http://www.faz.net/-gqe-758ot

Folgen der Energiewende : Polen wehrt deutschen Windstrom ab

Das Leitungsnetz muss auf den Strom aus Windkraftanlagen eingestellt werden. Bild: dpa

Unerbetene Windstromexporte aus Deutschland nach Polen und Tschechien sollen künftig gestoppt werden. Die Netzbetreiber reagieren damit auf den rasanten Ökostromausbau hierzulande.

          Unerbetene Windstromexporte aus Deutschland nach Polen und Tschechien sollen künftig gestoppt werden, auch um eine drohende Destabilisierung von Netz und Versorgungssicherheit in den Nachbarstaaten zu verhindern. Einen Vertrag, der den Bau von Windstromsperren vorsieht, hat der ostdeutsche Stromübertragungsnetzbetreiber 50 Hertz diese Woche mit dem polnischen Netzbetreiber PSE geschlossen. Eine ähnliche Regelung strebe man auch mit dem tschechischen Netzbetreiber Ceps an, sagte 50 Hertz-Geschäftsführer Dirk Biermann dieser Zeitung. Das Abkommen sieht unter anderem den Bau technischer Anlagen für die Steuerung der Stromflüsse vor. Damit kann der physikalische Widerstand erhöht und deutscher Windstrom abgewehrt werden.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das Unternehmen reagiert damit auf den zunehmenden Ökostromanteil und den gleichfalls wachsenden Druck aus der Politik. Mehrfach hatten sich Vertreter der polnischen und tschechischen Regierung in Berlin und Brüssel über den rasanten deutschen Ökostromausbau beschwert. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) äußerte sich nun zufrieden und hieß die Vereinbarung ausdrücklich gut: „Es ist wichtig, dass die Übertragungsnetzbetreiber praktische Lösungen erarbeiteten, die im Interesse des gemeinsamen Binnenmarktes sind.“

          Elektronen halten sich nicht an Ländergrenzen

          Die sind auch notwendig, denn wenn das Stromnetz in Deutschland voll und der direkte Weg von den norddeutschen Windstromerzeugern zu den süddeutschen Verbrauchern verstopft ist, nimmt der Stromfluss einen Umweg über die Nachbarländer. Der Fluss der Elektronen hält sich nicht an Ländergrenzen, sondern sucht den Weg des geringsten physikalischen Widerstands.

          Da Wind- und Sonnenstrom im deutschen Netz Vorfahrt hat, darf der Netzbetreiber nur in Notfällen eine Abschaltung oder Drosselung anweisen - anders als bei Kohle- oder Gaskraftwerken. Weil die Windstromproduktion ständig zunimmt, wird auch das Problem immer größer. Die Niederlande haben sich oft darüber beklagt, zuletzt aber vor allem Polen und Tschechien. Sie hatten auch EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger eingeschaltet.

          Netzstabilität bedroht

          Der ungeregelte Zufluss deutschen Stroms bringt die „Fahrpläne“ für das Netz durcheinander. Das bedroht die Stabilität des Netzes und der Versorgung in den Nachbarländern. Nicht zuletzt führt das zu zusätzlichen Kosten, wenn Kraftwerke plötzlich runtergefahren werden müssen, weil der unerbetene Strom aus dem Ausland die Planung durcheinanderbringt. Die Dimension macht Biermann mit einer Überschlagsrechnung deutlich: Demnach sind die ungeplanten physikalischen Exporte von Strom nach Polen mit 1500 Megawatt etwa dreimal so hoch wie die von Händlern veranlassten Stromimporte. In Spitzenzeiten sind die ungeplanten Stromexporte sogar so hoch, dass beide Leitungen voll ausgelastet sind.

          Polen hatte deshalb damit gedroht, das eigene Netz besser vom deutschen abschotten zu wollen und einen „Phasenschiebertransformator“ einzubauen. Mit so einem Gerät kann der Stromfluss reguliert werden. Das wollten 50 Hertz und der polnische Stromnetzbetreiber PSE jetzt gemeinsam tun, sagte Biermann. So sollen an den Netzknoten an den Übergangsstellen in Brandenburg und Sachsen je zwei Phasenschiebertransformatoren gebaut werden. Die Anlagen, die jede Seite 80 Millionen Euro kosten dürften, sollen 2016 einsatzbereit sein. Biermann geht davon aus, dass 50Hertz seinen Anteil auf die von den Verbrauchern zu zahlenden Netzkosten umlegen kann.

          Mit dem Phasenschieber habe man „ein Instrument in der Hand, den Strom dahin fließen zu lassen, wo wir ihn haben wollen“, sagte Biermann. Dafür müsse aber auch das deutsche Netz weiter ausgebaut werden. Die bessere Regulierung der Kapazitäten an den Grenzen nach Polen und Tschechien hätte zudem einen ökonomischen Vorteil, sagte Biermann: Es gebe mehr Platz für Handelsgeschäft auf den Leitungen.

          Weitere Themen

          BMW-Fahrverbote in Südkorea Video-Seite öffnen

          Wegen Brandgefahr : BMW-Fahrverbote in Südkorea

          Zwischen Januar und Juli war bei mehr als zwei Dutzend Diesel-Fahrzeugen der Motor in Brand geraten. BMW in Südkorea hat über 100.000 Autos in die Werkstätten gerufen.

          Klitzeklein will hoch hinaus Video-Seite öffnen

          Mikrowohnen : Klitzeklein will hoch hinaus

          Mikrowohnen ist nicht nur in Metropolen ein Trend. Auch in den Bergen locken Feriendomizile, Almhütten und Pavillons im Miniaturformat.

          Topmeldungen

          Russlands Außenminister Sergej Lawrow (links) schüttelt dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Dienstag in Ankara die Hand.

          Lawrow in Ankara : Russland tritt an Erdogans Seite

          Keine zwei Tage Finanzkrise in der Türkei hat es gedauert, bis der russische Außenminister in Ankara ankommt. Russland und Erdogan haben einen gemeinsamen Feind: Amerikas Präsidenten Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.