http://www.faz.net/-gqe-7sk86

Freihandel : Bei uns gibt’s heute Chlorhuhn

Schmeckt man einen Unterschied zwischen einem Chlorhuhn (links) und einem normalen Huhn? Silvaner passt zu beidem. Bild: Fricke, Helmut

Das Chlorhuhn ist zum Politikum geworden. Wir haben einmal getestet, wie es eigentlich schmeckt.

          Meine Frau hat fröhlich herumerzählt, dass es bei uns Chlorhühnchen zum Abendbrot gibt. Das fand unser Freund Stefan, ein Informatikprofessor, so attraktiv, dass er auch zum Essen kam. Er vervollkommnete damit die Probandengruppe, die bis dahin genau genommen aus unserem Freund Matthias, dem Vertriebsberater, bestand.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Mir war diese Entwicklung lieb, vor allem wegen der Empirie: Je mehr Testesser, desto höher die Urteilsqualität. Zusammen mit meiner sehr geschmackssensiblen Frau sind nun drei Probanden für ein Testessen gewonnen, das es in Deutschland so schnell nicht wieder geben wird: Chlorhuhn gegen Normalhuhn - wer schmeckt den Unterschied?

          Der feinsinnige Matthias verleiht seiner Freude Ausdruck, diesem historischen Moment beiwohnen zu dürfen. Stefan erzählt von einem Chlorgas-Unfall in einer Frankfurter Badeanstalt ausgerechnet in dieser Woche: 13 Leute kamen mit Augen- und Rachenreizungen ins Krankenhaus, das Bad wurde geräumt, das Wasser abgelassen. Meine Frau lacht über die Koinzidenz.

          Das Chlorhuhn kommt in freier Wildbahn nicht vor. Es ist eine amerikanische Spezialität, die unfreiwillig zu großer Berühmtheit kam. Das Geflügel wurde quasi das Wappentier des freien Handels zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Präziser, es wurde zum Symbol für den Missmut, den die Aussicht auf freien Handel mit Amerika vor allem unter Deutschen erzeugt.

          Die Vorbereitung: Unser Huhn im Chlorbad Bilderstrecke

          Wer den Begriff Chlorhuhn erfunden hat, wird wohl immer im Verborgenen bleiben. Die Amerikaner waren es wohl nicht, denn sie halten nichts von schlechtem Marketing. Der Begriff ist in diskriminierender Absicht gewählt. Das Huhn wird nach der Entkeimungsmethode benannt, der es nach der Schlachtung unterzogen wird. Die Amerikaner tauchen ihr Geflügel nach der Schlachtung in ein Chlorbad, bevor es in den Verkauf kommt. Sie wollen damit die Erreger auf der nackten Hühnerhaut vernichten. Die Deutschen praktizieren dafür andere Methoden.

          Nackt liegt es da, das einzige deutsche Chlorhuhn, nach einem ausführlichen Chlorbad. Bevor ich es mit Kollege Normalhuhn in die Backröhre schiebe, wird Testphase eins eingeleitet: Ich bitte die Probanden zum Geruchstest. Sie führen ihre Nasen sehr nahe an beide Hühnchen heran und atmen tief ein. Tatsächlich, meine Frau und Matthias identifizieren das Chlorhuhn wirklich, Stefan riecht keinen Unterschied, ich ohnehin nicht. Gesalzen, gepfeffert, mit flüssiger Margarine und Paprika eingepinselt, verschwinden die Tiere für 80 Minuten im Ofen (Chefkoch.de-Rezept, Kategorie simpel, fünf Sterne).

          Nie hat mich ein Essen so viel Aufwand gekostet wie die Zubereitung dieses Chlorhuhns, kein runder Geburtstag, keine Konfirmation und kein Überraschungsdinner. Die Idee, sich dem Geflügel zu nähern, war in der Redaktionskonferenz aufgekommen. Ich muss da so etwas gesagt haben wie: „Kein Problem, ich besorge uns das Vieh.“

          Das war ein schwerer Fehler. Denn in Deutschland gibt es keine Chlorhühner. Als ich in einer Geflügelmetzgerei nachfragte, musste die Verkäuferin sehr lachen. „Unsere Hühner sind aus Herborn“, sagte sie. Mit dem eklatanten Mangel an Chlorhühnern hierzulande hat es die schlichte Bewandtnis, dass sie verboten sind. Frische Lebensmittel dürfen im Prinzip in Deutschland nur mit Trinkwasser behandelt werden, nicht aber mit gechlortem Wasser.

          Fragen und Antworten zum Freihandelsabkommen TTIP


          Was soll überhaupt herauskommen?

          Für die EU führt die Verhandlungen – wie stets in Handelsfragen – die Europäische Kommission. Sie ist dabei an das Mandat gebunden, das ihr die EU-Staaten im Juni 2013 erteilt haben. Das inzwischen durchgesickerte geheime Mandat ist allerdings weit gefasst und lässt der Kommission viel Spielraum. Andererseits steht klar darin, dass ein hohes Umwelt-, Arbeits- und Verbraucherschutzniveau gefördert werden soll. Ziel der Gespräche ist nicht nur, die schon heute niedrigen Zölle abzubauen, sondern auch andere Handelshemmnisse zu beseitigen. Im Blick haben beide Seiten dabei etwa unterschiedliche Standards. Das soll der Wirtschaft in Amerika und Europa mehr Schwung verleihen. Europa darf auf wirtschaftliche Zugewinne von 119 Milliarden Euro im Jahr hoffen, Amerika auf 95 Milliarden Euro. Ursprünglich wollten Amerikaner und Europäer sich bis Ende dieses Jahres einigen. Nun ist von Ende 2015 die Rede. Wahrscheinlich werden sich die Verhandlungen aber auch wegen des öffentlichen Widerstands Jahre hinziehen.
          Warum wird nicht alles veröffentlicht?

          Immer wieder ist von Geheimverhandlungen die Rede, womit der Eindruck erweckt wird, dass hinter verschlossenen Türen über die Interessen der Bürger hinweg entschieden wird. Tatsächlich sind die Verhandlungsdokumente geheim. Das ist bisher bei allen Handelsgesprächen so gewesen. Die Kommission vergleicht die Verhandlungen gerne mit dem Feilschen beim Autokauf. Nur wenn der andere nicht wisse, welchen Preis man maximal zahlen wolle, könne man am Ende einen besseren Preis herausschlagen. Die Bundesregierung dringt zwar inzwischen auf mehr Offenheit – und wirft den Amerikanern vor, das zu blockieren. Wenn es darum geht, was sie offenlegen will, verweist sie aber nur auf das ohnehin durchgestochene Mandat. Vorab informiert über die europäischen Verhandlungsdokumente werden Vertreter der Staaten und des Handelsausschusses im EU-Parlament. Neu ist, dass bei TTIP Vertreter von Industrie und Zivilgesellschaft Einblick in Dokumente erhalten. Die Kommission hat dazu eine Beobachtergruppe aus 14 Vertretern einberufen.
          Wer entscheidet am Ende?

          Handelsabkommen müssen sowohl das EU-Parlament als auch die Staaten zustimmen – bei umfassenden Abkommen wie TTIP müssen die Staaten das sogar einstimmig tun. Sobald das Abkommen über reine Handelsfragen hinaus in die Kompetenz der Mitgliedstaaten eingreift, müssen es zudem die nationalen Parlamente ratifizieren. Die Hürde dafür ist sehr niedrig. Man spricht vom Pastis-Prinzip. So wie ein Tropfen des Anislikörs ausreicht, um ein Glas Wasser zu trüben, genügt ein Zusatzprotokoll oder ein Unterpunkt, um die Zustimmung der nationalen Parlamente erforderlich zu machen. Beim Abkommen mit Korea war das ein Protokoll zur kulturellen Zusammenarbeit. Eigentlich sind alle einig, dass auch TTIP ein solches gemischtes Abkommen ist. Handelskommissar Karel De Gucht hat aber jüngst für Misstrauen gesorgt, da er die Frage gerichtlich klären lassen will.
          Warum wird über "nichttarifäre Handelshemmnisse" verhandelt?

          Nicht nur Zölle erschweren den internationalen Handel. Auch Vorschriften, wie Produkte getestet und geprüft werden müssen, welche Anforderungen an die Sicherheit, an den Verbraucher- oder den Umweltschutz sie erfüllen und welchen technischen Standards sie genügen müssen, können den Handel behindern. Ein Beispiel: In Amerika müssen die Blinker von Autos rot blinken, in Europa orange. Keine Variante ist sicherer als die andere – dennoch müssen deutsche Autobauer für den amerikanischen Markt Autos mit roten Blinkern herstellen. Die Industrie sagt, dass eine Angleichung der Regeln und Standards oder die gegenseitige Anerkennung die Kosten für den transatlantischen Handel stark senken könnten. Doppelte Produktzulassungen und Testverfahren erhöhen die Kosten nach Berechnungen eines niederländischen Instituts bei der Einfuhr in die EU um durchschnittlich 21,5 Prozent. Im Fall von Kosmetik sind es 35, bei Autos 26 und bei Nahrungsmitteln und Getränken gar 57 Prozent.
          Unterhöhlt das den Umwelt- und Verbraucherschutz?

          Die EU-Kommission bestreitet diesen Vorwurf ebenso energisch wie die amerikanischen Unterhändler. Der amerikanische Handelsbeauftragte Michael Froman sagt, es werde keine breite Deregulierungsagenda in Gang gesetzt. Die Idee ist vielmehr, Standards und Zertifizierungsverfahren gegenseitig anzuerkennen – wenn sie ein gleich hohes Schutzniveau garantieren. Zudem könnten im Fall von neuen Technologien die dazugehörenden Standards gleich gemeinsam entwickelt werden. Dabei ist klarzustellen: Es sind keineswegs immer die Europäer, die die höheren Standards haben. Zumindest haben die Amerikaner Sorge, dass sie etwa ihre Regeln für die Zulassung von Pharmazeutika und Elektrogeräten auf EU-Niveau senken müssen. Oft ist es auch eine Frage der Perspektive, welche Standards strikter sind. In der Bankenregulierung behaupten beide Seiten, die strikteren Standards zu haben. Wer recht hat, ist nicht immer leicht zu bestimmen.
          Und was ist mit Chlorhuhn, Hormonfleisch und Gentechnik?

          TTIP wird weder die Einfuhr von Chlorhuhn noch von Hormonfleisch erlauben. Dazu sind beide Themen viel zu problematisch. Die Europäer wollen schlicht kein mit Chlor desinfiziertes Huhn und Fleisch von mit Wachstumshormonen behandelten Tieren essen. Gentechnisch behandelte Lebensmittel dürfen schon heute in der EU verkauft werden, wenn sie gekennzeichnet sind – und auch das wird sich nicht ändern. Letztlich geht es in diesem Streit eher um die Frage „Was wollen wir essen?“ und nicht so sehr darum, welches Produkt sicherer ist. Zumindest gibt es bisher keinen Beleg dafür, dass Chlorhuhn ungesünder ist. Das Gleiche gilt umgekehrt für französischen Rohmilchkäse, den die Amerikaner aus Sorge vor Krankheitserregern nicht essen wollen. Deshalb wird jenseits von Chlorhuhn und Hormonfleisch wohl am Ende die Einfuhr von Lebensmitteln erlaubt werden, die nicht jedem Europäer „schmecken“. Den Import von mit Milchsäure gereinigtem Rindfleisch etwa hat die EU schon im Vorfeld der Verhandlungen zugelassen.
          Besonders umstritten ist der Investorenschutz. Worum geht es da?

          Der Investorenschutz soll eigentlich nur sicherstellen, dass Ausländer nicht diskriminiert oder gar enteignet werden. Es gibt weltweit Tausende von Abkommen dazu, allein Deutschland unterhält 131. In den meisten davon ist vorgesehen, dass Investoren Schiedsgerichte anrufen können, wenn sie ihre Rechte verletzt sehen. In Verruf gekommen ist der Investorenschutz, weil Konzerne ihn immer stärker nutzen, um gegen unliebsame Gesetze und Auflagen der Industriestaaten vorzugehen. Zwei Fälle ragen dabei heraus: die Klagen von Philip Morris gegen die Tabakgesetze in Australien und von Vattenfall gegen den Atomausstieg. 3,5 Milliarden Euro Schadensersatz fordern die Schweden von Deutschland. Ob die beiden Konzerne recht bekommen, ist allerdings offen. Schließlich reicht es nicht aus, dass ihnen ein Gesetz zum Gesundheits- oder Umweltschutz die Bilanz verhagelt. Sie müssen belegen, dass sie benachteiligt wurden, etwa weil sie nicht ausreichend angehört worden sind. Die Kritik dreht sich auch darum, dass die Schiedsverfahren intransparent sind und es keine Möglichkeit zur Berufung gibt.
          Wie reagieren Kommission und Bundesregierung auf die Kritik?

          Die Kommission hat Vorschläge vorgelegt, wie sie den Missbrauch des Investorenschutzes durch Konzerne verhindern, die Verfahren transparenter machen und Berufungsverfahren ermöglichen will. Ob sie das gegen die Vereinigten Staaten durchsetzen kann, ist offen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wiederum behauptet, zwischen Staaten mit funktionierendem Rechtssystem wie in der EU und Amerika sei ein solches Investorenschutzabkommen nicht notwendig. Der normale Rechtsweg reiche aus. Das stimmt nicht ganz, weil völkerrechtliche Abkommen, und das ist TTIP, nicht vor normalen Gerichten durchgesetzt werden können. Scheinheilig ist es zudem, denn Deutschland hat selbst Investitionsschutzabkommen sogar mit anderen EU-Staaten wie Polen, Slowenien oder den baltischen Staaten abgeschlossen.

          Man hätte das Tier natürlich heimlich durchs Freibad ziehen können, wenn keiner guckt. Aber das wäre nicht das Gleiche gewesen und zudem schwierig mit der fotografischen Dokumentation. Meine Hoffnungen ruhten deshalb auf den amerikanischen Streitkräften. Es müsste sich doch so ein gechlorter Broiler in den extraterritorialen Kasernensupermärkten oder Kantinen auftreiben lassen. Doch die Amerikaner kaufen offenbar selbst die Hamburger inzwischen lokal ein. Eine Enttäuschung ist das.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf dem Weg zum Kompromiss?: Angela Merkel

          Asyl-Streit : Ein Vorschlag zur Güte

          Den Ausweg aus der Regierungskrise bietet nur ein Kompromiss, der auch Härten beinhaltet. Doch er muss gefunden werden, denn die Einwanderungspolitik ist es nicht wert, ihr alles zu opfern. Ein Kommentar.

          Deutschland unterliegt Mexiko : Löw will seinen WM-Plan nicht ändern

          Der Weltmeister tappt in die mexikanische Falle und verliert zum Start der WM mit 0:1. Ob es nun zu einer deutlichen Korrektur kommen wird, bleibt die entscheidende Frage. Zweifel sind angebracht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.