08.01.2009 · Pünktlich zum orthodoxen Weihnachtsfest beginnt auf dem Balkan das große Zähneklappern. Der russisch-ukrainische Gasstreit hat Südosteuropa eiskalt erwischt. Schulkinder singen sich im Unterricht warm und in den Geschäften beginnt die Jagd auf die letzten Elektroheizgeräte.
In Bulgarien sangen sich die Schulkinder im Unterricht warm. In Bosnien waren Frierende stundenlang auf der Jagd nach den letzten Elektroheizgeräten. Pünktlich zum orthodoxen Weihnachtsfest begann auch in Serbien das große Zähneklappern. Der russisch-ukrainische Gasstreit hat den Balkan eiskalt erwischt. Zehntausende Haushalte haben keine Heizung mehr, seit Russland den Gashahn zugedreht und die Belieferung Europas über die Ukraine gestoppt hat. „Unverantwortlich“, protestierte Bosnien und warnte davor, Millionen Menschen in Gefahr zu bringen.
„Das soll das 21. Jahrhundert sein?“, empörte sich die 51-jährige Snjezana Kordic, die sich in ihrer Wohnung in der Innenstadt von Sarajevo in warme Decken eingemummelt hat. „Wie können die mich bei minus zehn Grad ohne Heizung sitzen lassen, wegen eines Streits, mit dem ich nichts zu tun habe?“
Viele orthodoxe Christen in Serbien, deren Weihnachtsfest am Mittwoch begann, überkam zu den Feiertagen das Schaudern, wenn sie an die Zukunft dachten. „Wir sind abhängig von dem Streit zwischen Russland und der Ukraine. Wie albern ist das denn?“, fragte sich der Belgrader Architekt Djordje Gec.
Zu kalt zum Schreiben: In Schulen wird gesungen, gelesen und gekuschelt
Am härtesten trifft es Bulgarien, das ärmste Mitglied der EU. Es bezieht 92 Prozent seines Gases über die Ukraine aus Russland und kann, anders als Griechenland und die Türkei, nicht auf andere Lieferwege ausweichen. Erdgas wird aber in der Industrie und für die Wärmeversorgung der größeren Städte gebraucht.
Viele Schulen und Kindergärten blieben der Kälte wegen geschlossen. Im Mladost-Bezirk in Sofia behielten die Erstklässler die dicken Wintermäntel im Klassenzimmer an und kuschelten sich gegen die bittere Kälte zusammen. Bei den eisigen Temperaturen draußen befand die Lehrerin, dass es entschieden zu kalt zum Schreiben sei, und ließ die Kinder stattdessen lesen und singen. Im Seebad Warna, der drittgrößten Stadt Bulgariens, fiel in rund 12.000 Haushalten die Heizung aus. Zornige Bürger protestierten vor dem russischen Konsulat mit Parolen wie „Stoppt Putins Gas-Krieg!“
Für Bosnien befürchtete Adis Salkic, der Sprecher des Versorgungsunternehmens Sarajevogas, eine drohende Katastrophe. Das Land bezieht all sein Gas aus Russland über die Ukraine, Ungarn und Serbien und hat keinerlei Reserven. Seit Dienstagabend kam nichts mehr an. Der Lieferstopp sei „unverantwortlich“, schrieb Außenminister Sven Alkalaj in einer Protestnote an Kiew und Moskau. Er „bringt vier Millionen Menschen in Gefahr, die nicht zu Geiseln in einem Streit zwischen Russland und der Ukraine werden sollten“.
Jagd auf Elektroheizer: Binnen Stunden waren alle ausverkauft
Binnen Stunden waren in den Geschäften von Sarajevo sämtliche elektrischen Heizkörper restlos ausverkauft. Viele der 240.000 Menschen, denen der Gashahn abgedreht wurde, krochen bei Verwandten und Freunden unter, die noch mit Öl oder Strom heizen konnten. Andere machten sich auf und fuhren bis ins 120 Kilometer entfernte Mostar, um dort vielleicht noch ein Heizgerät aufzutreiben.
Ähnliche Szenen spielten sich in der bulgarischen Hauptstadt ab, wo Hunderte auf der Suche nach Elektroheizkörpern die Läden stürmten. „Ich bin so froh, dass ich einen erwischt habe“, sagte Zwjatko Pejew, der in einem Geschäft in der Innenstadt das letzte Exemplar ergatterte. „Allerdings fürchte ich, dass die zusätzlichen Stromkosten die Haushaltskasse ruinieren werden.“ (siehe: Gasstreit: Europa erhöht Druck auf Ukraine und Russland und Gaspreise: Der Zickzackweg des Brennstoffs)
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2369 | 0,00% |
| Rohöl Brent Crude | 103,19 $ | −0,06% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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