Home
http://www.faz.net/-gqg-77056
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Fracking Schieferöl könnte Deutschland reicher machen

Eine neue Studie belegt: Kaum ein Land würde so stark vom Ölfracking profitieren wie die Bundesrepublik. Das größte Förderpotential sehen Experten in Polen. Doch die Methode ist hoch umstritten.

© Reuters Vergrößern Das Gestein soll brechen: Fracking ist aus Umweltschutzgründen umstritten

In Argentinien will der Staatskonzern YPF gemeinsam mit dem Partner Chevron riesige Ölreserven aus der Vaca-Muerta-Gesteinsformation holen. Russland erwägt, mit Steuervorteilen Investoren für die Erkundung des vielversprechenden sibirischen Bazhenov-Gebiets zu gewinnen. In der australischen Wüste glaubt das Explorationsunternehmen Linc Energy ein großes Erdölfeld aufgespürt zu haben. Die auf der ganzen Welt verstreuten Energieprojekte haben alle eines gemeinsam: Die Ölvorkommen sind in undurchlässigem Schiefergestein eingeschlossen und sollen mit Hilfe der sogenannten Fracking-Methode gehoben werden. Der Schieferfels wird dabei mit einem Cocktail aus Wasser, Sand und Chemikalien aufgesprengt.

Marcus Theurer Folgen:  

Das Fracking ist aus Umweltschutzgründen hoch umstritten, aber eine neue Bohrmethode hat in den Vereinigten Staaten seit der Jahrtausendwende zuerst die Erdgas- und dann die Erdölförderung revolutioniert. Außerhalb Nordamerikas wird das Ölfracking dagegen bisher nicht angewandt. Kann das Schieferöl in Zukunft auch im Rest der Welt für ein Energiewunder sorgen? Ja, sagen die Experten des Beratungsunternehmens PwC - und kaum ein Land auf der Welt hätte dadurch so große Vorteile wie Deutschland. In einer Studie zum Energiemarkt prognostiziert PwC, das Schieferöl könnte langfristig zum „Turbo für die Weltwirtschaft“ werden, wenn die Vorkommen rund um den Globus konsequent erschlossen würden. Dank des zusätzlichen Angebots könnte der Ölpreis im Jahr 2035 um 25 bis 40 Prozent niedriger liegen als bisher angenommen.

Deutschland als drittgrößter Profiteur

Deutschland als großes Ölimportland würde vom niedrigeren Weltmarktpreis überdurchschnittlich profitieren, selbst wenn hierzulande auf die Schieferölförderung aus Umweltschutzgründen verzichtet würde. Zwischen 2 und 5 Prozent höher könnte die deutsche Wirtschaftsleistung dadurch zur Mitte des übernächsten Jahrzehnts ausfallen. Von den führenden Volkswirtschaften wäre Deutschland damit nach Schätzung von PwC hinter Indien und Japan der drittgrößte Profiteur einer möglichen Schieferölschwemme. Verlierer wären dagegen vor allem die Mitglieder des Ölförderkartells Opec wie Saudi-Arabien, Nigeria und Venezuela.

Die Annahmen, auf denen diese Prognosen basieren, sind allerdings vergleichsweise kühn: PwC erwartet, dass sich die globale Schieferölförderung bis zum Jahr 2035 auf 14 Millionen Barrel (zu 159 Liter) versiebenfachen wird. Die Prognose liegt damit viermal so hoch wie die der renommierten Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris.

Mehr zum Thema

Adam Lyons, Geschäftsführer von PwC in Großbritannien und einer der Autoren der Studie, ficht das nicht an: „Die IEA hat auch das Potential des amerikanischen Schiefergasbooms über Jahre hinweg unterschätzt.“ Andere Energiefachleute sind ähnlich optimistisch wie PwC. Auch der britische Ölkonzern BP sagte im Januar in seinem „Energy Outlook“ für das Jahr 2030 eine Schieferölförderung von annähernd 10 Millionen Barrel täglich voraus.

Gewaltige wirtschaftliche und ökologische Folgen

Das heutige Ausmaß der Schieferöl-Bonanza in den Vereinigten Staaten hat dagegen kaum ein Fachmann frühzeitig kommen sehen. Auch die großen Ölkonzerne sprangen erst spät auf den Zug auf. Die Schieferölproduktion hat sich in den vergangenen sieben Jahren verzehnfacht und machte im vergangenen Jahr rund ein Viertel der gesamten Ölförderung des Landes aus - ein unverhoffter Wohlstandsschub für die von der Finanzkrise gebeutelte Supermacht. Die amerikanische Energiebehörde EIA rechnet bis zum Ende des Jahrzehnts mit weiter steigenden Zahlen. BP hält es für möglich, dass die Vereinigten Staaten dank des Schieferschatzes dieses Jahr Saudi-Arabien als größtes Ölförderland der Welt ablösen.

Wenn das Schieferöl mittelfristig tatsächlich auch außerhalb Nordamerikas im großen Stil ausgebeutet werden sollte, könnte das gewaltige Folgen haben - wirtschaftliche und ökologische. Die Weltwirtschaft wäre in Zukunft wohl weniger abhängig von einer kleinen Anzahl mächtiger Ölstaaten, denn die Schieferölvorkommen sind offenbar weiträumiger verteilt als die bisherigen Ölquellen. Als eines der vielversprechendsten Länder gilt China, das bisher kaum eigenes Öl hat. In Europa sehen Geologen das größte Schieferölpotential in Polen. Bedenklich wäre die Globalisierung der Schieferölförderung dagegen für den Klimaschutz: Wenn der Ölpreisanstieg durch zusätzliche Angebotsmengen geringer ausfällt, sinkt der Anreiz, sparsamer mit dem klimaschädlichen Brennstoff umzugehen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Preisverfall Die Ölriesen gehen auf Diät

Der Preisrutsch am Ölmarkt trifft die Branche hart. Amerikas Schieferöl-Förderer leiden. Mitarbeiter von Großkonzernen wie BP bangen um ihre Stellen. Mehr Von Marcus Theurer

10.12.2014, 12:29 Uhr | Finanzen
Fracking Debatte um Schiefergasförderung

In Amerika ist die Schiefergasgewinnung eine Erfolgsgeschichte. Doch in Deutschland sind die Bedenken groß. Mehr

20.11.2014, 09:06 Uhr | Politik
Ölpreise weiter auf Talfahrt Ölsorte WTI kostet unter 60 Dollar

Seit dem Sommer sind die Ölpreise schon um mehr als 40 Prozent eingebrochen. Am Freitagmorgen fiel der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte WTI im asiatischen Handel zeitweise auf ein neues Fünf-Jahres-Tief von 58,80 Dollar. Mehr

12.12.2014, 07:54 Uhr | Finanzen
Immer dahin, wo es kachelt

Storm Chasing ist in Nordamerika eine Aktivität zwischen Sport und Wissenschaft. Aber auch hierzulande fühlen sich Menschen von Unwettern angezogen. Und auch Deutschland ist Tornadoland. Mehr Von Andreas Frey

27.08.2014, 07:54 Uhr | Aktuell
Auf Talfahrt Ölpreis fällt erstmals seit fünf Jahren unter 65 Dollar

Die Ölpreise haben am Mittwoch ihre Talfahrt beschleunigt. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent fiel erstmals seit fünf Jahren unter 65 Dollar. Ein Grund ist die neue Nachfrageprognose der Opec. Mehr

10.12.2014, 17:43 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.02.2013, 08:20 Uhr

Gabriels falsches Signal

Von Heike Göbel

Sigmar Gabriel hat weiteren Sanktionen gegen Russland eine Absage erteilt. Das ist das falsche Signal. Mehr 2 13


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Lehrer und Schüler sind zufrieden mit der Computerausstattung an Schulen

Lehrer und Schüler sind eigentlich zufrieden mit ihrer Internet- und Computer. Doch welche Gruppe ist kritischer mit der Ausstattung? Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden