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Finanzmetropolen : Frankfurter Träume

Finanzplatz Frankfurt: Keine globale Dimension Bild: Silber, Stefanie

Frankfurt braucht Realismus: London ist eine globale Finanzmetropole und wird es bleiben. Das hat nicht nur historische Gründe.

          London zählt seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den allerersten Finanzzentren in der Welt. Die britische Hauptstadt verdankte ihren Rang ursprünglich der politischen und militärischen Bedeutung des Empire sowie der Tatsache, dass Großbritannien als erstes Industrieland der Welt auch wirtschaftlich lange Zeit eine sehr wichtige Rolle spielte und das Pfund daher bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die führende Währung war.

          Das Empire ist untergegangen. Das Pfund ist schon lange nicht mehr die führende Währung der Welt und Britannien nicht länger die erste Wirtschaftsmacht auf dem Planeten. Als Finanzzentrum hat London seinen Rang jedoch nicht nur zu wahren verstanden, sondern noch ausgebaut – als einziger Finanzplatz mit globaler Ausrichtung.

          Auch Riesen sind nicht unverwundbar, und schon lange fürchtet London, einen Teil seines sehr starken Finanzgeschäfts mit Asien an Metropolen im Fernen Osten zu verlieren. Aber wirklich bedroht worden ist London bis heute nicht. Seine Standortvorteile, angefangen mit der angelsächsischen Kultur, haben sich als zu attraktiv erwiesen.

          Daran wird ein Abschied Großbritanniens aus der Europäischen Union nichts Grundlegendes ändern, auch wenn die Details noch verhandelt werden müssen. Sehr wahrscheinlich werden in London beheimatete Finanzhäuser den unregulierten Zugang zum Finanzmarkt der Europäischen Union verlieren.

          Keine globale Dimension

          Umgekehrt werden in der Europäischen Union ansässige Banken vermutlich ihr Geschäft in London mit separatem Eigenkapital unterlegen müssen. Das spricht für die Verlagerung von Finanzgeschäften aus London auf den europäischen Kontinent, deren Ausmaß noch nicht bestimmbar ist. Das mag an der Themse schmerzen, aber der Rang Londons als globales Finanzzentrum hängt nur zu einem überschaubaren Teil mit Geschäften auf dem europäischen Kontinent zusammen.

          Im Gegenzug wird Großbritannien versuchen, die Attraktivität seines Finanzplatzes auf andere Weise zu stärken, zum Beispiel durch die Steuerpolitik und eine Regulierungsarbitrage. Wie viel sich dadurch gewinnen lässt, ist unklar. Die von geringer Regulierung profitierenden Schattenbanken sind schon heute stark in London präsent und nach den traumatischen Erfahrungen mit den eigenen Großbanken in der Finanzkrise wird es sich jede britische Regierung dreimal überlegen, ob sie die Regulierung der Banken zurückschraubt. Aber immerhin: Wehrlos ist London nicht.

          Frankfurt ist ein respektabler Finanzplatz mit langer Tradition, aber auch seine größten Verfechter werden ihm keine globale Dimension bescheinigen wollen, selbst wenn Finanzinstitute aus allen Kontinenten Tochtergesellschaften oder Niederlassungen am Main unterhalten. Im Rhein-Main-Gebiet zu Hause sind aber nur wenige große Institutionen, die über Europa hinaus wirken und die man in der Welt kennt.

          Strukturelle Nachteile

          Das ist die Europäische Zentralbank, die aber in ihrer Heimat nicht nur Fans hat. Das ist die Deutsche Bank, deren globale Strategie möglicherweise noch einmal auf den Prüfstand kommt. Und das ist die Deutsche Börse, deren Verankerung am Main nach der angedachten Fusion mit der Londonder Börse erst noch gesichert werden muss.

          Frankfurt ist das Finanzzentrum der stärksten nationalen Volkswirtschaft Europas, die zudem immer mehr als sicherer Hort in einem unsicheren Europa wahrgenommen wird. Das ist nicht wenig gerade im Geschäft mit Unternehmenskunden, und daraus müsste sich noch mehr machen lassen. Aber im globalen Vergleich besitzt Deutschland im Finanzgeschäft strukturelle Nachteile: Das deutsche Finanzsystem basiert stark auf Banken und wenig auf Finanzmärkten – in der angelsächsischen Welt ist das Gegenteil der Fall. Und der Trend geht zum angelsächsischen Modell. Auch in der institutionellen Vermögensverwaltung bleibt die Bedeutung Frankfurts übersichtlich, zumal zwei große Versicherer (Allianz und Münchener Rück) an der Isar sitzen.

          Frankfurt muss sich nicht verstecken

          Frankfurt wird nicht der einzige kontinentaleuropäische Finanzplatz sein, der um aus London abwanderndes Geschäft konkurriert. Paris wäre potentiell ein sehr mächtiger Wettbewerber, aber die in Frankreich seit vielen Jahren betriebene Politik ist nicht standortfördernd, sondern geradezu schädlich für den eigenen Standort. Dublin, Luxemburg und Amsterdam mögen Reize besitzen, aber im Vergleich mit diesen Plätzen muss sich Frankfurt nicht verstecken.

          Klar muss aber auch sein: Die Finanzbranche, speziell das Bankgewerbe, ist in Kontinentaleuropa völlig überdimensioniert und zumindest in Teilen wenig effizient. Der Schrumpfungsprozess wird nicht nur die Bankfilialen in der Fläche erfassen, sondern auch die Zentralen.

          Schon in den vergangenen Jahren ist es Frankfurt nur gelungen, seine Beschäftigtenzahl im Finanzgewerbe annähernd zu stabilisieren, weil hier viele neue Stellen in der Bankenaufsicht geschaffen worden sind. Wenn es gelingt, die Zahl in den kommenden Jahren dank Geschäften zu stabilisieren, die aus London an den Main wechseln, sollte man zufrieden sein.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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