Der Absturz des ersten in Russland gebauten Passagierflugzeuges ist ein Rückschlag für die ambitionierten Pläne der Schwellenländer. Die russische Maschine vom Typ Suchoj Superjet 100 ist am Mittwoch nach einem Schauflug über der indonesischen Hauptstadt Jakarta schlagartig vom Himmel verschwunden. Seit diesem Donnerstagvormittag steht fest, dass die Maschine abgestürzt ist. Rettungstrupps sichteten das Wrack am Donnerstagmorgen in einer Gebirgskette bei Bogor unweit der Hauptstadt Jakart. Es gilt als nahezu ausgeschlossen, dass einer der 50 Insassen überlebt hat.
Ehrgeiz in Russland und China
Das Unglück ist auch für die russische Luftfahrtindustrie ein Albtraum. Der Superjet ist der Hoffnungsträger der russischen Luftfahrtindustrie. Der Suchoj-Konzern will damit in Konkurrenz zu den Marktführern Airbus und Boeing treten. An Bord sollen neben der russischen Mannschaft und Diplomaten auch asiatische Geschäftsleute gewesen sein. Es dürfte sich um Manager dortiger Fluggesellschaften handeln, die für die Bestellung des Superjets gewonnen werden sollten, hieß es. Auf seiner Werbetour war der Superjet zuvor in Burma, Pakistan und Kasachstan gezeigt worden, auf Indonesien standen Laos und Vietnam auf dem Programm. Asiatische Fluggesellschaften sollten die wichtigsten Kunden der Russen werden.
Allerdings stehen die Russen mit ihren Ambitionen nicht allein da: Neben Embraer, dem inzwischen etablierten brasilianischen Hersteller von Mittelstreckenflugzeugen, entwickeln auch Chinesen und Inder eigene Passagiermaschinen. Fachleute bezweifeln freilich, dass dies in der bislang erhofften, relativ kurzen Zeitspanne gelingen werde. Schon der erste Superjet, der an Aeroflot überstellt wurde, soll im vergangenen Juni seinen Jungfernflug wegen Sicherheitsmängeln abgebrochen haben. Und vor genau einem Jahr war ebenfalls in Indonesien schon eine in China gebaute MA 60 abgestürzt; alle 25 Insassen verloren ihr Leben.
Nicht mehr im Zug, sondern per Flugzeug
Die Schwellenländer Asiens brauchen dringend Flugzeuge, da ihre Mittelschicht rasant wächst. „Statt 420 Millionen Menschen werden 2030 in Südostasien, China und Indien 2,65 Milliarden Menschen zur Mittelschicht zählen“, sagt die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) voraus. Diese Menschen wollen die riesigen Distanzen der Region mit ihrer schlechten Infrastruktur nicht mehr im Zug, sondern per Flugzeug überbrücken. Erst Mitte Februar hat die junge indonesische Fluggesellschaft Lion Air Boeing einen Rekordauftrag für 230 Mittelstreckenmaschinen zum Listenpreis von 22,4 Milliarden Dollar erteilt.
Die Amerikaner rechnen für den Zeitraum von 2011 bis 2030 mit einem weltweiten Bedarf von 33 500 neuen Flugzeugen. Deren Löwenanteil von 11 450 Maschinen im Wert von 1,5 Billionen Dollar ginge nach Asien, sagt Boeing-Marketing-Chef Randy Tinseth. 2015 werde der Anteil Asiens am Luftverkehrsmarkt auf 37 Prozent steigen, derjenigen des Westens auf 29 Prozent sinken. Bislang aber sind die Asiaten auf das Duopol des europäischen Airbus-Konzerns und des amerikanischen Herstellers Boeing angewiesen. Gerade die vielen jungen Fluggesellschaften Asiens fühlen sich in der Zange der beiden westlichen Anbieter - bei Preisverhandlungen haben sie nur geringen Spielraum. Diese Vormacht des Westens zu brechen ist für die Schwellenländer mehr als eine Frage des Stolzes; es geht um bares Geld, Arbeitsplätze, Image und Innovation.
Anweisung von Putin
Die Russen sind da weit voran: Der Superjet ist das erste Passagierflugzeug, das sie nach dem Ende der Sowjetunion vollständig neu entwickelten. Erst vor wenigen Tagen feierte Suchoj das einjährige Jubiläum der Indienststellung: Nachdem sich die Auslieferung um knapp vier Monate verzögert hatte, flog die armenische Fluggesellschaft Armavia den ersten Superjet im April 2011.
Inzwischen soll Suchoj Aufträge für 170 Maschinen haben. Gebaut werden sollen tausend Einheiten, ausgeliefert wurden bisher aber nur wenige Superjets. Die Konstruktion des Regionalflugzeugs war Neuland für den traditionsreichen Konzern, der für seine Kampfflugzeuge bekannt ist. 2000 wurde für diesen Zweck extra eine Tochtergesellschaft gegründet, an welcher der italienische Flugzeughersteller Alenia Aermacchi mit 25 Prozent beteiligt ist. Suchoj selbst befindet sich seit 2006 im Vollbesitz des russischen Luftfahrtkonsortiums OAK, das mehrere Flugzeughersteller unter einem Dach vereint und auf Anweisung von Präsident Wladimir Putins ins Leben gerufen worden war. Am Design des Superjets war auch Boeing beteiligt, selbst wenn Suchoj ihn inzwischen in direkter Konkurrenz zum amerikanischen Flugzeughersteller zu positionieren sucht.
Auch die Chinesen sind weit gekommen. Der Staatskonzern Comac arbeitet an der Entwicklung des Mittelstreckenflugzeuges C-919, dessen Rumpf im Februar bei der Luftfahrtmesse in Singapur begehbar war. 235 Bestellungen liegen für die Maschine schon vor. Die Schwestergesellschaft Avic hat unter anderem die Modern Ark 60 (MA 60) im Programm, deren größter Abnehmer Indonesien ist. Indien versucht, Schritt zu halten. Die Inder haben die Arbeit an einer Verkehrsmaschine mit 90 Sitzplätzen aufgenommen. Das Projektbüro schätzt, die Entwicklung koste rund 640 Millionen Euro. Für die Serienfertigung würden noch einmal rund 500 Millionen Euro benötigt.
Falsche Schlussfolgerung
Herbert Sax (H.Sax)
- 10.05.2012, 18:31 Uhr
Flugunfalluntersuchung abwarten
Oliver Langen (Acer99)
- 10.05.2012, 16:19 Uhr
Der Vollständigkeit halber muss man dann auch noch
Kurt J. Fink (KFink)
- 10.05.2012, 16:12 Uhr
Und wieder wird hartnaeckig kritisiert
Anton Brem (Korn3105)
- 10.05.2012, 15:37 Uhr
Mitsubishi Regional Jet
Eric Varnhagen (erichnabokov)
- 10.05.2012, 14:37 Uhr
