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Für ein neues Image China kauft ein

 ·  Die Chinesen sind ihr Billig-Image leid und schmücken sich nun mit deutschen Weltmarktführern. Zu jedem Preis. Wie China aufholt, zeigen eine Reportage und eine interaktive Grafik.

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Norbert Scheuch, 52 Jahre, Porsche-Fahrer, verheiratet, zwei Kinder, lernt jetzt Chinesisch. Der Mann führt die Geschäfte des Betonpumpenherstellers Putzmeister aus Aichtal bei Stuttgart, und der deutsche Eigentümer hat die Firma vor kurzem an die Chinesen verkauft. Scheuch hat nun einen neuen Chef. Alle vier Wochen fliegt er nach Changsha.

„Ein chinesisches Dorf mit sieben Millionen Einwohnern“, sagt Scheuch, er grinst. In Changsha ist der Winter mild und der Sommer schwül. Die Stadt ist reich an Superlativen. Der berühmteste Chinese aller Zeiten hat hier studiert, Mao. In Changsha befindet sich das größte Restaurant der Welt. Und die Villa des reichsten Chinesen: Liang Wengen, Eigentümer von vier Maybach-Limousinen, einem Hubschrauber und dem Betonpumpenhersteller Sany. Auf elf Milliarden Dollar wird Liangs Vermögen geschätzt. Jetzt hat er Putzmeister gekauft. Der reichste Chinese ist der neue Chef von Norbert Scheuch.

Scheuch sitzt in seinem Büro in Aichtal und guckt ins Schulheft. Auf dem Cover ist ein kleiner Panda aufgedruckt, der ein rosafarbenes Handy in der Pfote hält. Zum Telefonieren reicht Scheuchs Chinesisch noch nicht. Er ist jetzt „Executive“ von Sany, als erster Europäer in einem chinesischen Konzern. Wenn Scheuch am Vorstandstisch in Changsha sitzt, wird übersetzt. Im Mandarin gibt es mehr als 400 Silben, die auf vier verschiedene Arten betont werden können. Scheuch lernt lieber erst mal Zahlen. „Ér“ ist einfach, das heißt Zwei. Und zwei Milliarden? Scheuch überlegt.

Zwei Milliarden Euro als Ziel

Als Scheuchs neuer chinesischer Chef mitsamt Sohn, einem Harvard-Studenten, und dem Rest der Entourage in Aichtal aufkreuzte, gab der Chinese dem Deutschen die zwei Milliarden Euro als Ziel vor. Für so viel Geld soll Putzmeister künftig Betonpumpen verkaufen, spätestens im Jahr 2016 soll die Marke durchbrochen sein, diktierte Liang den Journalisten in den Block. Scheuch dachte, er habe sich verhört. Derzeit liegt sein Umsatz bei einem Viertel der Summe. Selbst wenn sämtliche Putzmeister-Konkurrenten augenblicklich ihr Geschäft einstellen und an die Aichtaler abtreten würden, käme Scheuch nur auf 1,2 Milliarden Euro. So groß ist der Weltmarkt für Betonpumpen. „Die Erwartungen von Herrn Liang sind sehr euphorisch“, lächelt Scheuch.

Diese Chinesen. Als Scheuch in Changsha über den Deal verhandelte, fragten sie nicht viel und kutschierten den Deutschen in einem der Maybachs herum. Scheuch zeigt ein Fotobuch: ein Gang in der Mitte der Sany-Fabrik, „ein Kilometer lang, 200 Meter breit“. Im Gang liegt ein roter Teppich. Links und rechts vom Teppich stehen 300 Anzugträger Spalier. Sie klatschen. In der Mitte: der Deutsche.

Als die Chinesen nach Deutschland kamen und in Frankfurt den Kaufpreis festzurrten, wollten sie noch nicht mal Scheuchs Bücher sehen. Stattdessen warf Scheuch ein paar Charts auf den Bildschirm. Eine gute halbe Milliarde Euro überwies Sany an den Putzmeister-Eigentümer, es ist die zweithöchste Summe, die je ein chinesisches Unternehmen für ein deutsches gezahlt hat. Der Deal war einer der wichtigsten für China überhaupt, und die Chinesen brachten noch nicht mal Anwälte mit, die prüften, ob Putzmeister Leichen im Keller hat. „Die wollten uns unbedingt“, sagt Scheuch.

Der Beton aus China

Auf dem Hof führt er eine seiner Betonpumpen vor. Wie ein Zollstock liegen die Rohre zusammengeklappt auf dem Lkw. Ausgefahren, drücken sie den Beton 60 Meter in die Höhe - hilfreich beim Bau von Wolkenkratzern. Bei der Fukushima-Katastrophe spritzten Putzmeister-Pumpen Wasser auf den Reaktor, so wie einst in Tschernobyl. Mit Lkw kann eine Putzmeister-Pumpe schnell mal 850.000 Euro kosten. Gelb-Rot sind die Gestänge lackiert. Die von Sany ebenso.

Zwei Drittel des Betons auf der Welt wird in China gemischt. Das riesige Land wächst und wächst. Vor allem in den Himmel. Chinesische Durchschnittsstädte wie Changsha sind von Wolkenkratzern übersät. Und es werden immer mehr. Für Putzmeister ist das eigentlich ein phantastischer Markt.

Doch den wollen die Chinesen nicht mehr den Ausländern überlassen. Jahrzehntelang haben deutsche Auto- und Maschinenbauer in China Fabriken gebaut und chinesische Billiglöhner Hightech-Produkte wie Autos und Medikamente produzieren lassen, die sie anschließend der wohlhabenden Mittel- und Oberschicht des 1,3-Milliarden-Volks verkauften. Die Chinesen selbst ließen in den Küstenstädten Billigware wie T-Shirts und Schuhe produzieren, die sie dann nach Europa und Amerika schifften. Die Mengen waren riesig, die Rendite war klein.

Interaktiv: Eine Nation holt auf

China will weg von der Billig-Wirtschaft. In der vergangenen Dekade hat das Land gehörig aufgeholt, jetzt drückt die Regierung noch mehr aufs Tempo. Der Reichtum soll im Land bleiben, die Transformation der Wirtschaft zu High-Tech soll gelingen. Sonst gerät bald das Wachstum in Gefahr, wenn es nicht mehr genügend qualifizierte Arbeitsplätze für die aufstiegshungrigen Mittelschichten gibt. Deshalb gehen Bauvorhaben nun öfter an chinesische Firmen. Putzmeister war einst in China Marktführer. 2009 ging der Umsatz der Aichtaler um die Hälfte zurück. Der von Sany stieg um 50 Prozent.

Die Partei gibt den vielen Staatsunternehmen und wenigen Privatfirmen nun grünes Licht, im Ausland einzukaufen. Regelmäßig erhalten Chinas Unternehmer detaillierte Listen aus dem Handelsministerium, auf denen fein säuberlich jene Länder und Branchen markiert sind, deren Firmen die chinesischen Konkurrenten nach vorne bringen könnten. „Industriepolitik pur“ nennt der China-Experte Sebastian Heilmann von der Universität Trier das. Vor allem für eine Zielgruppe hat er den chinesischen Staat als Antreiber ausgemacht: deutsche Maschinenbauer und Autozulieferer - in ihrer kleinen Nische oft Weltmarktführer.

Der unterfränkische Zulieferer Preh, gegründet 1919, Hersteller von Autositzen und Bedienknöpfen für Klimaanlagen, ging im April an einen Käufer aus der Küstenstadt Ningbo. Kiekert aus Heiligenhaus, einen Produzenten von Autotürschlössern, nennt seit zwei Monaten ein Konkurrent aus Peking sein Eigen. Und kürzlich wanderte ein weiterer Betonpumpenhersteller in chinesische Hände: die Mittelstandsperle Schwing aus Herne, die mittlerweile nicht mehr ganz so glänzt. Kurz vor dem Einstieg der Chinesen hatte Schwing die Angestellten mit der Nachricht geschockt, 200 Stellen zu streichen.

Der Putzmeister-Deal

Da ist das Geld der Chinesen ein Segen. Doch die Investoren aus dem Reich der Mitte sind längst nicht mehr nur auf günstige deutsche Mittelständler in Schieflage scharf. Der Putzmeister-Deal zeigt: Jetzt kauft die Volksrepublik strategisch ein. Eine „neue Zeitrechnung“ hat China-Kenner Heilmann ausgemacht: „Chinesen kaufen deutsche Firmen, um gemeinsam die Schwellenländer zu erobern.“ Denn dort ist das Image der einstigen Billigheimer nicht das Beste. Eine „natürliche Abwehrhaltung“ gebe es in vielen Wachstumsstaaten in Lateinamerika und auch in Asien, hat Heilmann beobachtet. „Das ändert sich, wenn ein deutscher Name auf der Betonpumpe steht.“

Seit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas Anfang der 80er Jahre kannten die Investoren nur eine Richtung: ins Land hinein. Jetzt fährt der Zug in die andere Richtung. Mau sei das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen in Deutschland im ersten Quartal des Jahres gewesen, klagen die Investmentbanker in Frankfurt - wäre da nicht ein Lichtblick, die Chinesen. Putzmeister, raunt es allenthalben, werde nicht der einzige spektakuläre Deal des Jahres bleiben. Für die Kaste des deutschen Mittelständlers, gesegnet mit Pfiff, Fleiß und manchmal auch mit einer ordentlichen Portion Misstrauen, habe der Verkauf nach China „Signalwirkung“, glaubt Putzmeister-Chef Scheuch. „Viele sehen jetzt: Die Chinesen können kaufen, wollen kaufen und ziehen den Kauf dann auch durch.“

Geld spielt dabei keine Rolle. Mit reichlich Kredit der Staatsbanken im Rücken, bieten die Chinesen Mondpreise für schwäbische Werkzeugmacher. Sany-Eigentümer Liang Wengen etwa rückt als erster Unternehmer überhaupt im Oktober ins Zentralkomitee der Partei auf. Dort ist er zwar nur eines von 400 Mitgliedern - aber er ist unter den 400 Mächtigsten eines Volks von 1,3 Milliarden Menschen. Welche Bank würde dem Unternehmer da die Finanzierung weiterer Investitionen in die europäische Industrie verweigern? Keine. Und so geht alles über den Preis.

Zugeneigte deutsche Unternehmen

„Chinesen denken, sie könnten andere Bieter ausstechen, wenn sie den höchsten Preis zahlen“, hat Anwalt Patrick Held festgestellt. Die deutschen Eigentümer sind den lukrativen Argumenten oftmals durchaus zugeneigt. Dann sitzt Held manchmal tagelang als Teil der deutschen Delegation den chinesischen Verhandlungsführern gegenüber, um das Vertragswerk auszuarbeiten - bis am fünften Tag die Tür aufgeht und ein leger gekleideter Chinese den Raum betritt, der sich als Eigentümer vorstellt. Er habe gehört, es habe bereits ein paar Vorgespräche gegeben. Man könne jetzt anfangen.

“Chinesische Partner sind eigentlich vertragstreu“, sagt Sabine Stricker-Kellerer. Seit 30 Jahren berät die Frau von der Wirtschaftskanzlei Freshfields die Bundesregierung bei China-Fragen und deutsche Firmen beim Gang nach Fernost. Jetzt klopfen bei ihr deutsche Unternehmer an, die nicht investieren, sondern verkaufen wollen. Dabei prallen Welten aufeinander. Eine „große Freude am Verhandeln“ hat die Anwältin als Wesensmerkmal der Chinesen ausgemacht, neben einem ausgeprägten Hang zu Hierarchien: „Bei chinesischen Unternehmen ist immer alles Chefsache. Wie Entscheidungen von oben nach unten bis hin zum dann doch notwendigen Konsens zustandekommen, ist von außen kaum zu erfassen.“

„Die Chinesen lernen unglaublich schnell“

Sechs, nein sieben Vorstandskollegen hat Putzmeister-Chef Scheuch in Changsha, er ist sich da nicht so sicher. „Am Ende entscheidet sowieso der Eigentümer.“ Liang Wengen, der reichste Chinese, hat Scheuch zugesichert, ihm in Aichtal nicht in die Parade zu fahren. Den 1100 deutschen Putzmeister-Angestellten gab Liang das schriftliche Versprechen, bis 2020 keine Arbeitsplätze nach China zu verlagern. Das gehe auch gar nicht, sagt Scheuch. „Die können nicht auf unserem Niveau produzieren.“ Das duale Ausbildungsmodell Deutschlands und der deutsche Facharbeiter seien unschlagbar. Scheuch malt eine Schraube aufs Papier. Der Chinese, sagt Scheuch, könne die Schraube genauso anschweißen wie der Deutsche. „Aber dem muss man sagen, wie. Dem Deutschen nicht.“

Scheuch will beruhigen. Als der Sany-Deal im Januar in der Zeitung stand, hatte er ruck, zuck die IG Metall vor dem Haus. Spontandemos in Aichtal! Erst könnten Produktion, dann die Forschung und Entwicklung nach China abwandern, so die Furcht. „Da werden in zwei bis vier Jahren in Deutschland die ersten Konflikte auflaufen“, glaubt der Wissenschaftler Heilmann. Zu denken, die Deutschen seien unschlagbar, sei „blauäugig“, findet der Professor: „Da ist nichts in Stein gemeißelt. Die Chinesen lernen unglaublich schnell.“ Das weiß auch Scheuch. Die Zahl seiner Chinesisch-Stunden hat er jüngst verdoppelt.

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Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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