Home
http://www.faz.net/-gqg-qvo2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Flugindustrie Eine halbe Branche vor dem Insolvenzrichter

25.08.2005 ·  Was bedeutet heutzutage schon ein Insolvenzantrag? „Nicht viel“ könnte man meinen, wenn man auf die amerikanische Flugindustrie blickt. Die kritische Lage von Delta Air Lines ist durchaus kein Einzelfall.

Von Roland Lindner
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Was bedeutet heutzutage schon ein Insolvenzantrag? Blickt man auf die amerikanische Flugindustrie, könnte man meinen, daß die praktischen Auswirkungen für den Geschäftsbetrieb eines Unternehmens sich in Grenzen halten.

Als vor fast genau drei Jahren US Airways mit einem Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter 11 des amerikanischen Konkursrechts die derzeitige Insolvenzwelle startete, kam das noch einem Erdbeben in der Branche gleich und wurde von vielen Experten als Anfang einer großen Bereinigung gewertet. Aber bis heute, drei Jahre und etliche Insolvenzanträge später, ist keine amerikanische Fluglinie wirklich untergegangen. Wenn heute die drittgrößte amerikanische Fluggesellschaft, Delta Air Lines, nahe an einem Insolvenzantrag steht, gehört das fast schon zur Tagesordnung in der Industrie.

UAL ist seit drei Jahren im Insolvenzverfahren

Ein Insolvenzantrag nach Chapter 11 bedeutet eben gerade nicht das Ende für ein Unternehmen. Im Gegenteil: Der Gesetzgeber will mit diesem Instrument angeschlagenen Gesellschaften erlauben, ihren Fortbestand zu sichern und sich neu auszurichten - geschützt vor dem Zugriff ihrer Kreditgeber und mit mehr Möglichkeiten, bestehende Tarifvereinbarungen mit Mitarbeitern abzuändern.

Was der Gesetzgeber aber nicht beabsichtigte, ist ein dauerhaftes Verweilen unter Gläubigerschutz, und hierfür findet sich in der amerikanischen Flugindustrie ein besonders krasses Beispiel: UAL, die Muttergesellschaft der zweitgrößten amerikanischen Fluglinie United Airlines, ist seit Dezember 2002 und damit seit fast schon drei Jahren im Insolvenzverfahren. Üblicherweise schließen Unternehmen den Gläubigerschutz nach einem bis zwei Jahren ab. Selbst das skandalumwitterte Telekommunikationsunternehmen Worldcom, der größte Insolvenz- und Betrugsfall der amerikanischen Geschichte, hat das Verfahren im April 2004 nach knapp zwei Jahren hinter sich gebracht.

United Airlines hat das Insolvenzverfahren nach Chapter 11 in eine neue Dimension gebracht und es zum strategischen Instrument im Wettbewerb mit anderen Fluggesellschaften gemacht. Kreditgeber und Mitarbeiter gewährten mehr Zugeständnisse, als sie dies wohl außerhalb einer Insolvenz gemacht hätten. Der tiefgreifendste Schritt war es, als United in diesem Jahr Pensionszusagen in Milliardenhöhe auf die staatliche amerikanische Pensionssicherungsgesellschaft überwälzen konnte.

Weiter tief in der Verlustzone

Das alles hat United Wettbewerbsvorteile gebracht, aber es noch immer nicht zu einer gesunden Fluggesellschaft gemacht. Das Unternehmen steckt weiter tief in der Verlustzone, allein im zweiten Quartal wies UAL insbesondere aufgrund von Restrukturierungsaufwendungen einen Verlust von 1,4 Milliarden Dollar aus. Schon mehrmals hat United seine Prognosen für das Ende des Insolvenzverfahrens wieder revidiert.

Ursprünglich sprach die Gesellschaft von 18 Monaten, noch Ende Juli stellte UAL den Abschluß noch im Herbst dieses Jahres in Aussicht. Aber schon kurz danach mußte United zugeben, daß die Kreditgeber mehr Zeit für die Prüfung des Reorganisationsplanes brauchen und sich die Insolvenz bis ins nächste Jahr hineinziehen könnte.

Flucht in Fusion

Auf eine frühere Wiederauferstehung hofft der Wettbewerber US Airways, der eine ganz andere Strategie verfolgte als UAL. Die siebtgrößte amerikanische Fluglinie hat ihr erstes Gläubigerschutzverfahren schon nach acht Monaten abgeschlossen, rutschte aber sehr schnell wieder in eine finanzielle Schieflage.

Im September vergangenen Jahres stellte die Gesellschaft erneut einen Insolvenzantrag und will sich nun in eine Fusion flüchten. Im Mai vereinbarte US Airways den Zusammenschluß mit dem Wettbewerber America West. Die kombinierte Gesellschaft soll zwar US Airways heißen, die Führung des neuen Unternehmens kommt aber fast ausschließlich von America West.

Lage dramatisch zugespitzt

US Airways hofft, den Zusammenschluß und auch das Insolvenzverfahren im Herbst abschließen zu können. Ob die Fusion ein wettbewerbsfähiges Unternehmen entstehen läßt, muß sich zeigen. Einzeln für sich haben die beiden Gesellschaften im vergangenen Jahr einen Verlust ausgewiesen.

Delta Air Lines hat bislang stets beteuert, einen Insolvenzantrag mit allen Mitteln verhindern zu wollen, aber die Lage hat sich in den vergangenen Wochen dramatisch zugespitzt. Die Barreserven schmelzen dahin, und das Unternehmen stößt schon Vermögenswerte wie kürzlich eine Regionalfluggesellschaft ab, um Vereinbarungen mit Kreditgebern aufrechterhalten zu können.

Entspannung der Finanzlage nicht in Sicht

Die Fortschritte, die Delta beim Abbau der Kosten gemacht hat, reichen im derzeitigen Marktumfeld bei weitem nicht aus, um das Unternehmen aus der Verlustzone zu holen. Die Rekordpreise für Öl sorgen für dramatisch gestiegene Treibstoffkosten. Zudem haben die alteingesessenen Fluggesellschaften wie Delta noch immer deutlich ungünstigere Kostenstrukturen als die stark expandierenden Billigfluggesellschaften wie Southwest Airlines oder Jetblue. Das sorgt gerade auf amerikanischen Inlandsflügen für einen immer härteren Preiswettbewerb.

Eine Entspannung der Finanzlage ist also nirgendwo in Sicht, zumal das zuletzt sehr starke Passagieraufkommen im Herbst traditionell niedrig ist. Vielen Analysten gilt ein Insolvenzantrag bei Delta als wahrscheinlich. Auch die viertgrößte amerikanische Fluggesellschaft Northwest Airlines, die gerade von einem Streik heimgesucht wird, ist stark insolvenzgefährdet.

Aggressive Billiganbieter

Nach Ansicht von Analysten könnte eine im Oktober bevorstehende Änderung des Insolvenzrechts die Gesellschaften dazu bewegen, noch vorher ein Gläubigerschutzverfahren einzuleiten. Das neue Gesetz erlaubt weniger Flexibilität während eines Insolvenzverfahrens und zwingt Unternehmen unter anderem zu einer schnelleren Reorganisation.

Auf längere Sicht gilt es indessen als fraglich, ob für Traditionsfluglinien eine Neuausrichtung im Insolvenzverfahren ausreicht, um das Überleben zu sichern. Vieles spricht im Moment für einen tiefgreifenden Strukturwandel in der Industrie zugunsten der aggressiven Billiganbieter, die weniger Altlasten in ihren Kostenstrukturen zu tragen haben. Externe Einflüsse wie die hohen Ölpreise könnten eine Bereinigung im Markt beschleunigen. Möglicherweise gibt es dann bald nicht mehr nur Insolvenzanträge nach Chapter 11, sondern es käme auch Chapter 7 zum Einsatz - der Abschnitt des amerikanischen Konkursrechts, der die Liquidierung behandelt.

Quelle: F.A.Z., 25.08.2005, Nr. 197 / Seite 18
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge

Eine deutsche Bank

Von Gerald Braunberger

Josef Ackermann verlässt die Deutsche Bank, die Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen übernimmt. Das Kredithaus agiert überall auf der Welt - von der Rolle eines Weltmarktführers ist die Bank allerdings weit entfernt. Mehr 3

30.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.280,80 −1,81%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.368,84 −1,82%
Dow Jones 12.419,90 −1,28%
EUR/USD 1,2364 −0,04%
Rohöl Brent Crude 103,25 $ 0,00%
Gold 1.540,00 $ −2,50%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.