18.10.2007 · Die Hauptschüler fühlen sich in der Defensive: „Wir sind die Idioten“, sagen sie von sich. Die Eltern der Gymnasiasten sind ganz versessen aufs dreigliedrige Schulsystem. Ihre Kinder sollen bloß nicht in eine Klasse gehen mit diesen Hauptschülern. Ein FAZ.NET-Spezial über Schüler, Schulformen und Schulrefomen - mit Leserdebatte.
Von Bettina WeigunyMike kann zupacken. Er kann Steine schleppen, pflastern, Teiche ausheben. Und Mike rudert. Jeden Nachmittag, sieben Tage in der Woche, in diversen Ruderclubs rund um Rüsselsheim. „Die wollen mich alle haben“, sagt er stolz. Seine Mutter fährt ihn zum Training. Egal, wohin. Er war in Trainingslagern in Südeuropa, er trainiert im Nachwuchskader der deutschen Ruderer. Mike ist 16 Jahre alt und hat richtig was drauf - nur hat er keinen Hauptschulabschluss. Voriges Jahr ist er durchgefallen. Keine Ahnung, warum.
Jetzt wiederholt Mike die neunte Klasse, freiwillig. In der „SchuB“-Klasse (“Schule-und-Beruf“-Klasse) der Anne-Frank-Schule in Raunheim nahe Rüsselsheim. Die Klasse an der integrierten Gesamtschule wurde eingerichtet für Wiederholer wie ihn. Vier Tage lernen sie, einen Tag arbeiten sie in einem Betrieb. Mike geht zu einem Garten- und Landschaftsbauer. Der lobt ihn, garantiert ihm eine Ausbildungsstelle für den Sommer. Wenn Mike denn durchkommt.
Der Gedanke ist überall derselbe
Die Idee mit der SchuB-Klasse verfolgt das Land Hessen, um die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss zu verringern. Andere Bundesländer haben nach dem Pisa-Schock unter anderem Namen ähnliche berufsorientierte Klassen eingerichtet. Der Gedanke ist überall derselbe: Schule und Praxis zu verknüpfen, um den Einstieg ins Berufsleben zu vereinfachen. In Hessen haben diese Klassen nur 12 bis 15 Schüler, um sie intensiv zu betreuen. Weil die Jugendlichen ein bis zwei Tage die Woche im Praktikum verbringen, wurde der Lehrplan gekürzt. Nicht in Deutsch und Mathe, aber Englisch, Sport und naturwissenschaftliche Fächer werden weniger gelehrt.
Die 13 Schüler in Raunheim sind alle freiwillig hier, neun Jahre Schulpflicht haben sie hinter sich. Nur zum Abschluss hat es nicht gereicht, aus allen möglichen Gründen. „Am Intellekt allein liegt es selten“, meint ihr Lehrer Gerhard Kohlhepp. „Wir sind hier im bildungsfernen Milieu.“ Der Anteil der Migranten in den eingerichteten Berufsklassen ist generell hoch. „Sie sprechen Türkisch, sobald ich mich zur Tafel umdrehe.“
„Die Verhältnisse sind oft schwierig“
Oft stecken familiäre Dramen hinter dem Schulversagen, das bestätigen Untersuchungen bundesweit: Alkohol spielt eine große Rolle, Arbeitslosigkeit, Depressionen, Gewalt. „Die Verhältnisse sind oft schwierig“, berichtet Kohlhepp. Da steht niemand auf, um zu überprüfen, ob die Kinder in die Schule gehen. Da hilft niemand bei den Hausaufgaben. Da kommen keine Ideen, was die Kinder später mal arbeiten könnten, geschweige denn Unterstützung. Die Schule versucht, das auszugleichen. „Man muss den Kindern zugute halten: Sie kämpfen. Um eine Chance für ihr Leben.“ Im Sommer fällt die Vorentscheidung für das Schicksal seiner Zöglinge: Start ins Berufsleben oder Hartz IV, womöglich ein Leben lang. Wer den Abschluss wieder nicht schafft, wer keine Lehrstelle ergattert, der hangelt sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob. Ein bisschen Waren ausfahren, Kisten schleppen, ein bisschen Schwarzarbeit oder Kleinkriminalität, so halten sich viele über Wasser.
Knapp zehn Prozent aller Jugendlichen beenden ihre Schulkarriere ohne Abschluss. Ein Viertel davon landet in der Arbeitslosigkeit. „Die Lehre ist eine Wegscheide“, sagt der emeritierte Soziologieprofessor Walter Müller. „Unser System der Berufsausbildung hat einen Nachteil: Wer nicht hineinkommt, schafft es später kaum, das auszugleichen.“ Diese Erfahrung bestätigt Lehrer Kohlhepp: „Wer einmal drin ist im Job, hält durch.“ Nur sei der Start für Hauptschüler schwierig. „Die denken, die Schulzeit geht immer weiter, bis sie irgendwann Pilot sind oder Arzt oder Rennfahrer.“
Sperre im Kopf
Es gibt eine Sperre im Kopf, die runtergeht, sobald die Schüler an Arbeit denken. An richtige Arbeit auf dem Bau, im Altenheim, beim Schreiner oder Metzger. „Das Handwerk hat extrem an Image eingebüßt“, klagt Kohlhepp. Hauptschüler rümpfen die Nase über Maurer oder Zimmerleute. Sie jobben lieber für kargen Lohn in der Frittenbude oder im Döner-Laden. Selbst wenn ihnen eine Stelle in einem Handwerksbetrieb vermittelt wird, lehnen die Schüler ab. Kein Wunder, dass das Baugewerbe bundesweit Hunderte freie Ausbildungsplätze meldet. Die Problemfälle in Kohlhepps Klasse wissen genau, was sie nicht wollen. Mehr wissen sie nicht.
Bei Mike liegt der Fall anders. Der Ruderer will bei dem Gärtner, wo er derzeit sein Praktikum absolviert, anfangen. Er versteht sich gut mit dem Chef, durch den Sport ist er Disziplin gewohnt, er ist zäh und hat Kraft für drei. Mike ist die Ausnahme. Auch weil er eine Familie hat, die hinter ihm steht. „Mit meinen Eltern habe ich den Teich in unserem Garten ausgehoben“, erzählt er stolz. „Zwölf Kubikmeter Erde.“ Kein Problem für ihn. „Das kann doch jeder.“ Die beiden Mädchen in der Klasse neben ihm kichern unsicher.
Kfz-Mechatroniker? „Das packt kaum ein Hauptschüler“
Fragt man die Hauptschüler nach ihrem Berufswunsch, wollen sie als kaufmännische Angestellte arbeiten, als Friseurin oder Automechaniker. Aber selbst der Klassiker unter den Traumberufen rücke in kaum erreichbare Ferne, sagt Lehrer Kohlhepp: „Um Kfz-Mechatroniker - wie es heute heißt - zu lernen, braucht man ein hohes technisches Verständnis. Das packt kaum ein Hauptschüler.“
Der Job des Lehrers besteht zu erheblichem Teil darin, die Schüler auf den Boden der Tatsachen holen. Vom ersten Tag des Schuljahres bis zum letzten wird er ihnen erklären, dass sie nicht mit einem Realschulabschluss in der Tasche in die Ferien gehen, sondern mit einem Hauptschulabschluss. Wenn überhaupt. Dass die Schulzeit dann unweigerlich endet, schärft er ihnen ein, dass sie sich jetzt um einen Job kümmern müssen. Dass sie nicht alle Pilot oder Rennfahrer werden können.
„Wir sind die Dummen, die Idioten
Es ist eine verquere Situation. Einerseits fühlen die Schüler sich abgeschoben, vernachlässigt. „Wir sind die Dummen, die Idioten“, antworten sie auf die Frage, warum sie in der „SchuB“-Klasse sind. Andererseits weigern sie sich, ihre Berufschancen halbwegs realistisch einzuschätzen. Ohne intensive Betreuung „hätten wir im Sommer einige neue Sozialhilfeempfänger“, glaubt der 42 Jahre alte Lehrer. Mit Ehrgeiz und ein wenig Glück kriegen bei ihm aber fast alle ihren Abschluss, und bei mindestens einem Drittel rechnet Kohlhepp mit einer Lehrstelle. Das ist nicht viel. Aber besser als nichts.
Unterricht ist mit den Teenagern nur bedingt möglich. Die elf Jungs wippeln auf den Stühlen. Es herrscht ständige Unruhe, die Jungs üben sich in Macho-Gehabe. Die Mädchen sind still, abwesend. Ruhe stellt sich nur kurz ein. Die Phase muss Kohlhepp nutzen, um die Grundlagen in Arbeitslehre zu vermitteln. Lange konzentrieren kann sich niemand. Nach wenigen Minuten springt einer auf, schreit den Tischnachbarn an, der pöbelt zurück. Da die Gruppe klein ist, kann Kohlhepp die Störenfriede bändigen. „In einer Klasse mit 30 Schülern ginge das nicht.“ Das Problem der Jugendlichen sei ihr Sozialverhalten, Unzuverlässigkeit und Faulheit. In der ersten großen Pause greift Kohlhepp zum Telefon, ruft bei allen Schülern an, die an dem Morgen nicht zum Unterricht erschienen sind. Jeden Tag macht er das. „Meist trudeln sie dann zur dritten Stunde ein.“ Manchmal fehlen sie tagelang. Ohne Entschuldigung. „Eine Rückmeldung von zu Hause?“, Kohlhepp lacht. „Nicht mal alle Zeugnisse werden unterschrieben.“
Tag für Tag muss er die Schüler motivieren, sie triezen und kontrollieren. Der Lehrer ist Berufsberater und Sozialarbeiter in einem. Jeden Mittwoch klappert Kohlhepp die Praktikumsplätze ab. Er fährt zur Autowerkstatt, um zu überprüfen, ob Volkan zur Arbeit erschienen ist, dann weiter zum Baumarkt, wo Rene und Soufian Regale einräumen. Burak hilft in einem Heizungs- und Sanitärbetrieb, Zawar belegt in einer Sandwich-Filiale die Brote, Muhammed schnipselt in einer Hotelküche das Gemüse. Fehlt ein Praktikant, telefoniert ihm der Lehrer hinterher. „Zur Arbeit gehen sie fast immer, denn das macht ihnen Spaß, da haben sie Erfolgserlebnisse.“ Dann hetzt er zum nächsten Betrieb, zum Elektrohändler, wo Sven im Kundendienst eingesetzt wird. „Da muss man zu viele schwere Fernseher schleppen“, klagt der. Das gefällt ihm nicht. Umso mehr Interesse zeigt er an der Technik. Später will er Bürokaufmann werden.
So ist das eben ...
Andreas M. Wirth (mightyson)
- 18.10.2007, 17:17 Uhr
ich finde die Debatte ist ideologisiert und einseitig
Ronald Glas (soondecember)
- 18.10.2007, 17:53 Uhr
Hauptschüler = Arbeitslos?
Christoph Jahnz (scu84)
- 18.10.2007, 21:53 Uhr
Gute Handwerker...
Christian Heiligmann (c.heiligmann)
- 19.10.2007, 01:13 Uhr
W.P. Bayerl (Dr.Bayerl)
- 19.10.2007, 02:12 Uhr
Bettina Weiguny Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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