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Finanzplanung im Alter Was habe ich?

25.04.2011 ·  Nach Jahrzehnten des Sparens steht nun der Kassensturz an: Wie viel Geld steht zur Verfügung? Wie lege ich es weiter an, damit das Vermögen lange hält? Eines ist klar: Nur von den Zinsen zu leben, schafft kaum einer. Man muss sich ans Ersparte gehen.

Von Volker Looman
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Viele Jahre haben sie in ihrer Berufszeit gespart, jetzt wird es ernst: Mit dem Beginn des Ruhestandes wird das Ersparte benötigt. Aber kaum einer weiß, wie viel Geld er aus den vielen Töpfen bekommt. Ob das reicht. Und wie er damit die nächsten Jahrzehnte möglichst gut über die Runden kommt. Es herrscht Unsicherheit.

Banken und Versicherungen versuchen aus diesen Sorgen Kapital zu schlagen. Der „Angriff“ der Finanzindustrie auf Senioren ist für diese die größte Gefahr, weil das Risiko besteht, zwischen Tür und Angel irgendwelche Verträge abzuschließen, die sich bald als ungeeignet erweisen. Zumal die finanziellen Ängste meist nicht berechtigt sind, weil es vielen Rentnern besser geht als ihnen bewusst ist.

Vor diesem Hintergrund lautet die erste Pflicht beim Umgang mit Geld im Alter: Ruhe bewahren und mit kühlem Kopf rechnen. Vier Aufgaben sind zu erledigen: Inventur der Geldanlagen, Aufstellung der Ausgaben, Strukturierung des Vermögens, Beschaffung der notwendigen Finanzprodukte. Der Ablauf wird in folgendem Beispiel deutlich.

Ein Ehepaar ist zusammen fast 128 Jahre alt, die Frau ist 63 Jahre jung und hat kaum eine Rente zu erwarten, der Mann wird in sieben Monaten seinen 65. Geburtstag feiern. Danach geht er in den Ruhestand. Es wird nach Lage der Dinge ein Unruhestand werden. Das Paar hat drei Kinder und sieben Enkel. Hinzu kommt ein großer Freundeskreis.

Was soll aus den Aktien werden?

Auch die materielle Bilanz sieht gut aus (siehe kleine Tabelle). Das Privatvermögen besteht aus zehn Posten. Auf dem Festgeldkonto liegen 10.000 Euro. Im Depot der Hausbank lagern Bundesschatzbriefe im Wert von 30.000 Euro. Hinzu kommt ein Sparbrief dieser Bank, der in drei Monaten ausgezahlt und rund 20.000 Euro bringen wird. Die Kapitalpolice und die Rentenversicherung werden in Kürze fällig, und die Gesellschaft hat dem Ehepaar mitgeteilt, dass die Ablaufleistungen bei 60.000 und 40.000 Euro liegen werden. Das kleine Eigenheim könnte nach Sondierung des Immobilienmarktes für 200.000 Euro verkauft werden.

Es stellt sich die Frage, was aus den Aktien werden soll. Da gibt es ein Depot im Wert von 50.000 Euro. Außerdem liegen in Investmentfonds weitere Aktien im Umfang von 70.000 Euro. Abgerundet wird das Vermögen durch die beiden Rentenzusagen für den Ehemann. Die gesetzliche Monatsrente wird laut der jährlich verschickten Renteninformation 1500 Euro betragen, die betriebliche Monatsrente wird bei 1000 Euro liegen. Hätte sich das Paar nicht für die Auszahlung der privaten Rentenversicherung entschlossen, käme in diesem Einnahmeblock noch eine monatliche Rente aus der privaten Police hinzu.

Die Addition der Geldanlagen führt zu einem Vermögen von 480.000 Euro und zu Rentenzahlungen von 2500 Euro im Monat. Das sieht auf den ersten Blick nach viel Geld aus, doch bei genauem Hinsehen wird schnell deutlich, dass alles eine Frage des Standpunktes ist. Das gilt auch für dieses Vermögen. Zunächst sollte das Eigenheim aus der Bilanz gestrichen werden, weil es nicht zur Disposition steht. Folglich hat das Ehepaar ein „freies“ Vermögen von 280.000 Euro. Und die beiden Renten unterliegen Steuern und Sozialabgaben, so dass sie in dieser Höhe nicht zur Verfügung stehen werden.

Die Abgaben führen zu der Frage, wie hoch die laufenden Einnahmen und Ausgaben sind. In die Kasse werden auf jeden Fall 2500 Euro Rente kommen.

Im vorliegenden Beispiel summieren sich die monatlichen Ausgaben inklusive Steuern auf 3477 Euro. Das führt auf dem Papier zu einer „Versorgungslücke“ von 977 Euro im Monat. Das klingt nach viel. Aber das Loch ist zu stopfen, weil das Ehepaar genügend Mittel hat, um sich dieses Leben leisten zu können.

Zwei Möglichkeiten, eine „Versorgungslücke“ zu schließen

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, eine „Versorgungslücke“ zu schließen. Entweder wird das im Ruhestand zur Verfügung stehende Geld weiter angelegt und die Erträge wie Zinsen oder Dividenden liefern das Geld, um die Lücke zu stopfen. Das Vermögen selbst wird dabei nicht aufgebraucht. Das erfordert in der Regel ein sehr hohes Vermögen.

Die meisten werden soviel Kapital nicht zur Verfügung haben und daher die zweite Option wählen müssen. Dabei legen sie ihr Geld weiter an und leben zum Teil von den Erträgen daraus, zum anderen Teil aber auch davon, dass sie regelmäßig einen Teil des Vermögens verkaufen. Das Risiko dabei ist, dass man sehr lange lebt und das Vermögen schon vorher aufgebraucht ist. Eine gute Planung soll das verhindern.

Im Beispielfall erfordert die erste Option, in der das freie Vermögen (280.000 Euro) nicht angegriffen werden soll, einen jährlichen Anlagezins von 4,19 Prozent nach Steuern, um die Lücke von 977 Euro monatlich oder 11 724 Euro jährlich zu stopfen. Unter Berücksichtigung der Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent muss der Anlagezins aber 5,691 Prozent vor Steuern betragen – für den vorsichtigen Anleger eine hohe Hürde. Bei sicheren Geldanlagen gibt es im Augenblick vielleicht 3 bis 3,5 Prozent im Jahr vor Steuern, aber fast 6 Prozent sind – wenn überhaupt – nur mit entsprechenden Risiken zu erzielen.

Was soll das Ehepaar machen? Soll es diese Risiken eingehen? Soll das Kapital angegriffen werden mit der Folge, dass Kinder und Enkel weniger erben werden? Oder sollen die beiden Senioren den Konsum einschränken? Müssen zwei Autos in der Garage stehen? Werden im Supermarkt alle Sonderangebote ausgeschöpft? Und müssen im Alter noch Weltreisen sein? Die einzelnen Fragen mögen Heiterkeit oder Kopfschütteln auslösen, doch im Alltag geht es genau um diese Fragen – und für jeden Ruheständler fallen die Antworten individuell anders aus.

Viele entscheiden sich für Option zwei, also den allmählichen Verbrauch des Vermögens. Bei diesen Überlegungen hilft die große Tabelle. Hier kommt zum Ausdruck, wie hoch die Monatsrente ist, wenn ein Betrag von 100.000 Euro verrentet wird. Wer 200.000 Euro zur Verfügung hat, kann die abgedruckten monatlichen Renten einfach verdoppeln.

Drei Fragen müssen geklärt werden

Für die Entscheidung, wie das Geld im Ruhestand in dieser zweiten Option angelegt werden soll, sind drei Fragen zu klären: Wie lange soll die Lücke geschlossen werden? Welches Risiko bin ich bereit, bei der Geldanlage einzugehen, mit welchem Jahreszinses vor Steuern kann ich also rechnen? Und wie hoch wird die jährliche Inflationsrate sein, mit der mein Erspartes wieder angeknabbert wird?

Im Beispielfall ist das Ehepaar Mitte 60. Folglich ist damit zu rechnen, dass die Senioren im Durchschnitt noch 25 Jahre leben werden. Die Rendite festverzinslicher Anleihen soll 4 Prozent pro Jahr betragen. Wenn die Inflationsrate bei 2 Prozent im Jahr vermutet wird, kann bei einer angelegten Summe von 100.000 Euro eine Rente von 376 Euro erwartet werden. Das reicht also nicht, um im Beispielfall die Versorgungslücke von 977 Euro zu schließen. Dazu müssten 260.000 Euro des freien Vermögens von 280.000 Euro angelegt werden. Und nach 25 Jahren ist das Vermögen aufgebraucht.

Das kann bei manchen Menschen zu Gewissensbissen führen. Ist es in Ordnung, den Kindern „nur“ ein Haus zu vererben? Werden die jährlichen Urlaube noch Freude bereiten, wenn dafür das „gesamte“ Vermögen geopfert wird. Was passiert bei Krankheit oder Pflege?

Soll das Kapital erhalten werden, würden 100.000 Euro bei einem Anlagezins von vier Prozent eine monatliche Zahlung von nur 245 Euro statt 376 Euro bringen, wenn das Kapital aufgebraucht wird. Diese 245 Euro unterliegen der Inflation, so dass sich das Kapital trotz des scheinbaren Erhalts im Laufe der Zeit doch auffrisst. Auf jeden Fall gilt in dem Beispielfall: Ohne Konsumverzicht kann das Kapital bei konservativer Anlagepolitik nicht erhalten werden. Wer aber nicht verzichten will, muss das Anlagerisiko erhöhen.

Was also tun? Wie sollen 280.000 Euro angelegt werden, falls der Hang zum Risiko begrenzt ist und gelegentlicher „Verbrauch“, aber auch einmal eine Einzahlung möglich sein soll. Und wenn wenigstens noch eine Grundabsicherung bezahlt wird, wenn man doch länger als gedacht lebt.

Drei Töpfe

Hier ist ein Vorschlag: Das freie Vermögen von 280.000 Euro im Beispiel wird auf drei Töpfe verteilt: Tagesgeld, Anleihen und Aktien. Das jederzeit verfügbare Tagesgeld von 30.000 Euro taucht in der Übersicht gar nicht auf, weil es als Notgroschen auf die Seite gelegt worden ist. Falls zum Beispiel ein neues Auto benötigt wird oder wenn im Haus größere Reparaturen notwendig sind. Die weiteren 250 000 Euro werden zu 60 Prozent in Anleihen und zu 40 Prozent in Aktien investiert. Der Anleiheteil wird gleichmäßig auf eine Rentenversicherung und mehrere Staatsanleihen verteilt. Die Versicherung kann eine Umwandlung der alten Rentenversicherung sein, die zu Berufszeiten bespart wurde.

Die Rechnung geht wie geplant über 25 Jahre. Jeden Monat stehen unter der Annahme einer Inflation von zwei Prozent real 980 Euro zur Verfügung – die im Beispiel angenommene „Versorgungslücke“. Die private Versicherung wirft eine lebenslange Monatsrente von 300 Euro ab, die jedes Jahr um zwei Prozent steigt, im Jahr 25 also 482 Euro beträgt. Hinter den Anleihen und den Aktien verbergen sich börsengehandelte Indexfonds.

Sie bieten dem Anleger drei Vorteile. Erstens fallen beim Kauf geringe Kosten an, zweitens ist die Streuung hoch, und drittens sind Entnahmen in beliebiger Höhe möglich. Im vorliegenden Fall werden bei den Anleihen jährlich 3,5 Prozent und bei der Aktien jährlich 6 Prozent Rendite vor Steuern erwartet. Die Abgeltungssteuer wird dem Vermögen entnommen.

Die Töpfe Anleihen und Aktien sind als Rentenauszahlpläne konzipiert. Die Anleger verkaufen im ersten Jahr Anleihen im Wert von 3240 Euro und steigern die jährlichen Verkäufe wegen der Inflation jedes Jahr um 2 Prozent auf 5211 Euro im Jahr 25. Diese „Entnahmen“ aus dem Anleihetopf entsprechen laufenden Rentenzahlungen. Genauso verfahren sie bei den Aktien. Hier beginnen die Verkäufe bei 4920 Euro und steigen im Laufe der Zeit auf 7914 Euro.

Mit dieser Aufteilung schlagen die Anleger mehrere Fliegen mit einer Klappe. Die Rücklage von 30.000 Euro sorgt für Hilfe in Notfällen. Die Rentenversicherung bietet eine Zusatzrente bis an das Lebensende, also auch, wenn man länger als 25 Jahre lebt. Die übrigen 175.000 Euro (100.000 Euro in Aktien, 75.000 Euro in Anleihen) stecken in „flüssigen“ Anlagen. Die Investoren können das Kapital liegen lassen, so dass es im Laufe der Zeit um die Zinsen anwächst. Und sie können jederzeit Geldbeträge in beliebiger Höhe entnehmen und einzahlen. Vielleicht kann das schlechte Gewissen, dass sich viele Menschen im Alter machen, ja doch ein Stück überwunden werden!

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