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Veröffentlicht: 17.01.2015, 06:44 Uhr

Franken-Entscheidung Weichwährung Euro

Der deutsche Jubel über den Franken lässt tief blicken. Doch eine starke Währung hat viele Vorteile, wie billige Importkosten. In Berlin will man davon aber nichts wissen.

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© dpa Euromünze und Schweizer Franken: Wie entwickeln sich die Währungen?

Wer angesichts der Preissprünge des Schweizer Franken den Beweis gefunden zu haben glaubt, nur mit einem weichen Euro könne Europa die Zukunft gewinnen, der irrt. Die Anpassungen infolge der schockartigen Aufwertung sind für die Schweizer Exportindustrie und Fremdenverkehrsbetriebe zwar schmerzhaft, und vielleicht werden sogar einige Unternehmen die sprunghafte Verteuerung um etwa ein Fünftel nicht verkraften. Aber deshalb sollte man die Schweizer Wirtschaft nicht gleich abschreiben. Die Eidgenossen und ihre Unternehmen leben schon lange mit einem harten Franken - und sie leben gut damit.

Holger Steltzner Folgen:

Die Schweizerische Nationalbank hat auch keinen grundsätzlich neuen geldpolitischen Kurs eingeschlagen, sondern eine dreijährige Ausnahme beendet, selbstbewusst und jäh: die künstliche Bindung des Franken an den Euro. In diesem Jahr wird die Geldpolitik der Notenbanken der Welt erstmals seit dem Fall des Eisernen Vorhangs auseinanderlaufen (Amerika geht wohl vom Gas, Euro-Europa tritt voll durch). Da wollen die Schweizer aus ihrem Franken keine Weichwährung machen, da sie wissen, sie verdanken ihren Wohlstand auch ihrer harten Währung. Es ist kein Zufall, dass die Schweizer den Deutschen seit der Einführung des Euro in der Wohlstandsentwicklung davongeeilt sind.

Während in Deutschland politisch und medial immer nur die Vorteile eines schwachen Euro betont werden, schauen kluge Schweizer auch auf die andere Seite der Handelsbilanz. Wer das tut, stellt fest, wie sehr eine starke Währung die Einfuhren verbilligt. Davon profitieren Konsumenten und Unternehmen ungemein, sie müssen weniger Geld für Waren aus aller Welt, für Rohstoffe oder Vorprodukte ausgeben. Außerdem wird der Urlaub im Ausland günstiger, wie viele deutsche Urlauber aus der Vergangenheit wissen. Die Vorteile eines starken Euro für Deutschland kann erahnen, wer sich bewusst macht, dass der rohstoffarme Exportweltmeister zugleich zweitgrößtes Importland der Erde ist.

© picture-alliance/dpa/Arne Dedert, Deutsche Welle Euro verliert an Wert - Chance oder Risiko?

Weichwährung als Leitbild deutscher Politik

Hinzu kommt: In der Vergangenheit wirkten die ständigen Aufwertungen der D-Mark wie eine Produktivitätspeitsche, die Unternehmen zu noch mehr Innovation und Effizienz trieb. Das war zwar unbequem, im Ergebnis aber erfolgreich, weil dadurch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft fortlaufend stieg. Leider entfernt sich die deutsche Wirtschaftspolitik zusehends von der früher so erfolgreichen Stabilitätspolitik und dem Ordnungsrahmen der Sozialen Marktwirtschaft. Wie sehr das Berliner Wirtschaftsverständnis inzwischen dem Leitbild einer Weichwährung folgt, sieht man an der Rente mit 63, die nicht nur ein falsches Signal an die Europartner aussendet, sondern auch viele Milliarden mehr kosten wird als geplant.

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Die Aufforderung von Ministern an die Tarifparteien, sich einen ordentlichen Schluck aus der Lohnpulle zu genehmigen, ist ebenfalls eine Verirrung. Da darf man sich nicht wundern, wenn bei einer Inflation nahe null jetzt der öffentliche Dienst bis zu elf Prozent mehr Gehalt fordert. Natürlich können die Volkswirtschaften im Euroraum auch nach unten konvergieren, indem man das wettbewerbsstärkste Land schwächt. Fragt sich nur, ob das der Weg für eine wirtschaftlich gute Zukunft Europas ist.

Anstatt in der gegenwärtig heftigen Preisanpassung an den Märkten den Beleg zu sehen, dass eine Wirtschaft nur unter dem Schutz von künstlichen oder besser gesagt politischen „Marktpreisen“ durch ständige Interventionen der Zentralbank gedeihen kann, sollte man sich die hohen Kosten politischer Preise bewusstmachen. Ein Abwertungswettlauf am Devisenmarkt führt nicht selten zu Wirtschaftskrisen. Und künstlich niedrige Zinsen enteignen Sparer über die Zeit und machen für viele Arbeitnehmer die Altersvorsorge unmöglich.

Schweizer Notbremse, EZB dreht auf

Die Schweizerische Nationalbank zog die Notbremse auch mit Blick auf die in der nächsten Woche erwartete Entscheidung der Europäischen Zentralbank, ein riesiges Kaufprogramm von Staatsanleihen zu starten. Was soll der Kauf von Staatsanleihen in einem gigantischen Umfang eigentlich noch bringen? Die Märkte schwimmen doch schon lange in Liquidität. Nie zuvor waren die Preise für Immobilien, Aktien und Anleihen höher als heute. Die Zentralbank behauptet immer, nur bei noch niedrigeren Zinsen investierten Unternehmen mehr. Das ist Unsinn. Als ob ein Unternehmer seine Investitionsentscheidung davon abhängig macht, ob der Kreditzins 1 oder 2 Prozent beträgt.

Das Beschwören von Deflationsgefahr durch die Zentralbank ist kein überzeugendes Argument. Wenn in Griechenland oder Spanien der Preis für Arbeit sinkt, ist das eine schmerzhafte Anpassung der Kosten und eine Folge der vorherigen Übertreibung. Von einem dauerhaften Preisrückgang im Euroraum kann keine Rede sein, die Kerninflation (ohne Öl) beträgt 0,7 Prozent. Unerträglich hohe Zinsen für manche Eurostaaten nennt die EZB nicht mehr als Argument.

Schließlich bekommt seit heute der deutsche Finanzminister sogar Geld geschenkt, wenn sich der Bund für zehn Jahre verschuldet. Seinen Kollegen in Südeuropa fällt die Kreditaufnahme ebenfalls ganz leicht. Was also passiert, wenn die EZB die Märkte mit einer neuen Billion flutet? Der Euro wird noch weicher.

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