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Frankreich „Ein bißchen wie Bagdad“

04.11.2005 ·  In den Banlieues hat die französische Arbeitsmarktpolitik versagt. Wer Arbeit und Einkommen hat, versucht, die heruntergekommenen Hochhaussiedlungen zu meiden. Zurück bleiben verarmte Immigranten, darunter viele alleinerziehende Mütter ohne Kontrolle über ihre Kinder.

Von Christian Schubert, Paris
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"Ein bißchen war das wie Bagdad", sagt die Postangestellte Fatima und zeigt im Vorbeilaufen auf ausgebrannte Autowracks. Fast an jeder Ecke der Hochhausviertel im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois sticht eines dieser verkohlten Stahlgerüste hervor, gefüllt mit unkenntlichen Ascheresten. Wie schwarze Narben markieren sie die Parkplätze - nur daß Narben nach einem Heilungsprozeß entstehen. In der "Banlieue" von Paris dagegen sind die Wunden gerade erst wieder aufgerissen worden. Vor sieben Tagen starben hier zwei Jugendliche bei einem Unfall an einer Hochspannungsanlage, nachdem sie wahrscheinlich vor der Polizei geflüchtet waren. Seither ergreift eine Welle der Gewalt die Pariser Vororte im Norden und Nordosten.

Fatima, eine 35 Jahre alte algerisch-stämmige Französin, will daher weg mit ihrer Familie. "Das ist kein Umfeld für uns. Ich kann meine Kinder nicht rausschicken zum Spielen." Fatima hat mit ihrem Mann und ihren zwei Kleinkindern schon eine neue Bleibe in einem Nachbarort gefunden - bewußt nicht in einem mehrstöckigen Sozialbau, sondern in einem alleinstehenden Haus. Die negative Auslese setzt sich somit fort. Wer Arbeit und Einkommen hat, versucht die heruntergekommenen und graffitibesprühten Hochhaussiedlungen zu meiden. Zurück bleiben verarmte Immigranten, darunter viele alleinerziehende Mütter ohne Kontrolle über ihre Kinder. Diese verlassen die Schule oft ohne Abschluß, richten sich in der Arbeitslosigkeit ein, schließen sich Banden an und verdienen im Drogenhandel. "Viele haben ziemlich große Motorräder. Ich frage mich, woher die das Geld nehmen", sagt Fatima.

Randgesellschaften entstanden

In Paris und in anderen französischen Großstädten sind vor vielen Jahren Randgesellschaften entstanden, die sich immer wieder in spektakulären Gewaltausbrüchen Aufmerksamkeit verschaffen. Etliche Versuche wechselnder Regierungen, die Probleme in den Griff zu bekommen, sind klaglos gescheitert. Auf einer Vielzahl von Ebenen müßte eingegriffen werden - im Elternhaus, in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt. Doch wenn es Erfolge an einer Stelle gibt, werden sie oft anderswo zunichte gemacht.

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich ist dabei ein besonders großes Hindernis. 23 Prozent der Arbeitssuchenden unter 25 Jahren, die sich nicht in einer Ausbildung befinden, sind arbeitslos. Der Durchschnitt der europäischen OECD-Länder lag im vergangenen Jahr bei 18 Prozent. 14,4 Prozent aller in Frankreich lebenden Personen zwischen 20 und 24 Jahren haben weder Schulabschluß noch eine Arbeit, berichtet die OECD. Dafür ist zum einen ein schwaches Ausbildungssystem verantwortlich: Es gibt keine etablierte Lehrlingsausbildung, ergänzt durch Berufsschulen, wie in Deutschland. Zum anderen schrecken die Unternehmen bei einem verhaltenen Wirtschaftswachstum vor umfangreichen Neueinstellungen zurück. Die bekannten Belastungen wie starker Kündigungsschutz und hohe Sozialnebenkosten treffen dabei besonders die jungen Bewerber, die von den Arbeitgebern aufgrund fehlender Erfahrung als Risiko angesehen werden.

Ethnische Minderheiten diskriminiert

Hinzu kommt die Diskriminierung von Angehörigen ethnischer Minderheiten. Jean-Francois Amadieu, Professor an der Universite de Paris I, verschickte im vergangenen Jahr Testbewerbungen fiktiver Kandidaten: Bei gleicher Qualifikation und Adresse wurde ein weißer Franzose in 75 Prozent der Anfragen zu einem Gespräch eingeladen, während dies bei einem maghrebinischen Kandidaten nur zu 14 Prozent der Fall war. Somit hat ein Weißer auf dem Arbeitsmarkt fünfmal höhere Erfolgschancen als ein Einwanderer.

In Clichy-sous-Bois sind dies leidlich bekannte Erfahrungen. "Wenn hier einer eine Bewerbung mit dem Absender Clichy losschickt, heißt die Antwort fast immer, die Stelle sei schon besetzt", erzählt ein Metzger vor seinem Geschäft in der Sozialbausiedlung. Eine Regierungskommission hat kürzlich vorgeschlagen, daß die Unternehmen die eingehenden Lebensläufe anonymisieren sollen, das heißt bei ihrer Ankunft Adresse, Geschlecht, Alter und selbst den die Herkunft verratenden Namen abzutrennen. Der Versicherungskonzern Axa, dessen Gründer Claude Bebear ein Kämpfer gegen die Diskriminierung ist, verfährt angeblich auf diese Weise. Doch auf breiter Front dürfte der Vorschlag schwer umsetzbar sein, da sich die Unternehmen letztlich kaum davon abhalten lassen, die Auswahl nach eigenen Vorstellungen vorzunehmen. "Die Idee ist wahrscheinlich nicht besonders realistisch", urteilt Benedicte Madeline, Direktorin der Beratungseinrichtung Profession Banlieue.

Aus der Frustration in die Resignation

Mit jeder neuen Zurückweisung am Arbeitsmarkt steigt aber die Frustration der jungen Menschen, die leicht in Resignation mündet. "Viele warten nur auf das Monatsende, wenn die Sozialhilfe oder das Familiengeld kommt", berichtet die Postangestellte Fatima, die häufig die Zuschüsse am Schalter auszahlt. Die Arbeitsmarktverwaltung macht den Arbeitslosen bisher auch kaum Beine, sich nach einer Stelle umzusehen, auch wenn sich im jüngsten "Gesetz zum sozialen Zusammenhalt" die Bedingungen verschärft haben. Im Monat werden derzeit in ganz Frankreich rund 250 Sanktionen in Form von Streichung der staatlichen Unterstützung vorgenommen, in 330 Fällen kommt es zu einer Reduzierung. Wer kein Arbeitslosengeld mehr erhält, fällt auf die Sozialhilfe zurück. "Die Zahl der Sanktionen in Frankreich ist schwach", berichtete kürzlich eine Regierungskommission unter Vorsitz von Jacques Delors, ohne jedoch zu einer Verschärfung aufzurufen. Auch die Definition einer zumutbaren Stelle ist in Frankreich großzügiger als in vielen anderen Ländern.

In den Problemzonen der Banlieue haben viele der jungen Menschen indes niemals eine Stelle angeboten bekommen. Die hohe Konzentration solcher Schicksale macht die Gegenden für die Ansiedlung größerer Arbeitgeber nicht gerade attraktiv. Sozialminister Jean-Louis Borloo warnte in diesen Tagen zwar davor, die Unruhen auf das allgemeine Bild der Pariser Vorstädte zu übertragen. "In diesen Vierteln gibt es die meisten unserer Unternehmensgründungen", sagte er. Viele gehen freilich auch wieder pleite. Und die großen Firmen, die in der Arbeitslosenstatistik und damit im Leben einer Vielzahl von Menschen einen Unterschied machen könnten, kommen nur in geringer Zahl.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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