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Frühe Integrationsförderung Die Fachkraft aus dem Kindergarten

22.08.2010 ·  In der Stuttgarter Sankt-Josefs-Gemeinde soll ein Konzept aus England helfen, alle Kinder erfolgreich zu fördern - ganz gleich, wo sie herkommen: Die Eltern sind die „Experten ihrer Kinder“ und müssen eingebunden werden.

Von Lisa Becker
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Im ersten Teil der Haußmannstraße im Osten Stuttgarts zählen die Hausnummern nur langsam nach oben. Die prächtigen Villen, die hier stehen, nehmen viel Platz ein. Das ändert sich, wenn man den Berg hinuntergeht. Die Häuser werden kleiner, ihre Bewohner sind weniger wohlhabend. Am Fuße des Hügels ist man in einem Arbeiterviertel mit sozialem Wohnungsbau angelangt. Der Anteil der Menschen, die in diesem Teil der Stadt von staatlicher Unterstützung leben, ist hoch. Das gilt auch für die Eltern der Kinder, welche die Kindertagesstätten der Gemeinde Sankt Josef besuchen. 43 Prozent der 270 Kinder aus 36 Nationen stammen aus Elternhäusern, die ganz oder hauptsächlich von staatlichen Transfers leben.

Irgendwann sind ihre Eltern oder Großeltern nach Deutschland gekommen; den Sprung auf den Arbeitsmarkt haben viele allerdings nicht geschafft. Auf irgendeiner Stufe des deutschen Bildungssystems sind sie gescheitert. Die Gefahr des Scheiterns ist für Menschen mit Migrationshintergrund wesentlich größer als für Menschen mit deutschen Wurzeln, wie Untersuchungen zu Bildungs- und Ausbildungsabschlüssen zeigen. Die Gründe dafür sind vielfältig: mangelnde Sprachkenntnisse, die nie behoben wurden, eine unzureichende kulturelle Integration und andere Wertvorstellungen wie diejenige, dass Bildung für Frauen weniger wichtig sei. Die Folgen sind oft verheerend, denn eine gute Bildungsbiographie ist nach Ansicht vieler Fachleute die Voraussetzung für eine gelungene Integration in das soziale und wirtschaftliche Leben eines Landes.

Neues Konzept macht Kinder konzentrierter und selbstbewusster

Die Gefahr ist groß, dass die Eltern ihre Bildungsdefizite an ihre Kinder weitergeben. Damit wird auch die Integration der nächsten Generation erschwert. In den Kitas von Sankt Josef hat man sich freilich mit allen Kräften darangemacht, es nicht so weit kommen zu lassen. Dort tut man, was viele Fachleute fordern: Man bemüht sich um eine ausgezeichnete frühkindliche Förderung. Im Jahr 2007 hat man sich auf den Weg gemacht, ein Leuchtturm der frühkindlichen Bildung zu werden, der weit über die Grenzen Stuttgarts in den süddeutschen Raum hinein strahlen soll. Man hat sich einem neuen pädagogischen Konzept verschrieben, das Early Excellence heißt und in Großbritannien schon in vielen Einrichtungen praktiziert wird. Wissenschaftliche Untersuchungen bescheinigen ihm, das es hilft, den Lernerfolg von der Herkunft zu entkoppeln. Die Kinder lernten schneller und konzentrierter, sie verhielten sich sozialer und hätten mehr Selbstvertrauen, heißt es dort. Early-Excellence-Einrichtungen, von denen es in Deutschland erst eine Handvoll gibt, nehmen sich besonders der Kinder aus schwierigen Verhältnissen an. Man ist überzeugt, dass man fast jedem Kind, gleich aus welcher Familie es stammt, einen guten Start ins Leben ermöglichen kann.

In den Kitas von Sankt Josef hat man sich freilich wie andernorts schon immer um die Kinder bemüht. Man hat sie unter der Führung einer herzlichen und resoluten Leiterin individuell gefördert, sich auf ihre Stärken und nicht auf ihre Schwächen konzentriert und sie in der deutschen Sprache geschult. „Doch wir erzielten nicht die Ergebnisse, die wir uns vorstellten“, sagt die Leiterin der Kindertagesstätten, Stefanie Entzmann. Sie und ihre Kollegen bemerkten, dass es nicht reichte, sich ausschließlich um die Kinder zu kümmern. Sie suchten nach einem breiteren Ansatz - und fanden ihn in Early Excellence.

Die Eltern müssen mitarbeiten

Das führte zum einen dazu, dass man sich noch mehr auf das einzelne Kind konzentrierte. So beobachten die Erzieher jedes Kind im freien Spiel, dem man viel Raum gibt, sehr genau. Dann entwickeln sie individuelle und anspruchsvolle Aufgaben, die auf den Stärken und nicht auf den Schwächen der Kinder aufbauen und verschiedene Kompetenzen fördern. Doch sind bei Early Excellence die Eltern genauso wichtig wie die Kinder. Das gründet auf der Überzeugung, dass es nur mit den Eltern gemeinsam geht. Diese sollen lernen, den Bildungsprozess ihrer Kinder zu unterstützen. Die Erzieher in Sankt Josef sind gehalten, die Eltern mit offenen Armen zu empfangen. Dafür mussten sie zunächst anerkennen, dass die Eltern die „Experten ihrer Kinder“ sind. Entzmann und ihre Kollegen sinnen ständig darüber nach, wie man noch mehr Eltern dazu bewegen kann, am Leben in den Kitas teilzunehmen.

Das sichtbarste Ergebnis dieser Bemühungen ist das Familienzentrum. Es wird von einer Halbtagskraft betreut und ist ein Ort für Bildung, Begegnung und Beratung. Sein Programm, das von Eltern und Mitarbeitern entwickelt wird, richtete sich an alle Familien des Stadtteils. Es gibt ein Elterncafé und ein Elternfrühstück. Außerdem finden Kurse statt, von denen einige von Eltern gehalten werden. Grundsätzlich sind in Sankt Josef die Eltern herzlich eingeladen, in den Gruppen zu hospitieren oder kleine Aufgaben wie die Organisation eines Mittagessens zu übernehmen. Im Eingangsbereich gibt es einen Raum, in dem eine Tauschbörse eingerichtet wurde. Sie wird von sechs Frauen organisiert, die meisten sind von Transferleistungen lebende Alleinerziehende. Entzmann lobt, wie sehr sich diese Mütter mit dieser Arbeit identifizieren. „Und ihr Selbstwertgefühl steigt, weil ihnen etwas zugetraut wird.“ Ihren Kindern kann das nur nutzen.

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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