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Gastbeitrag : Der Mythos der segensreichen Frauenquote

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Die Befürworter einer verordneten Frauenquote für Aufsichtsräte sagen, sie mache Unternehmen erfolgreicher. Studien widerlegen diese Behauptung. Die Freiheit des Unternehmens bleibt beim Quotenzwang auf der Strecke.

          Bei der Forderung nach einer Frauenpflichtquote für Unternehmen übertrumpfen sich Brüssel und Berlin inzwischen gegenseitig: Den Gesetzentwurf der EU-Kommission hat soeben das EU-Parlament deutlich verschärft, das vergangenes Jahr schon Yves Mersch als Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank mit der Begründung abgelehnt hatte, er sei zwar bestens qualifiziert, aber keine Frau. Inzwischen hat die EZB für ihre Führungsebenen eine Frauenquote verkündet. Die SPD schlägt nun in den Koalitionsverhandlungen vor, 2015 eine Quote von 25 Prozent einzuführen und bis 2021 stufenweise auf 40 Prozent anzuheben. Dass die künftigen Großkoalitionäre eine Quote vorschreiben würden, war klar, nachdem auch die CDU sie in ihr Wahlprogramm aufgenommen hatte. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen verkündete damals in der ihr eigenen Zurückhaltung, dies sei „ein guter Tag für die Wirtschaft und damit auch ein guter Tag für Deutschland“.

          Das so Segensreiche soll darin liegen, dass Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen erfolgreicher seien. Dies würden empirische Studien belegen. Nur: Das tun diese gerade nicht. Die Credit Suisse hat 2012 in der bislang größten Studie 2360 Unternehmen weltweit untersucht. Ergebnis: Firmen, die zumindest eine Frau im Vorstand haben, hätten zwar höhere Renditen. Allerdings berge die Interpretation der Daten „mehr als ein Element von Subjektivität“. Unter anderem verweist die Studie auf Arbeiten von Renée Adams und Daniel Ferreira („Women in the Boardroom and Their Impact on Governance and Performance“) sowie von Kathleen Farrell und Philip Hersch („Additions to Corporate Boards: Does Gender Matter?“), wonach es keinen Kausalzusammenhang zwischen Frauenanteil und Rentabilität gebe; ein höherer Frauenanteil könne statt Ursache auch Folge hoher Rentabilität sein.

          Oft nennen die Quotenverfechter Norwegen als Vorbild, wo das Gesetz 40 Prozent Frauen für Verwaltungsräte vorschreibt. Kenneth Ahern und Amy Dittmar („The Changing of the Boards: The Impact on Firm Valuation of Mandated Female Board Representation“) stellten aber 2011 einen statistisch signifikanten negativen Effekt der Quote auf die Börsenkurse fest. Nach den Zahlen von David Matsa und Amalia Miller („A Female Style in Corporate Leadership?“) hat die Frauenquote in Norwegen auch zu geringerer Rentabilität geführt. Adams und Ferreira gelangten für die Vereinigten Staaten zu einem ähnlichen Ergebnis, dass eine erzwungene Frauenquote bei gut geführten Unternehmen eine Wertminderung bewirken könne.

          Keine empirischen Belege

          Die erwähnten und weitere Studien zeigen nur eines: Empirisch lässt sich nicht belegen, dass Unternehmen mit einem hohen Frauenanteil in den Führungsetagen erfolgreicher seien. Diesen Befund stützt die Wirtschaftstheorie. Unternehmen stehen auch auf der Inputfaktorseite im Wettbewerb: Sie konkurrieren um Arbeitskräfte und Kapital. Gerade börsennotierte Kapitalgesellschaften - und an die richtet sich die Forderung nach einer Frauenquote primär - müssen ihre Leistungsfähigkeit kontinuierlich unter Beweis stellen, um nicht von den Kapitalanlegern abgestraft zu werden. Dies verlangt von ihnen, die besten Führungskräfte einzustellen - unabhängig vom Geschlecht.

          Warum gibt es dann aber viel weniger Frauen in Führungspositionen? Oft wird ein Kartellargument vorgebracht: Männer ließen Frauen nicht aufsteigen, um unter sich zu bleiben. Die betriebswirtschaftliche Realität sieht inzwischen anders aus: Heute suchen viele Unternehmen, auch ohne Quote, gerade für Führungsaufgaben gezielt nach Frauen. Oft ist diese Suche jedoch, Headhunter können ein Lied davon singen, vergeblich. Warum? Erstens streben Frauen, vor allem solche mit Kindern, weniger als Männer gezielt nach Macht und Einfluss, weil sie die nötigen persönlichen Opfer - zeitliche Beanspruchung, häufige Ortsabwesenheit, jederzeitige Gefahr der Ablösung - nicht tragen wollen. Dies zeigen etwa das Projekt „Führungsmotivation im Geschlechtervergleich“ an der Helmut-Schmidt-Universität, eine Studie der Personalberatung Lindlpower oder die Untersuchung von Heinrich Wottawa von der Universität Bochum und anderen. Zweitens gibt es, wie Ahern und Dittmar in ihrer Studie zeigten, zumindest derzeit weit weniger Frauen als Männer mit der geforderten betriebsspezifischen Qualifikation und Führungserfahrung. Beides muss wachsen und über die Unternehmenshierarchien aufgebaut werden. Dies benötigt Zeit.

          Warum maßt sich die Politik an, die Aufsichtsräte umzumodeln? Das finanzielle Desaster der staatlichen Landesbanken war möglich, weil in deren Aufsichtsräten Politiker saßen, die von Bankgeschäften nicht genug verstanden. Ob die Besetzung einem politischen Machtkalkül oder einem geschlechtlichen Proporz folgt, ist egal: Gefährlich ist jede Personalentscheidung, die nicht ausschließlich auf der Eignung basiert.

          Erstaunlich ist, dass unsere Politiker diese Einsicht dann beachten, wenn es nicht um Unternehmen, sondern um Bereiche geht, die unter ihrer direkten politischen Kontrolle stehen. Die Bundeswehr etwa hat 205 Generäle, 204 davon sind Männer. Warum fordern die Quotenpolitiker nicht auch eine Frauenquote von zum Beispiel 40 Prozent für die Generalität und sorgen dafür, dass sie alsbald eingeführt wird? Dies wäre ein Leichtes, denn die Politik hat über die Ministerialverwaltung entscheidenden Einfluss auf die Auswahl des Führungspersonals. Die Antwort liegt auf der Hand: Es fehlt an Frauen mit der erforderlichen Eignung.

          In der politischen Quotendiskussion geht der für unsere freiheitliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung entscheidende Aspekt völlig unter: Selbst wenn Unternehmen mit Frauenquote eindeutig besser dastünden und selbst wenn die Politik mit gutem Beispiel voranginge, so wäre es in einer freiheitlichen Gesellschaft immer noch das Recht des Unternehmens, die Personalentscheidungen unbeeinflusst von staatlicher Manipulation zu fällen - auch wenn es die falschen sein sollten. Das ist die Basis der freiheitlichen Ordnung.

          Prof. Dr. Lüder Gerken ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Ordnungspolitik in Freiburg.

          Quelle: F.A.Z.

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