwarten sei, heißt es in der schriftlichen Begründung zur Entscheidung. Allerdings hat sich der neue Präsident der Fed von New York, William Dudley, vor einigen Tagen skeptisch geäußert, dass der Kauf dieser Anleihen derzeit sinnvoll sei.
Hunderte Milliarden neues Geld
In jedem Fall würde der direkte Erwerb von Anleihen des amerikanischen Schatzamtes nur jene Strategie ergänzen und erweitern, die die Fed nun schon seit Monaten verfolgt: Hunderte von Milliarden Dollar frischen Geldes in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen und dafür von Geschäftsbanken und anderen Finanzmarktakteuren verschiedenste Wertpapiere als Sicherheit zu akzeptieren. In der öffentlichen Diskussion wird das Vorgehen vielfach als „quantitative Lockerung“ der Geldpolitik bezeichnet, was Bernanke selbst aber für nicht ganz zutreffend hält.
Der Ansatz der Fed gleiche zwar der von der Bank von Japan zwischen 2001 und 2006 verfolgten Strategie in der Weise, dass sich die Bilanz der Notenbank erheblich verlängere, sagt Bernanke. Auf der Aktivseite kämen die hereingenommenen Wertpapiere hinzu, auf der Passivseite wüchsen die Reserven der Geschäftsbanken. Im Gegensatz zur japanischen Zentralbank aber konzentriere sich die Fed nicht auf die Erhöhung der Bankreserven, sondern auf die Zusammensetzung der Aktivseite ihrer Bilanz und darauf, wie die dort verbuchten Kreditforderungen und Wertpapiere auf die Kreditvergabebedingungen für Haushalte und Unternehmen wirkten. Bernanke selbst spricht darum deshalb in diesem Zusammenhang von „Kreditlockerung“. Auch die Bank von England hat einen solchen Kurs vor einigen Tagen offiziell eingeschlagen, nennt ihn allerdings tatsächlich „quantitative Lockerung“.
Entspannung am Geldmarkt
Die verschiedenen Fed-Maßnahmen - ihre Bereitstellung zusätzlicher kurzfristiger Liquidität an Banken, direkte Darlehen an Investoren auf Kreditmärkten und die Käufe langfristiger Anleihen von den im vergangenen September verstaatlichten Immobilienfinanzierern Freddie Mac und Fannie Mae - haben nach Einschätzung Bernankes und auch von Bankvolkswirten an Wall Street durchaus Erfolg gebracht. Die Spannungen auf den Geldmärkten haben seit Herbst deutlich abgenommen, der Interbankenzins (London Interbank Offered Rate, Libor) ist gesunken, und auch die Finanzierungsbedingungen für viele Unternehmen haben sich verbessert.
„Dass die Fed ein wenig Druck vom Finanzmarkt genommen hat, erkennt man auch an den gefallenen Hypothekenzinsen“, sagt Harm Bandholz, Ökonom der HVB-Group in New York. Der Zins für ein Hypothekendarlehen mit 30 Jahren Laufzeit betrage derzeit rund 5 Prozent, etwa 1 Prozentpunkt weniger als Ende November. Abzulesen sei die Entspannung auf den Märkten auch daran, dass die Bilanz der Fed seit Mitte Dezember um rund 16 Prozent auf weniger als 2 Billionen Dollar geschrumpft sei. „Zwar ist ein Großteil dieses Rückgangs auf eine geringere ausländische Nachfrage nach Dollar zurückzuführen, vor allem im Rahmen der Swap-Vereinbarungen mit anderen Notenbanken. Aber auch die Nachfrage nach anderen Instrumenten, beispielsweise Diskontkrediten, ist merklich gesunken“, sagt Bandholz. Gleichwohl sei damit zu rechnen, dass sich die Bilanz der Fed wieder aufblähen werde. Die bereits angelegten Programme der Fed zum Kauf von Anleihen, die mit Hypotheken und anderen Konsumentendarlehen abgesichert sind, dürften dazu führen. Bisher kommen die Käufe der sogenannten „mortgage-backed securities“ aber nur schleppend voran; die Fed hat bisher nur für rund 69 Milliarden Dollar solche Titel erworben, vorgesehen sind bis zu 500 Milliarden Dollar.
Warnung vor schädlichen Eingriffen
William Poole, bis vergangenes Jahr Präsident der Fed von St. Louis, rät seinen früheren Kollegen sogar ausdrücklich vom Kauf langfristiger Staatsanleihen ab. „Die Fed sollte davon absehen, direkt auf diesem Markt zu intervenieren in der Absicht, ein bestimmtes Zinsniveau anzusteuern“, sagt Poole.
Der Ökonom warnt vor Turbulenzen auf den Kapitalmärkten zu jenem Zeitpunkt, an dem die Fed ihren Kurs ändern und Staatsanleihen in großem Umfang wieder verkaufen würde. Zudem weist er darauf hin, dass die enge Geldmenge M1, in der Bargeld und Sichtguthaben bei Banken enthalten sind, derzeit mit einer Jahresrate von 35 Prozent wachse. „Das wird mit der Zeit eine große Wirkung auf die Wirtschaft entfalten.“
Sorge über mögliche Deflation
Nach Einschätzung der Investmentbank Goldman Sachs wird sich die Fed zwar letztlich zum direkten Kauf von Staatsanleihen mit langen Laufzeiten entschließen. Gleichwohl werde sie ein Abrutschen in eine Deflation, also einen Rückgang des allgemeinen Preisniveaus, nicht verhindern können. Dies könnte die Wirtschaft zusätzlich lähmen, weil Konsumenten und Unternehmen in der Erwartung fallender Preise Anschaffungen und Investitionen verschieben. Nach ihren Berechnungen wäre angesichts der desolaten Wirtschaftslage eine Ausweitung der Fed-Bilanz auf rund 10 Billionen Dollar notwendig, um einen ausreichend großen monetären Impuls zur Abwendung einer Deflation zu geben. Dies sei zwar theoretisch möglich, die Fed würde aber dann zu einem der wichtigsten Akteure am Kapitalmarkt - mit unerwünschten Folgen für die Preisbildung und erheblichen Risiken bei einem späteren Verkauf der Papiere durch die Fed.
Wirksamer ist nach Ansicht des Chefökonomen von Goldman Sachs, Jan Hatzius, ein weiteres Konjunkturpaket im kommenden Jahr, das ein Volumen von rund 2 Billionen Dollar haben und auf fünf Jahre angelegt sein sollte. Nach Lage der Dinge sagt er für 2010 voraus, dass die für die Fed maßgebliche Kerninflationsrate - sie lässt Lebensmittel- und Energiepreise außen vor - auf minus 0,1 Prozent sinkt. Derzeit beträgt diese Inflationsrate 1,7 Prozent. Schon vor sieben Jahren, als nach dem Zerplatzen der Hightech-Blase schon einmal eine Deflation zu drohen schien, hat Bernanke, damals einfaches Mitglied im Fed-Direktorium, argumentiert, die Geldpolitik sei selbst bei einem Leitzins von 0 Prozent nicht machtlos, da sie zusätzliches Geld in beliebiger Menge drucken und so einen inflationären Impuls geben könne. Dies hat Bernanke den Spitznamen „Helikopter-Ben“ eingetragen, nach einem von Milton Friedman geprägten Begriff, wonach der Notenbanker aus einem Hubschrauber heraus große Mengen Geldes aufs Volk abwirft.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.428,50 | −1,21% |
| EUR/USD | 1,2400 | −0,71% |
| Rohöl Brent Crude | 103,52 $ | −3,12% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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