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Fachkräftemangel Vier Buchstaben und zwei einfache Wahrheiten

 ·  „Man kann Hunde nicht zum Jagen tragen und auch nicht jeden Abiturienten zum Ingenieur ausbilden“ - so formuliert der Präsident des Verbands der technischen Universitäten eine Facette des Fachkräftemangels. Doch es gibt Impulse, die mehr Studenten in die Ingenieurwissenschaften locken können.

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Mint ist allgegenwärtig. Ohne das Kunstwort, gebildet aus den Anfangsbuchstaben der Fächer Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften, kommt kein Bericht über die Lage der Hochschulen mehr aus. Schließlich ist die Zukunft der deutschen Wirtschaft eng mit den Absolventen aus diesen vier Fächern verbunden. Doch seit Jahren gibt es zu wenige von ihnen, die Unternehmen klagen über einen Mangel an Ingenieuren. Um das zu ändern, will das Bundesbildungsministerium schon Elftklässler mit einem „Mintoring-Programm“ von den Vorzügen der vier Fächer überzeugen. Und ein „Nationaler Pakt für Frauen in Mint-Berufen“ soll das traditionell unausgeglichene Geschlechterverhältnis in die Waage bringen.

Warum nur schreiben sich nach Ansicht der Wirtschaftsverbände nicht genug Erstsemester für die Fächer ein, die ihnen später beste Berufsaussichten bieten werden? Aachens Hochschulrektor Ernst Schmachtenberg, der amtierende Präsident des Verbands TU 9, zu dem sich die neun großen technischen Universitäten in Deutschland zusammengeschlossen haben, gibt eine erfrischend einfache Antwort. „Man kann Hunde nicht zum Jagen tragen und auch nicht jeden Abiturienten zum Ingenieur ausbilden.“ Kein noch so gutes Förderprogramm könne Begabung und Freude an der Technik ersetzen. Die aber bringt nach Schmachtenbergs Einschätzung höchstens jeder dritte Studienanfänger mit – und das entspricht wiederum ziemlich genau dem Anteil der Erstsemester, die sich zuletzt für ein Mint-Fach entschieden haben.

Die Hochschulen drängen trotzdem auf Auswahlprüfungen, um die geeigneten Kandidaten herauszufiltern. So lasse sich auch die Abbrecherquote senken, beteuern sie. In Aachen etwa schaffte es zuletzt kaum mehr als die Hälfte aller ingenieurwissenschaftlichen Erstsemester bis zum Abschluss. Ähnliche Quoten melden viele andere Universitäten; an den Fachhochschulen, an denen rund zwei Drittel der in Deutschland ausgebildeten Ingenieure ihr Examen ablegen, sieht es nicht anders aus. „Wir produzieren zu viele Nichtabsolventen“, räumt Ernst Schmachtenberg ein. „Bis 2017 müssen wir die Erfolgsquote auf 75 Prozent steigern.“

Eine der Schwächen des deutschen Bildungssystems

Die hohe Zahl der Abbrecher – Schätzungen zufolge verursacht sie einen volkswirtschaftlichen Schaden von bis zu 2,2 Milliarden Euro im Jahr – ist neben der langen Studiendauer eine der Schwächen des deutschen Bildungssystems, denen die europäische Hochschulreform zu Leibe rücken sollte. 1999 von 29 Bildungsministern in Bologna vereinbart, sieht sie die Einführung eines zweiteiligen Studiums vor: Der Bachelorabschluss nach gewöhnlich sechs Semestern soll den Einstieg ins Berufsleben oder den Übergang in ein Masterstudium mit zumeist vier zusätzlichen Semestern ermöglichen. Ein weiteres Ziel der Reform war es, Studium und Beruf stärker zu verzahnen. So löblich das klingt, so heftig fiel die Kritik aus: Studenten und Professoren sind gegen die Reform auf die Straße gegangen.

Auch gegen die Abschaffung des Titels „Diplom-Ingenieur“ laufen viele Fachvertreter Sturm. Wie berechtigt die Aufregung ist, stellen manche Untersuchungen allerdings in Frage. „Maschinenbau bleibt Maschinenbau“, bilanziert etwa der Hochschulforscher Martin Winter von der Universität Halle-Wittenberg seine Analyse von Lehrplänen vor und nach der Umstellung auf die neue Studienstruktur, in der inzwischen mehr als die Hälfte aller ingenieurwissenschaftlichen Studenten eingeschrieben sind. Die Unterschiede seien gering. „Bologna ist keine Jahrhundertreform“, sagt Winter deshalb. „Schon eher eine Vierteljahrhundertreform.“

Mit vergleichbaren Abschlüssen und einem einheitlichen europäischen System von Leistungspunkten bietet sie den deutschen Hochschulen aber eine Möglichkeit, um ausländische Talente zu werben. Denn ohne sie, darin sind sich Unternehmer und Wissenschaftler einig, lässt sich die Ingenieurlücke nicht schließen. Die Abwanderung kluger Köpfe, die in den neunziger Jahren als „brain drain“ bekannt wurde, gilt es dafür in eine Zuwanderung zu verwandeln. Vor zehn Jahren schon hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) zu diesem Zweck in New York ein Rückkehrerbüro für deutsche Akademiker eröffnet. „Es bewegt sich vieles – aber nicht so schnell, wie viele es gern hätten“, kommentiert Christian Schäfer, der das DAAD-Referat Internationalisierung leitet, die Resultate.

Britische Hochschulen werben am erfolgreichsten

Nach einer Statistik des Europäischen Forschungsrats etwa sind britische Hochschulen bei der Anwerbung ausländischer Wissenschaftler am erfolgreichsten, gefolgt von der Schweiz und Österreich. Im Saldo schöpfen diese Länder Talente aus Deutschland ab. Zahlenmäßig mehr als ausgeglichen wird dieser Verlust jedoch durch Gäste aus Osteuropa und Asien: 90 000 deutschen Studenten im Ausland standen zuletzt 240 000 ausländische Studenten in Deutschland gegenüber. Besonders hoch angesehen sind unter ihnen laut DAAD die technischen Fächer.

Im Rennen um die Talente haben vor allem diejenigen Hochschulen gegenüber ihren ausländischen Wettbewerbern Boden gutgemacht, die in der von Bund und Ländern mit 2 Milliarden Euro ausgestatteten Exzellenzinitiative für die Forschung erfolgreich waren. Die Fördersumme ist angesichts der 17 Milliarden Euro umfassenden Regelausstattung des gesamten deutschen Hochschulsystems beachtlich; internationale Leuchttürme wie die ETH Zürich spielen aber nach wie vor in einer anderen Liga. „Dort steht doppelt so viel Geld für halb so viele Studenten zur Verfügung“, überschlägt der Aachener Rektor Ernst Schmachtenberg, dessen Hochschule wie eine Reihe anderer naturwissenschaftlich-technisch ausgerichteten Universitäten zu den Gewinnern der Initiative zählt. Gleichwohl sei das Exzellenzgeld segensreich: Hunderte neue Stellen und eine Sommerschule für ausländische Studenten werden in Aachen damit finanziert. „Da kommen auch Leute von Aushängeschildern wie dem MIT in Amerika und sehen, dass man hier gut leben und arbeiten kann.“ Bei 15 Prozent liegt der Anteil der Gaststudenten in den Aachener Ingenieurwissenschaften zurzeit, auf 40 Prozent würde der Rektor die Quote gerne steigern.

Nicht-EU-Absolventen dürfen mittlerweile zur Arbeitssuche ein Jahr bleiben

Den Ingenieurmangel lindert das nur, wenn die Studenten in Deutschland nicht nur studieren und ihr Examen machen, sondern sich auch auf eine der Stellen bewerben, mit deren Besetzung sich die Unternehmen schwertun. Eine gesetzliche Neuregelung macht dies seit dem vergangenen Jahr einfacher: Absolventen dürfen nun, auch wenn sie nicht aus der EU stammen, zur Arbeitssuche ein Jahr im Land bleiben. Außerdem wurde die Grenze, bis zu der einheimische Bewerber bevorzugt werden müssen, auf ein Jahresgehalt von 64.800 Euro abgesenkt – zuvor lag sie bei der für viele Positionen utopischen Marke von 86.400 Euro. Erst in der vergangenen Woche hat sich die Regierung gegen eine abermalige Absenkung ausgesprochen.

Wäre die Gehaltsgrenze realistisch, gäbe es den Nachwuchsmangel überhaupt nicht, glaubt hingegen Ernst Schmachtenberg. „Die Industrie muss höhere Gehälter zahlen, wenn sie mehr Ingenieure braucht“, formuliert er seine zweite einfache These zum Thema. Tatsächlich kommen die Nachrichten vom Arbeitsmarkt, dessen große Gewinner die Maschinenbauer und Elektrotechniker in den vergangenen Jahren ja schon waren, offenbar auch bei den Abiturienten an: Seit dem Tiefstand 1997 nimmt die Zahl der Erstsemester in den technischen Fächern zu.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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