17.10.2009 · Fast 90 Prozent der Fischgründe in der EU gelten als überfischt. Deshalb müssen häufig falsche Fische, die versehentlich ins Netz gegangen sind, über Bord geworfen werden. In Dänemark werden deshalb effizientere Fangmethoden erprobt.
Von Hendrik Kafsack, HanstholmDer Fang ist schlecht an diesem Morgen. Gerade einmal zur Hälfte füllt sich die Klappe, in die Fischer Finn Hansen um kurz vor zehn Uhr morgens das Netz zieht. Sechs Kisten Scholle schichtet er später im Hafen auf den wartenden Gabelstapler. „Peinlich“, sagt er. „Aber sauber ist der Fang.“ Da schwingt dann doch Stolz mit. Denn „sauber“ zu fischen, hat derzeit Priorität auf dem dänischen Kutter „Fru Middelboe“. Sauber heißt in dem Fall, dass fast der gesamte Fang aus Schollen besteht, die Hansen auch verkaufen darf. Eine Stunde lang haben die Fischer die Schollen vom Rest getrennt, der den Fang „schmutzig“ macht - zu junge Schollen sind das, aber auch andere Fische und Krebse. Auf den Beifang stürzen sich die Möwen, wenn er tot vom Sortierband ins Wasser rollt.
Bis zu 90 Prozent manches Fangs landen wieder im Meer. Um nur ein Kilogramm Seezunge zu fangen, werden bis zu 13 Kilo andere Fische und Krebse weggeworfen. Knapp 40 Prozent des Fangs auf der Welt sind Beifang, schätzt der World Wide Fund for Nature (WWF). Es gibt Gründe für diese Praxis: Zum einen werden den europäischen Fischern Quoten für den Fang zugeteilt. Sie dürfen jedes Jahr etwa nur eine bestimmte Menge Schollen oder Kabeljau fischen. Haben sie die Quote für den Kabeljau ausgeschöpft, die für die Scholle aber noch nicht, dürfen sie nur die Schollen, die ins Netz gehen, verkaufen. Der Rest fliegt über Bord. Auch verbietet die EU, Jungfische zu fischen. Das sind bei Schollen alle Fische unter 27 Zentimetern. Zum anderen bekommen die Fischer für große Fische mehr Geld. Solange sie die Aussicht haben, dass ihnen noch größere Fische ins Netz geht, werfen sie kleinere ins Wasser zurück. „High Grading“ heißt das in der Fachsprache.
„Unwirtschaftlich und ethisch nicht zu vertreten ist das“, sagt Fischereikommissar Joe Borg. Dabei waren die Quoten und das Jungfischverbot gut gemeint. Es sollte den Beständen die Chance geben, sich zu erholen. 88 Prozent der Fischgründe in der EU gelten als überfischt. Auf der restlichen Welt sind es nur 25 Prozent. Das Kernproblem: Die Fische werden gefangen, bevor sie geschlechtsreif sind. Die Quoten sollten die Fischer motivieren, sich mehr Mühe zu geben, den Beifang zu verringern, gezielter zu fischen und nur Maschen zu verwenden, die Jungfische entkommen lassen. Faktisch aber hat es bewirkt, dass die Fische einfach wieder weggeworfen werden.
Großteil der Fangregeln überflüssig
Die EU reagierte, indem sie weitere Regeln aufstellte. So entstand ein regelrechtes Netz an Detailvorschriften: Es gibt Vorgaben für die Fanggeräte bis zur Maschengröße, der Fang ist auf bestimmte Regionen begrenzt und die Zahl der Fangtage limitiert - alles ohne durchschlagenden Erfolg, nicht zuletzt weil die Einhaltung der Vorgaben auf hoher See schwer zu kontrollieren ist. Mehr als 2000 Regeln hat Mogens Schou vom dänischen Fischereiministerium gezählt. Dass die Fischer sich gegängelt fühlen und eher nach Wegen suchen, die Vorgaben zu umgehen, wundert ihn nicht. Zumal ein Großteil der Regeln seiner Ansicht nach überflüssig ist. „Eigentlich hat die EU-Quotenregelung nur einen grundlegenden Fehler: Sie regelt, wie viel Fisch ein Fischer verkaufen darf, nicht wie viel er fangen darf.“
Die Norweger haben das vor langem erkannt und zwingen Fischer schon heute, jede Tonne Fisch an Land zu bringen, die sie gefangen haben. Das aber hat den Nachteil für die Fischer, dass sie den Beifang transportieren müssen. Bis zur Hälfe des Lagerraums kann das blockieren. Das kostet, vor allem, wenn die Flotte mehrere Tage auf hoher See ist. Leisten können sich so etwas nur industrielle Fangflotten, sagt Gerd Hubold, Generalsekretär des Meeresforschungsrates in Kopenhagen. Das aber widerspreche dem EU-Ansatz, Familienbetrieben zu helfen. Zudem gibt es auch hier das Problem der Kontrolle. So ist in der Nordsee schon seit Januar das „High Grading“ verboten. Viel geändert hat das nicht, heißt es in Brüssel.
Die dänische Regierung setzt deshalb auf ein anderes Modell: Sie will den Fischern weiterhin erlauben, unerwünschten Beifang über Bord zu werfen. Der Beifang soll aber - und darin unterscheidet sich der Ansatz der Dänen von der bisherigen Praxis - auf die Quote angerechnet werden. Um das zu kontrollieren, setzen die Dänen auf die Überwachung durch Kameras. Vier Stück haben sie in einem Modellversuch auf sechs Kuttern, darunter auch die „Fru Middelboe“, installiert, um den Fang und die Rückwürfe aufzuzeichnen. Kein Winkel des Bootes bleibt unbeobachtet. Innerhalb eines Jahres hat die Technische Universität von Dänemark, die das Projekt betreut hat, 14.000 Stunden Daten gesammelt und gesichtet. Mit etwas Übung könne jemand in 40 Minuten die Daten eines Fangs sichten und die Menge des Beifangs einschätzen. In sechs Stunden seien die Daten eines Monats gesichtet - und das zu einem Zehntel der Kosten, die für Kontrolleure anfallen, die die Kutter direkt überprüfen.
Höhere Quoten, Schonung der Bestände
Geht es nach Mogens Schou vom Fischereiministerium, würden künftig alle Boote der dänischen Flotte, deren Fischer es wollen, mit einem Überwachungssystem ausgestattet. Sie sollen alle ausgewachsenen Fische an Land bringen. Zur Belohnung sollen sie eine viel höhere Quote als bisher bekommen: die bisherige Quote plus die Menge Fisch, die ansonsten als Beifang im Meer landen würde. Das entspricht nach dänischer Rechnung einem Aufschlag von 50 Prozent. Dem Bestand soll es dennoch helfen. Zwar wird dieselbe Menge Fisch gefangen, aber im Idealfall weniger junge Fische, weil alles, was die Fischer aus dem Wasser holen, auf ihre Quote angerechnet wird. In der Tat lag bei den Booten, die am Modellprojekt teilnahmen, der Beifang unter dem Durchschnitt.
Umweltverbände unterstützen den Ansatz. „Wir wollen endlich den Beifang in den Griff bekommen“, sagt die Meeresbiologin Louize Hill vom WWF. Dazu könne die Kamerakontrolle der Fischereiboote einen Beitrag leisten. Dass der Ansatz auf Zwang verzichtet und stattdessen darauf setzt, dass die Fischer sich freiwillig beteiligen, stört Hill nicht. Zwang bringe nichts, man müsse richtige Anreize setzen, sagt sie. Damit sich die Bestände wirklich erholen könnten, müssten die Mitgliedstaaten aber etwas ganz anders machen: Quoten festsetzen, die nicht Jahr für Jahr wieder deutlich über den Empfehlungen der Fachleute lägen.
Die verantwortlichen Fischereiminister der EU-Staaten sollen noch im Oktober über den Vorschlag beraten. Ob er Aussicht auf Erfolg hat, ist momentan noch vollkommen offen. Aus der Bundesregierung zumindest ist vorsichtige Zustimmung zu vernehmen. Auch die EU-Kommission zeigt sich offen. Um die Zukunft der europäischen Fischer zu sichern, genüge das aber nicht, heißt es dort. Vor allem müsse die EU ihre Flotte verkleinern. Denn obwohl immer mehr der kleinen Fischer aufgeben und die Bestände schrumpfen, wachsen die Kapazitäten weiter.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2365 | −0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 103,34 $ | +0,09% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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