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Familienpolitik Mama hat eine Kita gegründet

20.09.2005 ·  Wohin bloß mit den Kindern? Die Betreuungsangebote sind rar, in Deutschland fehlen öffentliche Kinderkrippen. Deshalb werden Eltern, manchmal auch die Arbeitgeber selbst aktiv. Es ist ein Kampf: ums Geld und gegen Bürokratie. FAZ.NET-Spezial.

Von Sabine Hildebrandt
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Seit zwei Monaten läuft der Betrieb. Zwölf Kinder haben in der privaten Kinderkrippe von Monika Kutschenreuter in München-Neuhausen einen Platz gefunden. Und die Inhaberin hat ein Problem weniger: Sie suchte selbst eine Betreuungsmöglichkeit für ihren jüngsten Sproß. Jetzt spielt er in Mamas Firma.

Weil die Betreuungsangebote in Deutschland nicht ausreichen, werden immer mehr Eltern aktiv, doch die wenigsten gründen eine Firma wie Kutschenreuter. Zumeist tun sich Eltern zu einem Verein zusammen.

Gerade einmal 233 von 47.279 Einrichtungen in Deutschland wurden Ende 2002 privat gewerblich geführt. Neuere Zahlen gibt es zwar nicht, aber Waltraud Weegmann, Geschäftsführerin von Kind e. V., dem Dachverband für private Trägervereine betriebsnaher Kindertagesstätten, ist sich sicher, daß in den vergangenen Jahren nicht viele dazugekommen sind. Der Bedarf, so die Expertin, sei zwar da, „aber eine goldene Nase läßt sich in dem Geschäft nicht verdienen“.

Viele geben auf halbem Weg auf

Mehr als sechs Monate hat die gelernte Erzieherin Kutschenreuter gebraucht, ihr Projekt auf die Beine zu stellen. Sie hat Räume gesucht, sich durch eine Vielzahl von Behörden gekämpft, bei der Lokalbaukommission die Nutzungsänderung der angemieteten Räume beantragt, eine Kinderpflegerin gesucht und mit den Banken über einen Kredit verhandelt. Und damit war sie noch schnell. Bis zu zwei Jahre, so die Erfahrung von Expertin Weegmann, kann es dauern, bis ein solches Projekt steht. Viele geben auf halbem Weg auf.

Neutrale Hilfsangebote gibt es kaum, was daran liegt, daß die Regelung der Kinderbetreuung weitgehend den Kommunen obliegt. Im Klartext: Die Situation ist uneinheitlich. Und auch wenn in einigen Ländern derzeit kommunale Familiencenter als Dienstleistungsagenturen eingerichtet werden, müssen sich die meisten Interessenten ihre Informationen zumeist mühevoll zusammensuchen. Erster Anlaufpunkt ist das örtliche Jugendamt. „Dort weiß man dann zumindest, wer zuständig ist.“

Eine Reihe von baulichen Anforderungen

Zwei Knackpunkte sind es dabei aus Expertensicht, an der viele Privatinitiativen scheitern. Der erste: die Räumlichkeit. Nicht nur, daß Vermieter und Anwohner oft nicht begeistert sind, es gibt eine Reihe von baulichen Anforderungen, die allerdings altersspezifisch und regional unterschiedlich sind. Relativ einheitlich gilt jedoch, daß die Fensterfläche mindestens ein Sechstel der Raumfläche betragen muß und ausreichend Toiletten für die Kleinen vorhanden sein müssen.

Bei Wickelkindern wird außerdem ein Waschbecken in räumlicher Nähe zur Kommode gefordert. Das zweite Problem ist die Finanzierung. Etwa 1300 Euro kostet die Einrichtung und der Betrieb eines Krippenplatzes monatlich, noch etwa 700 entstehen für Schulkinder. Weegmann: „Da finden Sie keine Eltern, die das bezahlen.“ Zumal Tagesmütter und Au-pair-Mädchen billiger sind.

Die Chance: Qualität

So beantragen die privaten Einrichtungen öffentliche Förderung. Einfach ist es dennoch nicht, wie Alfons Scheitz, Geschäftsführer der Gesellschaft für Kinderbetreuung e. V., betont. Scheitz gründete vor 12 Jahren eine eigene Betreuungseinrichtung, heute ist die GFK Träger von 20 Einrichtungen mit 145 Mitarbeitern und damit neben Pro Kind einer der wenigen großen unabhängigen Anbieter auf dem Markt. Bedauerlich, wie er selber findet, da es auf dem Betreuungsmarkt nach wie vor viel zu tun gäbe.

Die Chance der privaten Kinderbetreuung sehen Fachleute wie er allerdings weniger in mehr Quantität, sondern vor allem in mehr Qualität. Wer eine solche Einrichtung plant, braucht dementsprechend sowohl betriebswirtschaftliches Know-how als auch einen großen pädagogischen Background. Die von Eltern und Wirtschaft immer wieder geforderte Flexibilität beispielsweise läßt sich zu vertretbaren Kosten nur dann erreichen, wenn „auch Arbeitszeiten und Gehaltsmodelle diese Flexibilität widerspiegeln“.

Öffnungszeiten rund um die Uhr

Wie das aussehen kann, zeigte 2001 die Kindervilla in Dresden. Als erste Betreuungseinrichtung in Deutschland bot sie Öffnungszeiten rund um die Uhr an. Und schon ein paar Monate später, erinnert sich Mitarbeiterin Astrid Krupper, war die Warteliste so lang, daß die Wartezeit sechs Jahre betrug. Und das, obwohl die Betreuung von Krippenkindern 230 Euro die Woche kostet.

Häufig kaufen Firmen Belegrechte für ihre Mitarbeiter. Seit 2003 nun gibt es die Kindervilla im Franchisesystem. Ein zweites Haus, ebenfalls in Dresden, steht schon, sieben weitere Verträge in deutschen Landeshauptstädten sind unterschrieben. Allerdings: 250 000 Euro müssen Gründer für die Umsetzung des Vollkonzepts investieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.09.2005, Nr. 37 / Seite 54
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