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Premiere in London : Brexit - der Film

Britische EU-Ablehner unter sich: Am Mittwochabend wurde in London „Brexit - der Film“ uraufgeführt. Bild: AFP

Das britische Referendum kommt ins Kino: Mit „Brexit: The Movie“ wollen die EU-Ablehner die Wähler für den Austritt gewinnen. Ausgewogenheit ist unerwünscht.

          „Daran können Sie sehen, dass ein Leben außerhalb der EU Spaß macht. Glamour, roter Teppich“ sagt Jacob Rees Mogg. Es ist am Mittwochabend auf dem Londoner Leicester Square, dem Platz im Zentrum der britischen Hauptstadt mit den großen Premierenkinos. Einen neuen Film wird es hier auch an diesem Frühlingsabend wieder zu sehen geben.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Doch diese Premiere ist ziemlich einzigartig: „Brexit: The Movie“, heißt das Werk - ein Plädoyer für den Austritt Großbritanniens aus der EU in Spielfilmlänge. Man könnte auch sagen, hier feiert der längste Wahlwerbespot der Welt Premiere, denn am 23. Juni werden die Briten in einem Volksentscheid über den sogenannten Brexit abstimmen.

          Deshalb schlendert auch der Parlamentsabgeordnete Rees-Mogg - ein vehementer Befürworter des Austritts - über den roten Teppich in Richtung Kinosaal. „Sehr befreiend“ werde der Brexit für die anderen EU-Mitglieder sein, sagt der Politiker frohgemut einem französischen Radioreporter ins Mikrofon. „Wir Briten sitzen dann in Brüssel nicht mehr mit am Tisch und beschweren uns dauernd.“

          „Nigel! Nigel!“

          Nigel Lawson, früher einmal der Finanzminister von Margaret Thatcher und heute eine Galionsfigur der Brexit-Bewegung, fährt im schwarzen Jaguar vor. Nigel Farage, der Chef der UK Independence Party (Ukip), ohne deren Wahlerfolge es dieses Referendum wohl gar nicht geben würde, ist auch gekommen.

          Die wartende Menschenmenge vor dem Kino empfängt Farage wie einen Filmstar „Nigel! Nigel!“-Sprechchöre werden angestimmt. „Ich liebe diesen Kerl“, raunt eine Dame im reiferen Alter ihrer Begleiterin zu. „Er ist der einzige, der den Mumm hat, die Dinge beim Namen zu nennen.“

          Das überwiegend ältere Premieren-Publikum hat sich fein gemacht für diesen Anlass. Manche der Herren sind im Smoking gekommen  Am Revers blinken Anstecker mit dem Sterling-Symbolen und der britischen Flagge.

          Wahlwerbung pur

          Der große Kinosaal des Filmtheaters ist bis auf den letzten Platz besetzt als kurz darauf Martin Durkin die Bühne vor der Leinwand betritt. Er ist der Regisseur und Drehbuch-Autor des Brexit-Streifens. „Es geht hier um Demokratie und Freiheit“, heizt Durkin die Menge im Saal an. Das Publikum feiert ihn schon bevor es sein Werk überhaupt gesehen hat.

          114.000 Pfund hat Durkin für sein Anti-EU-Epos auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter eingesammelt. Weiteres Geld legte ein vermögender Hedgefonds-Manager mit ebenfalls ausgeprägter EU-Aversion drauf. Durkin sagt, er wolle seinen Film auf DVD  und als Internetstream vertreiben. Er hoffe auch, dass Brexit-Enthusiasten landauf landab Kinos mieteten, um ihn auf mehr Leinwände zu bringen als nur die eine am Leicester Square.

          Dann beginnt die Vorführung. „Brexit: The Movie“ kommt daher wie ein Fernseh-Dokumentarfilm, ist aber Wahlwerbung pur. Ausgewogenheit ist unerwünscht: An diesem Kinoabend kommen Dutzende von Brexit-Befürworter  zu Wort, aber kein einziger Pro-Europäer.  Auch bleiben die Briten in dem Film weitgehend unter sich. Nur wenige ausländische Stimmen gibt es, darunter der rechtspopulistische Politiker und Journalist Roger Köppel aus der Schweiz, der die EU als „Diktatur“ bezeichnet.

          Durkins Plädoyer für den Brexit stützt sich allein auf libertäre Argumente. Die Furcht vor den vielen Einwanderern vom europäischen Kontinent, die für viele Briten der Hauptgrund ist, warum sie aus der EU austreten wollen und von der Farages Ukip lebt, wird überhaupt nicht thematisiert.

          Stattdessen zeichnet Durkin eine weltoffene Vision vom britischen Leben nach der EU: Es geht um bürgerliche Selbstbestimmung als Gegenmodell zum angeblich undemokratischen Technokraten-Moloch Brüssel.

          Weite Teile des Films sind Wirtschaftsfragen gewidmet, die im britischen Wahlkampf vor dem Referendum im Mittelpunkt stehen. Während die Pro-Europäer vor den wirtschaftlichen Schäden des Brexit warnen, dreht Durkin den Spieß um: Er führt vor, wie die EU mit Protektionismus und paranoider Überregulierung Wettbewerb und Wohlstand vernichte - und wie es Großbritannien nach dem Brexit mit weniger Gesetzen und Handelsbeschränkungen reicher werden könne.

          Schlüssig sind die Belege für diese These von der handelspolitischen Festung Europa nicht immer: So beklagt Durkin, dass durch EU-Einfuhrzölle Stahl in Europa unnötig teuer sei. Dabei kämpft gerade Tata Steel UK, der größte Stahlhersteller auf der Insel wegen billigen chinesischen Importstahls ums Überleben.

          Als Wahlkampfhelfer bemüht der Brite auch Ludwig Ehrhard: Durkins Film feiert das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg als leuchtendes Vorbild. „Ludwig Ehrhard hat die deutsche Volkswirtschaft revolutioniert, indem er sie dereguliert hat“, erklärt er seinen Zuschauern. Doch leider würden in der EU von heute nicht die Deutschen, sondern die staatsgläubigen Franzosen den Ton angeben. Deshalb müsse Großbritannien heraus aus der EU, um wieder „zu einem wirtschaftlichen Giganten“ wie zu den Hochzeiten des Empire im 19. Jahrhundert werden zu können.

          Als im Kinosaal die Lichter wieder angehen, brandet Applaus im Saal auf. Bei denen, die an diesem Abend hier sind, rennt „Brexit: The Movie“ Türen ein, die ohnehin schon weit offen stehen. In den hinteren Reihen des Kinos stimmen einige grauhaarige Herren ein gut gelauntes „God save the Queen“ an. Noch sechs Wochen bis zum Wahltag.

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