08.03.2011 · Niemand versteht die Hausfrau besser als er: Rick Goings ist der Chef von Tupperware und damit von 2,6 Millionen Frauen in aller Welt. Ein Gespräch über die Liebe, Hausarbeit und Tiger Woods.
Herr Goings, wissen Sie, was uns zu Tupper als erstes einfällt?
Ich ahne es . . .
Öde Tupperpartys und spießige Plastikdosen.
Ganz falsch. Sie sollten mal vorbeischauen, ich suche Ihnen eine Party in Ihrer Nähe raus.
Sie leugnen, dass Tupper ein verstaubtes Image anhaftet?
Natürlich halten manche Tupper für altbacken. Mein Taxifahrer gestern zum Beispiel meinte entsetzt: „So Dosen hat meine Frau sich zur Hochzeit gewünscht. Das war vor 38 Jahren.“ Ich fragte, ob die Boxen noch funktionieren. Und er sagte: „Klar, die benutzt sie ständig.“ Sehen Sie: Das ist super!
Was ist daran super? Die Dosen unserer Mütter aus den 70ern sind braun und hässlich.
Aber sie halten Jahrzehnte. Bei anderen Plastikdosen verzieht nach spätestens drei Jahren der Deckel, und sie schließen nicht mehr. Tupperware ist Qualität, das wissen alle zu schätzen. Auch die, die noch nicht mitbekommen haben, dass Tupper längst wieder cool ist.
Ich bitte Sie: Apple ist schick, aber doch nicht Tupper.
In nur fünf Jahren ist unser Image Marktforschern zufolge um mehr als 50 Prozent gestiegen - von altmodisch zu hip. Wir haben den Durchbruch geschafft bei jungen, aufstrebenden Städterinnen.
Die zählen Sie zur Kundschaft, nicht die klassische Hausfrau?
Vor 20 Jahren war unsere Zielgruppe klar umrissen: die Hausfrau mit zwei Kindern auf dem Lande. Heute leben die jungen Frauen aber in München, New York oder Moskau, und sie arbeiten dort. Die Gesellschaft hat sich stark verändert.
Genau das ist Ihr Problem.
Wir haben lange aufs falsche Pferd gesetzt, auf die Hausfrau. Die verschwindet aber zunehmend, auch in Deutschland. Wir mussten lernen, uns mit der Gesellschaft zu wandeln - das Unternehmen, die Produkte, die Partys, alles. So etwas dauert. Nehmen Sie Cadillac in Amerika. Die alten Caddis waren schwere Luxusautos für gediegene Leute. Dann haben sie den Escalade entwickelt, einen SUV. Der ist jetzt ein beliebtes Auto von Stars. Tiger hatte vor Jahren seinen Unfall in so einem Wagen.
Tiger Woods, der Super-Golfer?
Ja, der ist mein Nachbar in Orlando. Netter Kerl.
Und diesen mysteriösen Unfall vor seinem Haus, nach dem dann seine Affären aufflogen . . .
. . . hatte er im schwarzen Escalade.
Steht Tiger Woods etwa auch auf Tupperdosen?
Natürlich. Ich statte ihn stets mit den Neuheiten aus.
Männer gehören für gewöhnlich nicht zu Ihren Kunden.
Stimmt, nicht mal ein Prozent unserer Kunden sind männlich. Tupperware ist eine Veranstaltung von Frauen für Frauen in der Wohnung einer Freundin. Das ist heute kompliziert genug: Da haben wir die Rentnerin ohne Mikrowelle, die gerne backt, daneben die Hausfrau mit zwei Kindern, die wir als Kundin nicht verlieren wollen. Und junge, aufstrebende Frauen, die wir dazugewinnen wollen. Jede Zielgruppe müssen Sie anders ansprechen, mit anderen Produkten.
In Deutschland hat das zu Umsatzeinbrüchen geführt.
In den Jahren 2004 und 2005 liefen die Geschäfte gar nicht gut. Wir hatten schlechte Vorführerinnen, die zu wenige Partys veranstaltet, zu wenig Gäste eingeladen und dementsprechend wenig verkauft haben. Das war für alle Seiten deprimierend.
Was haben Sie gemacht?
Wir haben das Team verkleinert. Heute arbeiten noch 55.000 Vorführerinnen für uns, es waren mal 70.000. Wir haben das Coaching verbessert, das Training und die Aufstiegsmöglichkeiten.
Ist Deutschland immer noch Tupperland Nummer eins?
Deutschland ist der größte Tupper-Markt weltweit, größer als Amerika. 2010 lag unser Gesamtumsatz bei 2,3 Milliarden Dollar, davon entfallen zehn Prozent auf Deutschland. Jede Woche finden 10 000 bis 15 000 Partys in Deutschland statt.
Was finden die Deutschen an Tupper?
Tupperware passt perfekt zur deutschen Mentalität. Ihr stapelt gerne, ihr liebt es ordentlich und aufgeräumt. Dazu die vielen kleinen Küchen ohne Stauraum.
Nun gibt es Plastikboxen in jedem Ramschladen - wie behaupten Sie sich dagegen?
Als die Billiganbieter auftauchten, in den 90er Jahren, haben wir entschieden: In das Geschäft steigen wir nicht ein. Wir bleiben Premium. Das war goldrichtig so.
Auch Markenprodukte gibt es überall - warum also soll ich extra zu Ihnen auf eine Party kommen?
Um Spaß zu haben. Darum geht es. Für die Frauen auf dem Land ist die Tupperparty eine Art Nachbarschaftstreff, für die Städterin „a girl's night out“, ein Mädelsabend.
Die sitzen brav im Kreis und lassen sich von der Tupper-Tante eine Salatschleuder erklären?
So war das früher. Heute treffen sie sich in Schwabing bei einer jungen Frau, 28 Jahre, schöne Altbauwohnung. Alle machen sich schick, trinken Wein, kochen, reden über Männer, Klamotten, ihre Jobs, und zwischendurch bewundern sie den neuen Dampfgarer.
Das klingt so lustig wie ein Kurs an der Volkshochschule.
Es ist witzig, sage ich Ihnen. Auf meinen Partys wird viel gelacht. Ich picke mir ein Motto heraus, Bella Italia, köstliche Nachtische. Oder Tex-Mex. Dazu trinken wir Tequila, hören mexikanische Musik, tanzen, wenn wir wollen.
Sie sind bald 65, ein Mann und geben Tupperpartys?
Zu besonderen Anlässen stelle ich mich auf die Bühne, klar. Ich liebe das. Zu Hause veranstalten meine Frau Susan und ich auch gelegentlich Partys - für wohltätige Zwecke. Jeder, der kommt, muss allerdings 500 oder 1000 Euro spenden.
Was ist momentan der Deutschen liebstes Tupperstück?
Vermutlich unser Quick Chef 3, ein Zerkleinerer, für 59,99 Euro.
Ganz schön teuer.
Sie müssen bedenken, was Sie mit unseren Sachen alles machen können: zubereiten, kochen, servieren, einfrieren, alles in einem. In eine Kasserolle für 99 Euro können sie Fisch geben und Gemüse, alles in die Mikrowelle. Nach acht Minuten ist der Lachs weich, der Brokkoli knusprig.
Das geht auch im Backofen - ganz ohne Tupper.
Aber nicht in acht Minuten. Junge Frauen wollen nicht mehr kochen, sie wollen Entertainment in der Küche. Da muss alles schnell gehen, einfach und lecker sein.
Warum gibt es Tupper nicht im Kaufhaus? Dann könnten Sie noch mehr verdienen.
Im Laden funktionieren unsere Produkte auf Dauer nicht. Die muss jemand erklären und vorführen.
In Amerika haben Sie vor einiger Zeit trotzdem einen Versuch in einer Kaufhauskette gestartet.
Das war so erfolgreich, dass unsere Kundinnen Angst hatten, wir würden bald keine Partys mehr veranstalten. Wir hätten uns unser Geschäft damit kaputtgemacht. Also lassen wir es. Nur in China mieten wir Räume an, weil dort die Wohnungen so beengt sind, dass keine zehn Gäste hineinpassen. Ansonsten sind Partys die perfekte Vertriebsform für uns.
Wie viel Geld verdient eine Verkäuferin pro Veranstaltung?
In Deutschland setzen wir pro Party etwa 400 Euro um. Davon behält die Vorführerin 30 Prozent. In 90 Minuten verdient sie 120 Euro. Nicht schlecht, oder? Macht sie das an drei Abenden in der Woche hat sie 360 Euro
Weltweit arbeiten 2,6 Millionen Verkäuferinnen für Sie, alle auf eigenes Risiko?
Wir machen Entrepreneure aus ihnen. Wir bilden sie aus, wir fördern sie. Das ist ein Franchise-System wie bei McDonald's. Bei uns verdienen viele Frauen zwischen 50.000 und 100.000 Euro im Jahr.
So viel Geld für eine Tupperverkäuferin?
Nicht als einfache Vorführerin, aber Sie können aufsteigen zur Teamleiterin, zur Bezirksmanagerin. Da haben Sie ein Unternehmen mit 300, 400 Verkäuferinnen, die für Sie arbeiten. Sie kümmern sich um die Organisation, leiten die Mitarbeiterinnen an.
Jeden Montag schwöre ich meine Truppe auf den Tupper-Geist ein.
Das stimmt. Wir treffen uns jeden Montag, weltweit. Das ist wichtig. Aber da muss man nicht hingehen.
Man sollte aber.
Natürlich soll man. Das ist wie mit dem Kirchgang. In allen Religionen der Welt treffen sich die Mitglieder einmal in der Woche.
Tupperware ist keine Religion.
Nein, aber regelmäßige Treffen verbinden: Wie kannst du etwas lernen, wenn du die Schule schwänzt? Wir küren jede Woche die besten Vorführerinnen. Die erzählen, auf was für Ideen sie kommen, wie sie Probleme lösen. Das hilft den anderen.
Und wenn es bei mir weniger gut läuft, bekomme ich Druck.
Nein, wenn Sie eine schlechte Woche hatten, wecken die anderen den schlafenden Tiger in Ihnen. Was meinen Sie, was ich im Leben schon für Durststrecken hatte. Da war ich froh, wenn jemand hinter mir stand, um mich aufzurichten.
Wer macht das bei Ihnen?
Im Zweifel meine Frau.
Sie haben acht Kinder, oder?
Wir sind eine große Patchwork-Familie, ja. Meine Frau hatte drei Kinder mit ihrem verstorbenen Mann, dem Gründer der Rockband Toto. Als ich sie kennenlernte, war ich ebenfalls alleinerziehend. Nach sechs Monaten haben wir geheiratet: die beste Entscheidung meines Lebens.
Sie wirken schwer verliebt.
Auf jeden Fall, auch nach 15 Jahren.
Ist Susan nie eifersüchtig? Sie sind immerhin Chef von 2,6 Millionen Frauen.
Nein, die meisten davon sind eh selbständig. Ich arbeite gerne mit Frauen und denke, ich verstehe sie recht gut. Sonst hätten wir keinen Erfolg.
Lesen Sie mehr über Zahlen und Fakten zum Hausfrauentum in Deutschland: Zahlen und Daten: Der Hausfrauenreport
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.364,39 | −0,33% |
| Dow Jones | 12.382,30 | −0,30% |
| EUR/USD | 1,2362 | −0,06% |
| Rohöl Brent Crude | 101,90 $ | −1,31% |
| Gold | 1.540,00 $ | 0,00% |
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