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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fachkräftemangel Wo sind all die Ingenieure hin?

 ·  Nirgends manifestiert sich der Fachkräftemangel deutlicher als bei den Ingenieuren. Im Juli klaffte zwischen Angebot und Nachfrage eine Lücke von fast 36.000. Die Industrie wirbt nun um die Frauen, denn erst jeder fünfte Technikstudent ist weiblich.

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„Die Preise sind eindeutig gestiegen“, sagt Werner Maidl. Der Personalchef des Münchener Architektur- und Ingenieurbüros Obermeyer weiß, wovon er spricht. Das Büro beschäftigt weltweit 1200 Mitarbeiter und bietet Planungsleistungen in den Geschäftsbereichen Gebäude, Verkehr und Umwelt an. Neue, gute Leute sind immer gefragt. Aber Ingenieure sind knapp.

Vor allem Bau- und Elektroingenieure oder Spezialisten für die technische Gebäudeausrüstung. „Um bis zu 15 Prozent haben sich die Einstiegsgehälter für junge Ingenieure in den vergangenen drei Jahren erhöht“, berichtet Maidl. Mehr noch: Es wird immer schwieriger, gute Ingenieure zu halten. Immer wieder, sagt der Personalchef, gebe es Versuche, sie abzuwerben.

Deutsche Ingenieure im Durchschnitt 50 Jahre alt

Nirgends manifestiert sich der Fachkräftemangel deutlicher als bei den Ingenieuren. Im Juli klaffte zwischen Angebot und Nachfrage eine Lücke von fast 36.000 – Tendenz weiter steigend. Ausgerechnet dem Land der Konstrukteure und Maschinenbauer geht der Nachwuchs aus. Derzeit harren 61.700 offene Stellen ihrer Besetzung – 12 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Es fehlen vor allem Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure, Elektro- und Bauingenieure sowie Wirtschaftsingenieure, und die vor allem in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Das zeigen die Statistiken des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Sie sind zwar Momentaufnahmen – allerdings mit klarer Richtung: Im kommenden Jahrzehnt soll die Zahl der fehlenden Ingenieure auf 200.000 steigen. Das jedenfalls meint Willi Fuchs, Direktor des VDI. 1,4 Millionen Ingenieure gebe es derzeit in Deutschland. 800.000 von ihnen seien tatsächlich als solche beschäftigt. In den nächsten 10 Jahren gehen 450.000 in den Ruhestand. Denn die deutschen Ingenieure sind alt, im Durchschnitt 50 Jahre alt: „Jeder Zweite also wird sich im Jahr 2020 verabschiedet haben.“ Das allein mache einen Ersatzbedarf von 45.000 im Jahr. Außerdem hat die Bundesregierung das ehrgeizige Ziel ausgegeben, 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren. Auch dafür braucht man neue Ingenieure, und zwar jährlich bis zu 70.000.

Davon sind die Universitäten weit entfernt. 37.000 Absolventen verlassen die Hochschulen im Schnitt jährlich. Aber deshalb nur die Studienanfängerzahlen zu erhöhen helfe auch nicht, sagt Heinz-Peter Schiffer, Maschinenbau-Professor an der TU Darmstadt: „Dann leidet die Qualität.“ Nur mehr Professoren, mehr Räume und mehr Geld könnten das verhindern. Die Qualität sei der entscheidende Vorteil der deutschen Ausbildung, sagt Schiffer. Schon jetzt kämen deshalb viele ausländische Studierende, gerade aus China. Dort werden zwar auch unglaublich viele Ingenieure ausgebildet, aber Chinesen mit einem deutschen Abschluss haben international die bessere Perspektive.

Ungelöste Frage eines wachsenden Fachkräftemangels

Mehr ausländische Studierende könnten auch ein zweites Nachwuchsproblem lösen: „Schon jetzt“, sagt der Arbeitsmarktforscher Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit IZA, „sieht man die Auswirkungen des demografischen Wandels.“ Die Kohorten an Schulabgängern würden stetig kleiner. Man weiß um diese Entwicklung – und das seit den neunziger Jahren. „Damals gab es ähnliche Debatten – zum Beispiel jene über Greencards für Deutschland.“ Nur reagiert hat keiner, so dass die ungelöste Frage eines wachsenden Fachkräftemangels noch drängender geworden ist.

Auch das hat Gründe. Die Bildungssysteme in Deutschland veränderten sich nur sehr langsam, meint der Forscher. Im Gegensatz zu früher können die Ingenieure zwar schon nach drei Jahren mit einem Bachelor-Abschluss die Hochschulen verlassen und arbeiten. Die meisten wollen dann aber noch weiterstudieren. Denn erst der Master-Abschluss ist gleichwertig mit dem Diplom.

Schuld an der Knappheit seien aber auch die Unternehmen selbst, sagt Eichhorst. Sie hätten ihre Personalpolitik nicht auf den absehbar wachsenden Fachkräftebedarf in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren eingestellt, sondern von der Hand in den Mund gelebt.

„Sicherere Arbeitschancen für Ingenieure“

Denn im Technikland Deutschland gab es lange auch zu viele Ingenieure. Wer Ende der achtziger Jahre begann, Maschinenbau zu studieren, erntete oft nur ein mitleidiges Lächeln. „Noch 2004/2005 waren 60.000 Ingenieure arbeitslos“, sagt VDI-Direktor Fuchs und verweist auf das ständige Auf und Ab des Arbeitsmarktes für die heute so gefragten Bastler und Tüftler. Viele seien in der Krise der neunziger Jahre entlassen worden. Die jungen Leute verloren – angesichts so unwägbarer Arbeitsmarktchancen – das Interesse an dem anspruchsvollen Studium. Die Verunsicherung war auch auf Unternehmensseite so groß, dass bei den Entlassungswellen niemand an die zunehmende Spezialisierung und den steigenden Automatisierungsgrad der Produktion dachte, für die Ingenieure unabdingbar sind.

Gibt es Lösungen? Forscher wie Eichhorst sind zuversichtlich. Erstens sende der Arbeitsmarkt für junge Leute unübersehbare Signale: „Zunehmend prekäre Arbeitsverhältnisse im Bereich von Medien und Kultur und dagegen sicherere Arbeitschancen und eine deutlich höhere Rendite für Ingenieure – das wird bald viele junge Leute nachdenklich machen.“

„Die große Reserve sind die Frauen“

Eichhorst sieht auch die Unternehmen in der Pflicht. Sie dürften die Kosten für Qualifizierungsprogramme und eine langfristige Personalpolitik nicht scheuen und müssten sich mit Bewerbern zufriedengeben, die vielleicht nicht ganz auf die Stelle passten.

Das größte Potential schlummert aber anderswo: „Die große Reserve sind die Frauen“, sagt Ernst Schmachtenberg, der Rektor der RWTH Aachen. Zwar sei heute die Hälfte aller Studenten weiblich, aber bei den Ingenieuren schaffe man selten mehr als 20 Prozent, sondern oft weniger als zehn Prozent. Bis die Frauen in den Betrieben ankommen, wird es zwar dauern. Aber es tut sich etwas.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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