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Frankreich Die Insel der verarmten Papier-Millionäre

26.07.2005 ·  Die Vermögensteuer treibt in Frankreich seltsame Blüten. Der Immobilienboom in manchen Regionen des Hexagon zwingt die Bauern dazu, ihren Grundbesitz stückweise zu verkaufen, um die Steuern bezahlen zu können. Eine Enteignung auf Raten.

Von Christian Schubert
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Daß Andre Sourisseau einmal Millionär werden würde, hat er sich nie träumen lassen. In seiner einfachen Küche sitzend, zieht er mit den gegerbten Fingern eines Bauern etwas unbeholfen seine Steuererklärung aus einer Plastikhülle. 2.214.735 Euro ist dort handschriftlich mit blauem Kuli auf weißem Grund als Wert seines Besitzes eingetragen.

"Wir sollen reich sein, doch wir haben nie wie Reiche gelebt", sagt der 78 Jahre alte Franzose. Zeit seines Lebens war er Bauer und im Nebenberuf Briefträger, denn der Boden warf nicht genug ab. Einmal im Jahr vielleicht eine Woche Urlaub, mehr war nicht drin. Nun fühlt er sich vom Staat ausgeraubt. Denn Millionär ist Sourisseau nur auf dem Papier, was die französische Regierung jedoch nicht interessiert. Unnachgiebig treibt sie ihre Steuer auf jegliche Art von Vermögen ein - Kunstgegenstände, Sammlerobjekte, Stiftungen und selbst verwaltetes Unternehmensvermögen nicht ausgenommen. Daher kann Sourisseau seine Steuerschuld nur begleichen, indem er sein Land stückweise verkauft. Die Hoffnung auf die Übertragung an den Sohn zerrinnt mit jedem Jahr ein Stückchen mehr.

Geringe Bezüge, hohe Steuern

Die Ile de Re an der französischen Westküste nahe La Rochelle ist die Insel der verarmten Papier-Millionäre. Der durch Käufer von Ferienhäusern entfachte Immobilienboom hat in den vergangenen Jahren das Grundvermögen Hunderter von Bauern, Austernzüchtern und Fischern in neue Dimensionen steigen lassen. Doch gleichzeitig haben sie nicht genügend flüssige Ersparnisse, um die Forderungen des Fiskus zu begleichen. Manche mußten schon die Insel verlassen, weil sie ihren Besitz verkauften, sich aber keine neue Bleibe leisten konnten. Viele Alteingesessene unterliegen so wie Sourisseau nicht einmal der Einkommensteuer, so gering sind ihre Bezüge. 1.000 Euro monatliche Rente erhält der Franzose, dessen Familie seit dreizehn Generationen auf der Insel lebt. Im vergangenen Jahr hatte er 9.000 Euro Vermögensteuer zu zahlen, in diesem Jahr werden es wohl 14.000 Euro, mehr als sein Jahreseinkommen, weil sein Land für bebaubar erklärt wurde.

Seine albtraumhaften Auseinandersetzungen mit dem Fiskus begannen im Jahr 2000, als er zum ersten Mal erfuhr, daß er unter die Vermögensteuer fällt. Sie greift mit ihrem Steuersatz von 0,55 bis 1,8 Prozent von einem Vermögen von 732.000 Euro an. Alle Schulden können abgezogen werden, vom Wert jeder selbst bewohnten Residenz außerdem 20 Prozent. Für zehn Jahre müsse er Steuern nachzahlen, teilte das Finanzamt Sourisseau vor fünf Jahren in einem Brief mit, insgesamt 180.000 Euro. "Ich schätze, daß ich die Hälfte meines Terrains verkaufen muß, damit ich die andere behalten kann."

Enteignung auf Raten

Dieser Enteignung auf Raten wollte Valerie Constancin, die Wirtin des Restaurants "Le Perroquet Noir" im Hafenstädtchen Saint Martin de Re, nicht länger tatenlos zusehen. Sie entschloß sich vor zwei Jahren, die Bürgerinitiative Adhir (Association de Defense des Habitants de L'Ile de Re) für den Kampf gegen die Vermögensteuer zu mobilisieren. Die 41 Jahre alte Unternehmerin ist selbst steuerpflichtig und hat schon einen Teil des Landes aus dem Familienbesitz verkauft, auf dem nun eine Immobilienagentur ihr Büro errichtet. Wie in Frankreich erforderlich hat sie ihren Kampf bis nach Paris getragen und ist im Mai mit einer Delegation von Betroffenen im Finanzministerium vom Kabinettschef eines Staatssekretärs empfangen worden.

Dort sei man auf viel Verständnis gestoßen, habe aber auch die Auskunft erhalten, daß eine Reform der Steuer "auf einer höheren Ebene" blockiert sei. Damit ist Staatspräsident Chirac gemeint. In seinem traditionellen Fernsehinterview am 14. Juli bezeichnete er die Vermögensteuer als unverzichtbares "Element der Solidarität", räumte immerhin jedoch die Existenz von Extrembelastungen ein und stellte eine Prüfung in Aussicht. Auch Finanzminister Thierry Breton hat ungewöhnlich offen eine Reform der Steuer gefordert, die zumindest zu größeren Freibeträgen führen könnte.

Für die Linke hat die Vermögensteuer Symbolcharakter

Die Zahl der Steuerpflichtigen ist aufgrund des Immobilienbooms seit 1997 um 88 Prozent auf mehr als 330.000 Menschen gestiegen und reicht damit weit in die Mittelschicht. Extremfälle gibt es nicht nur auf der Ile de Re, auf der 600 Menschen Vermögensteuer zahlen, sondern auch in anderen gesuchten Regionen wie etwa der Alpengegend Trois Vallees. Freilich sind seit Einführung der Steuer Anfang der achtziger Jahre schon viele Reformversuche gescheitert. Besonders auf der linken Seite des politischen Spektrums hat die Steuer als Mittel der Umverteilung Symbolcharakter, ungeachtet der Tatsache, daß sie nur 2,6 Milliarden Euro im Jahr einbringt, ihre Erhebung nach Expertenschätzungen aber mehr kostet.

"700.000 Menschen stehen hinter mir", meint Constancin und verweist dabei auf die Solidaritätserklärungen von drei weiteren französischen Lobbygruppen, die gegen die Vermögensteuer sind. Daß in Deutschland Überlegungen für eine Wiedereinführung aufgekommen seien, findet sie erschreckend. "Man schwächt damit die Lebenskraft einer Volkswirtschaft." Neben Frankreich halten in Europa derzeit Spanien, Finnland, Norwegen, die Schweiz, Luxemburg und Schweden an einer Vermögensteuer fest. Die anderen Länder hatten entweder nie eine oder haben sie abgeschafft.

"Impot de Solidarite sur la Fortune", heißt die Steuer in Frankreich und wird damit als ein sozialer Akt dargestellt. Der 78 Jahre alte Winzer Rene Masse hat seiner Meinung nach aber schon genug Solidarität geleistet, denn aus der landwirtschaftlichen Rentenkasse bezieht er zusammen mit seiner Frau aufgrund des dort wirkenden Umverteilungseffektes trotz der lebenslangen Einzahlungen als Vollzeitbauer nur 1.000 Euro Rente im Monat. Eingemauert von Ferienwohnungen, bewirtschaftet er jetzt noch 6.000 Quadratmeter Weinreben und Maisfelder.

"Es tut weh, sich von dem Terrain zu trennen, mit dem viele Erinnerungen verbunden sind, etwa an den Vater oder den Großvater", sagt er. Ein Spargelfeld, auf dem jetzt 14 Häuser gebaut werden, hat er schon verkauft. Damit hofft er über die Runden zu kommen. Masse plagt freilich so wie die anderen Einheimischen und viele Franzosen im ganzen Land noch eine weitere Sorge: die hohe Erbschaftsteuer von bis zu 40 Prozent des vererbten Vermögens. Auch sie zwingt viele Erben zur Begleichung der Steuerschuld zum Verkauf. Masse erwartet, daß letztlich nur sein Wohnhaus im Familienbesitz bleibt - eine schmerzhafte Aussicht. "Man richtet über uns am Ende des Lebens. Das ist schockierend."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Juli 2005
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