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Gefälligkeitsökonomie : Trump und das Unsichtbare

Donald Trump: Steht offenbar nicht so auf das freie Spiel der Märkte. Bild: obs

Trumps Vorstellung von Wirtschaftspolitik wird immer offensichtlicher. Ökonomisch ist der neue Präsident Amerikas kein Liberaler, sondern einer, der Gefälligkeiten erfüllt. Ein Kommentar.

          Der amerikanische Immobilienunternehmer Donald Trump wird an diesem Freitag zum Präsidenten gekürt. Das ist ein guter Anlass, um an gewisse Grundzüge der freien Wettbewerbswirtschaft zu erinnern. Sie hat es schwer in diesen Zeiten. In der Politik sind die Freunde der Marktwirtschaft auf dem Rückzug. Sie hatten stets das Problem der „Verkaufe“, denn eine Politik, die sich bewusst darauf beschränkt, den Wirtschaftsakteuren einen klaren, verlässlichen Rechtsrahmen zu setzen, hat es schwer, mit Einzelereignissen auf Twitter zu protzen.

          In der Wirtschaftswelt, die durch eine solche Politik geformt wird, treffen nun einmal Unternehmer und ihre Manager im Zusammenspiel mit Geldgebern und Arbeitnehmern und im Wettbewerb mit Konkurrenten die unternehmenspolitischen Entscheidungen darüber, was wo wie und zu welchem Preis angeboten wird. Der Markt spielt das Schicksal. Er fällt das Urteil über die Leistung des Unternehmens.

          In diesem Prozess werden Firmen geschlossen und neue gegründet, Konkurrenten überflügelt, Fabriken verlagert, Innovationen vermarktet, Leute gefeuert und Leute eingestellt. So entsteht im besten Fall ein dynamisches Hochleistungssystem zur Verteilung von Gütern und Dienstleistungen mit gelegentlich brutalen Ausschlägen, wenn beispielsweise Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren oder Unternehmen in den Bankrott rutschen. Das ist der Preis, der zu zahlen ist für ein System, das sein Versprechen auf Wohlstand schon oft eindrucksvoll erfüllt hat.

          Gute Wirtschaftspolitik hat die Aufgabe, das Unsichtbare und schwer Wahrnehmbare gegenüber dem Bestehenden zu schützen: Das sind die Unternehmen, die erst morgen gegründet werden oder die Arbeitsplätze, die erst in Zukunft entstehen können, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen stimmen. Das verlangt von den entscheidenden politischen Akteuren, dass sie ihre Energie darauf richten, das Neue zu ermöglichen und Wettbewerbswirtschaft als Ganzes erfolgreicher zu machen. Es fordert von ihnen sogar, dass sie ignorant sind gegenüber Entwicklungen in einzelnen Unternehmen, zumindest, wenn sie den Markt als besseren Richter ansehen als Regierungen. In der Prä-Trump-Ära war das immer Grundkonsens in der Republikanischen Partei.

          Den Arbeitsmarktwandel hält auch Trump nicht auf

          Ansatzpunkte für gute Politik bieten deshalb nicht einzelne Unternehmen, die sich mit der Absicht tragen, zum Beispiel die Produktion von Klimaanlagen aus dem amerikanischen Bundesstaat Indiana nach Mexiko zu verlagern und 1000 Arbeitsplätze zu streichen. Ansatzpunkte liefern vielmehr handfeste ökonomische Daten wie die generelle Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. In jedem Monat werden in den Vereinigten Staaten 5 Millionen Arbeitsplätze geschaffen und fast genauso viele zerstört im täglichen Trubel der Konkurrenz. Ganze Industrien werden Opfer des technologischen Wandels.

          Solche Zahlen entlarven jede politische Intervention zur vermeintlichen Rettung einiger hundert Arbeitsplätze als Akt politischer Willkür. Dazu kommt, dass solche Interventionen in der Regel in Wahrheit Deals sind, in denen Firmen Vorzugsbehandlungen im Gegenzug dafür bekommen, dass sie mit der Rücknahme unternehmerischer Entscheidungen der Politik einen öffentlichen Erfolg gönnen. Das ist unfair. Welche höhere Moral legt eigentlich nahe, dass Industriearbeitsplätze bei einem Klimaanlagenhersteller im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten höher zu bewerten sind als der Arbeitsplatz eines Kochs in einem gescheiterten Restaurant?

          Diese Frage sollte der künftige Präsident Trump einmal beantworten. Trump weiß allerdings nichts von diesem Koch und den anderen rund 5 Millionen Leuten, die im Schnitt jeden Monat ihren Arbeitsplatz verlieren. Er kann deshalb nicht mit ihnen auf Twitter angeben. Die großen Vordenker der Marktwirtschaft hatten dieses Nichtwissen allerdings als Stärke und Voraussetzung für unvoreingenommene Wirtschaftspolitik angesehen.

          Gefälligkeitsökonomie zu Ehren des Präsidenten

          Trump ist erkennbar anders gestrickt. Jüngst protzte er wieder auf Twitter mit all den Arbeitsplätzen, die er in Verabredungen mit Spitzenmanagern geschaffen habe, obwohl er noch gar nicht im Amt sei. Entweder merkt er nicht, oder er nimmt billigend in Kauf, dass er mit seiner erklärten Bereitschaft zu Deals eine Klasse von Arbitrageuren züchtet, die in Zukunft ihren wirtschaftlichen Erfolg im Oval Office sucht statt am Markt. Trump konditioniert Manager, ihm und seinem Ziel der beständigen Produktion twitter-gängiger Erfolgsmeldungen zu dienen statt ihren Kunden und ihren Eigentümern.

          Dabei war er mit der erfrischenden Botschaft angetreten, Washingtons politischen Sumpf trockenzulegen. Jetzt verdichten sich die Anzeichen, dass sich unter der Präsidentschaft des Immobilienunternehmers eine Gefälligkeitsökonomie entwickelt, in der eine Hand die andere Hand wäscht. Das erinnert entfernt an Wladimir Putin, der die Oligarchen nach seiner Pfeife tanzen lässt wie russische Tanzbären und ansonsten keine Wirtschaftserfolge vorzuweisen hat. Trumps größtes Missverständnis ist die Annahme, dass eine Reihe guter Deals gute Wirtschaftspolitik ergibt. Oft stimmt das genaue Gegenteil.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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