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Kommentar : Befreit die Kinder vom Code-Wahn!

Andere Länder machen es vor: Digitale Bildung wird immer wichtiger. Bild: obs

Digitales Lernen wird immer wichtiger. Das Thema steht auch auf der Agenda des IT-Gipfels der Bundesregierung. Aber muss wirklich jedes Grundschulkind Codes schreiben können?

          Jede Zeit hat ihre Weisheiten. Die neuste Erkenntnis lautet: „Code ist alles, er regiert die Welt.“ Drum lerne Programmieren, wer nicht in der unverschuldeten Unmündigkeit enden will! Je früher, desto besser, spätestens in der Grundschule.

          So fordert es die Wirtschaft, so tönt es aus der Politik. Das digitale Klassenzimmer steht deshalb auch kommende Woche auf der Agenda des IT-Gipfels der Bundesregierung. Mit fünf Milliarden Euro will Bildungsministerin Johanna Wanka jede Schule im Land mit Computern und W-Lan ausstatten. Denn Code, das Programmieren, so ist man sich einig, ist eine neue Kulturtechnik, die es zu vermitteln gilt wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Stimmt das überhaupt?

          Sicher ist: Eine Handvoll Technologiekonzerne aus dem Silicon Valley prägen mit ihren Algorithmen die Welt. Programmierer sind gefragt wie nie, und immer mehr Arbeitsplätze werden künftig mit IT zu tun haben. Aber muss deshalb jedes Grundschulkind Codes schreiben? Muss jeder Manager, bis hoch zum Vorstand, Programmierkurse besuchen, wie es heute propagiert wird, um nicht den Anschluss an die Digitalisierung zu verlieren?

          „Computer haben in der Grundschule nichts verloren“

          Nein. Programmieren ist ein Handwerkszeug für Spezialisten, um die Ideen anderer umzusetzen: Hoch lebe die Arbeitsteilung! Schließlich fahren wir auch Auto, ohne einen Motor zusammenbasteln zu können. Selbst unter den Internet-Milliardären sind beileibe nicht nur Programmierer: Auf die Geschäftsidee kommt es an. So haben die Samwer-Brüder, Deutschlands Pioniere, Wirtschaft studiert. Das Gleiche gilt für die beiden Zalando-Jungs – sie hatten weder von Schuhen noch von Codes oder den Tiefen im Internet eine Ahnung.

          Trotzdem grassiert in Deutschland die Angst, das Land verbaue sich die Zukunft, wenn nicht schon Kleinkinder digital lernten. Andere Länder machen es ja vor: In England ist „Computing“ ein Pflichtfach für Erstklässler, in Estland und Luxemburg ebenso. Kaum noch jemand wagt dem Code-Dogma zu widersprechen. Allein Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband insistiert: „Computer haben in der Grundschule nichts verloren.“ Der Mann hat recht. Erste Studien zeigen, dass elektronische Medien kleine Kinder nervös machen, dass die Konzentrationsfähigkeit abnimmt, wenn sie vor den Geräten sitzen und spielen. Internet-Gurus wie Bill Gates, Steve Jobs und Amazon-Gründer Jeff Bezos selbst wissen um diese Gefahr. Deshalb sind sie bei den eigenen Kindern restriktiv. Sie empfehlen den Gebrauch von Smartphones erst ab 14 Jahren.

          Steve Jobs sprach mit seinen Kindern über Literatur

          Steve Jobs hat darauf bestanden, mit seinen Kindern beim Essen über Literatur und Geschichte zu debattieren. Puh, wie altbacken. Tesla-Gründer Elon Musk, einer der Vordenker im Silicon Valley, hat als Kind ununterbrochen gelesen, und selbst Mark Zuckerberg, der Welt bekannt als „Nerd“ schlechthin, hat neben Informatik Psychologie studiert (und dann abgebrochen). Seine rechte Hand, Sheryl Sandberg, kann gar nicht programmieren. Zudem schicken viele Manager im Silicon Valley ihre Kinder auf Schulen, in denen Computer verboten sind. Oder gar auf Waldorfschulen, wo sie häkeln lernen statt zu programmieren.

          Sie tun dies aus gutem Grund: Eine breite Bildung ist das Wichtigste, was man den Kindern mitgeben kann, gerade in einer Zeit, in der die künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch ist. Roboter werden Arbeiten von Rechtsanwälten, Steuerprüfern, Ärzten übernehmen, aber nur die Routinetätigkeiten. Roboter haben keine Phantasie. Die hat der Mensch ihnen voraus. Phantasie regt man an, indem man Wissen und Erfahrungen sammelt, den Geist trainiert, logisch zu denken, schräge Bezüge herzustellen, im großen Kontext zu überlegen. Da hilft nur, was Generationen vor uns gemacht haben: Lesen und Rechnen. Alles aufsaugen. Von historischen Romanen bis zur Lyrik. Von naturwissenschaftlichen Traktaten bis zu philosophischen Abhandlungen und IT-Bestsellern. Wenn dann noch Zeit bleibt, kann an den Schulen gerne programmiert werden.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.S.

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