06.02.2010 · In Iqaluit, wo das G-7-Treffen der Finanzminister stattfindet, mischen sich althergebrachte Nomadenkultur und moderne Gesellschaft. Hier gibt es Robbenjagd und Debatten über eine einzige Verkehrsampel. Dass Kanada das Treffen hier ausrichtet, ist auch eine politische Erklärung.
Von Patrick Welter, IqaluitDas Zentrum von Iqaluit im arktischen Norden Kanadas besteht aus einer Kreuzung. Four Corners, Vier Ecken, nennen die Einwohner die Kreuzung, an der ein fünfstöckiger Neubau auf den Einzug der First Nations Bank of Canada wartet. Das Straßenkreuz verdeutlicht den Aufbruch der Stadt, in der an diesem Samstag die Finanzminister und Notenbankgouverneure der sieben großen Industriestaaten (G 7) ihre zweitägigen Beratungen beenden. Üblicherweise fast leer, stauen sich seit einigen Jahren nach Büroschluss vor den Stoppschildern an den Vier Ecken die Autos. „Unsere zehnminütige Rushhour“, lacht die Bürgermeisterin Elisapee Sheutiapik. Der Stau ist eine Folge des raschen Wachstums des Städtchens, dessen Bevölkerung sich im vergangenen Jahrzehnt auf mehr als 7000 Einwohner verdoppelt hat.
Die Verwaltung prüft, ob mit einer Ampel der Verkehr besser in den Griff zu bekommen sei. Sheutiapik, die im Herbst für eine dritte Amtszeit von drei Jahren mit großem Vorsprung wiedergewählt wurde, ist noch nicht sicher, ob die Stadt sich die mehreren hunderttausend Dollar für eine Ampel werde leisten können. Vorsichtshalber hat sie schon mal bei anderen Städten angefragt, ob sie eine alte Ampelanlage übrig hätten - bislang ohne Erfolg.
Rasches Wachstum aufgrund einer politischen Entscheidung
Das rasche Wachstum verdankt Iqaluit einer politischen Entscheidung. Nach jahrzehntelangen Verhandlungen mit den Ureinwohnern, die sich lieber Inuit („Menschen“) nennen, als Eskimo („Rohfleischesser“) beschimpft zu werden, trennte Kanada vor elf Jahren einen Teil von den Northwestern Territories ab. Mit der Gründung des Territoriums Nunavut - „unser Land“ - ging ein Teil des Bodens in das Eigentum einer Vertretung der Ureinwohner über. Iqaluit, das über Jahrzehnte eigentlich nur aus einem Flughafen bestand, auf dem die Flugzeughersteller Boeing oder Airbus ihre neuen Flugzeuge auf Wintertauglichkeit testen, wurde Hauptstadt von Nunavut; der Aufbau der Territoriumsverwaltung machte es zur Boomtown.
Auf dem Dauerfrostboden sind neben Verwaltungsgebäuden viele Wohnungen entstanden oder noch im Bau, deren Holzbauweise sich optisch vorteilhaft von der älteren Wellblecharchitektur abhebt. Rund um die Bürokratie blüht ein wenig auch die Dienstleistungswirtschaft auf. Sheutiapik hofft auf ein zweites Bekleidungsgeschäft; bislang gibt es Anziehsachen nur in einer Ecke des Großsupermarktes North Mart zu kaufen. Für Industrie lohnt sich die Ansiedlung in Iqaluit nicht: Alles muss aus dem fernen Süden mit hohen Kosten per Flugzeug oder in den wenigen Sommermonaten, wenn der Hafen in Iqaluit eisfrei ist, per Schiff herangeschafft werden. Auch die Ausbeutung der Bodenschätze Nunavuts in großem Stil wird noch viele Jahre auf sich warten lassen, zumal die naturverbundenen Inuit darauf bedacht sind, ihr Land schonend zu behandeln.
Eine politische Erklärung für die staatliche Souveränität im Norden
Dass Kanada das Treffen der Siebenergruppe in Iqaluit ausrichtet, gilt nicht nur der Schönheit der kargen Schnee- und Eislandschaft. Es ist auch eine politische Erklärung für die staatliche Souveränität im hohen Norden. Dabei geht es nicht nur um die Bodenschätze. Das Land beansprucht das Recht an der Nord-West-Passage, die mit dem voranschreitenden Abschmelzen des arktischen Eises an Bedeutung gewinnen wird. Die Vereinigten Staaten bestreiten Kanadas Anspruch.
Finanziell hängen Iqaluit und auch Nunavut am Tropf der Bundesregierung in Ottawa. Der Haushalt von Iqaluit, im vergangenen Jahr rund 30 Millionen kanadische Dollar, speist sich überwiegend aus Zuweisungen. Nur 700 Steuerzahler hat die Gemeinde, mehr gibt es auch unter den 32.000 Einwohnern Nunavuts nicht. Sie leisten auf ihre von der Territoriumsverwaltung oder der Inuit-Gemeinschaft gepachteten Grundstücke in Iqaluit eine Abgabe. Privateigentum an Boden gibt es im traditionell gruppenorientierten Nunavut nicht.
Die sozialen Schwierigkeiten sind groß
In der Boomstadt sind die sozialen Schwierigkeiten groß; der Spagat zwischen der althergebrachten Jäger- und Nomadenkultur und der modernen Gesellschaft, aber auch die hohe Arbeitslosigkeit von fast 13 Prozent in Nunavut fordern ihren Tribut. Die Quote der Selbstmorde von Kindern und Jugendlichen ist mehr als zehnmal so hoch wie im Rest Kanadas, überdurchschnittlich ist auch die Gewalt in den Familien. Gegen Mitternacht zeigt sich auf der Straße vor den Trinkstuben und Bars in Iqaluit die Alkoholsucht vieler junger Menschen. Ob die Zahl der Selbstmorde sich mit dem raschen Wachstum der Stadt vergrößert hat, weiß Bürgermeisterin Sheutiapik nicht.
Lieber klagt die Inuk über die Entscheidung der Europäischen Union, vom Frühjahr an die Einfuhr von Robbenprodukten zu verbieten. Die Wut der Ureinwohner auf die EU ist groß; sie sehen das Einfuhrverbot als Angriff auf ihre Kultur. Das Büro von Sheutiapik ist überfüllt mit Kunstgegenständen aus Robben- oder aus Walknochen, selbstverständlich trägt sie auch als politisches Bekenntnis Robbenfell. Sie gesteht der EU guten Willen zu, weil die von den Inuit traditionell gejagten und erarbeiteten Produkte nicht unter das Verbot fallen sollen. Dies werde in der Praxis aber nicht funktionieren, sagt sie: „Die europäischen Verbraucher werden keinen Unterschied machen zwischen Robbenprodukten aus traditioneller Jagd oder aus industriell betriebener Großjagd.“ Dann setzt die Bürgermeisterin wieder ihr schelmisches Lachen auf: „Wir essen das Robbenfleisch sowieso.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.741,17 | +0,72% |
| FAZ-INDEX | 1.505,45 | +0,69% |
| TecDAX | 772,34 | +0,32% |
| MDAX | 10.318,50 | +0,68% |
| SDAX | 4.997,37 | +0,25% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.502,35 | +0,87% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,76 | +0,94% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,18 | +0,58% |
| EUR/USD | 1,3270 | +0,24% |
| Rohöl Brent Crude | 118,15 $ | +0,21% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 137,88 € | −0,53% |