13.06.2008 · Ob Potenzpillen, Schlankheitsmittel oder vermeintlich blutdruckregulierende Tabletten - der Schmuggel von gefälschten Medikamenten nimmt immer größere Ausmaße an. Vor allem aus Asien kommen die Sendungen. Ganz oben auf der Lieferantenliste steht China.
Von Matthias WyssuwaLutz Zimmermann wirft den blauen Sack mit den verdächtigen Postsendungen auf das Fließband. Ein leises Surren, und der Sack verschwindet im Röntgengerät. Auf dem Kontrollbildschirm erscheinen, dicht aneinandergedrängt, quallenartige Formen - Plastiktüten. In deren Bäuchen ruhen kleine dunkle Punkte, mal länglich, mal rund. „Alles gefälschte Medikamente“, sagt Zimmermann. Er ist Zollbeamter am Frankfurter Flughafen, und Arzneimittel - gefälscht und geschmuggelt - findet er immer häufiger auf seinem Röntgenbildschirm.
Allein im vergangenen Jahr stieg die Anzahl der aufgegriffenen Medikamentenfälschungen am Flughafen in Frankfurt fast um das Vierfache im Vergleich zum Vorjahr an: 2297 Sendungen wurden wegen eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz sichergestellt. 2006 waren es noch 654. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres haben Zimmermann und seine Kollegen 877 Vergehen gemeldet und 244.276 Tabletten in Koffern und Paketen gefunden. Vor allem aus Asien kommen die Sendungen: Ganz oben auf der Lieferantenliste steht China.
In Schnaps eingelegte Königskobras
Der gestiegene Zufluss an gefälschten Medikamenten ist an allen europäischen Grenzen zu verspüren: In der Europäischen Union haben die Zollbehörden im vergangenen Jahr nach Angaben der EU-Kommission 52 Prozent mehr Arzneimittel aus Drittländern beschlagnahmt als noch 2006. Dabei ist das Angebot an Fälschungen vielfältig: Von Potenzpillen über Schlankheitsmittel bis hin zu vermeintlich blutdruckregulierenden Tabletten. Im besten Falle haben diese keine Wirkung, im schlimmsten aber sind sie schädlich. „Der hohe Zuwachs beim Medikamentenschmuggel ist besonders gefährlich“, sagt der EU-Kommissar für die Zollunion, László Kovács, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Denn Medikamente richten nicht nur wirtschaftlichen Schaden an, sie gefährden auch die Gesundheit unserer Bürger.“
Nach Frankfurt ist Kovács gekommen, um zu feiern: Am 1. Juli jährt sich zum 40. Mal die Gründung der Europäischen Zollunion - jenes Zusammenschlusses der heute 27 EU-Staaten, der ein gemeinsames europäisches Zollgebiet regelt und verwaltet. „Schützt Bürger und vereinfacht Handel“ steht sperrig auf den Einladungen zur Vorfeier am Frankfurter Flughafen. Kovács möchte die Leistungen der Zollabfertigung präsentieren: Immerhin ist Frankfurt das wichtigste Luftdrehkreuz Europas. Fast 67 Prozent des gesamten europäischen Luftfrachtverkehrs werden über den Flughafen abgewickelt. Und so läuft und fährt der Kommissar gemeinsam mit der geladenen Presse über das Flughafengelände.
Er bestaunt vor gefälschten Schuhen nahezu platzende Reisekoffer und lässt kleine gelbe Drops durch die Hände gleiten, die zu Tausenden aus einer Tasche quellen. Im Anschluss führt der Weg in die „Beschau-Halle“ des Zolls. Auf langen Tischen arrangiert, liegen hier Funde der seltenen Art: Mit Perlen geschmückte Affenköpfe, eine Gitarre, deren Klangkörper einst der Panzer einer Meeresschildkröte war, in Schnaps eingelegte Königskobras und gefälschte Technikprodukte in der Vielfalt eines Elektro-Fachmarkts. „Der Zoll hat es mit einer großen Bandbreite an Verstößen zu tun“, sagt der Leiter der Zollabteilung im Bundesfinanzministerium, Hans-Joachim Stähr. „Der Medikamentenschmuggel ist aber aufgrund des starken Anstiegs in den vergangenen Jahren ein akutes Thema.“
„Nur die Spitze des Eisbergs“
Dass der Handel mit gefälschten Arzneien boomt, hat einen einfachen Grund: Er ist lukrativ. „Bis zu 200 Prozent Gewinn machen Händler von Betäubungsmitteln“, sagt Hans-Joachim Mill. „Bei Medikamenten können die Händler zehnmal mehr Profit erzielen.“ Mill ist Sicherheitschef des Pharmakonzerns Pfizer, Spezialgebiet Medikamentenschmuggel und -fälschung. Immer stärker würden sich die Konzerne in den letzten Jahren bemühen, gemeinsam mit Polizei und Zollbehörden gegen die Schmuggler vorzugehen, sagt Mill. Schließlich sei der wirtschaftliche Schaden, der durch den Handel mit gefälschten Arzneien entsteht, beträchtlich. Nach Angaben der EU-Komission beträgt er international bis zu 35 Milliarden Dollar - das sind gut 10 Prozent des gesamten legalen Medizinhandels. Im vergangenen Jahr, erzählt Mill, wurden europaweit allein 14 Millionen gefälschte Viagra-Pillen seiner Firma entdeckt.
„Die gute Zusammenarbeit mit der Industrie ist ein wichtiger Erfolgsfaktor im Kampf gegen den Handel mit gefälschten Arzneimitteln“, sagt Kovács. Es sei den Zollbeamten allein oft gar nicht möglich, die Fälschungen zu identifizieren. Auch der neue europäische Zollkodex, der Ende Juni in Kraft treten soll, ziele auf eine Verbesserung der Zusammenarbeit. „Die Zollanmeldungen sollen künftig elektronisch erfolgen und nicht nur den Handel erleichtern, sondern auch einen besseren Informationsfluss zwischen Firmen und Zoll ermöglichen“, sagt Kovács. Mill befürwortet den neuen Kodex. Denn, so gesteht er ein, die Fahndung könnte erfolgreicher sein. „Was wir heute finden,“ sagt Mill, „ist nur die Spitze des Eisbergs.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.328,04 | −2,66% |
| Dow Jones | 12.393,50 | −0,21% |
| EUR/USD | 1,2324 | −0,30% |
| Rohöl Brent Crude | 99,80 $ | −1,79% |
| Gold | 1.558,00 $ | 0,00% |
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