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Kommentar : Um Pfleger zu halten, braucht es mehr als Geld

Fachkräftemangel: Wer soll sich in Zukunft um die Pflegebedürftigen kümmern? Bild: dpa

In der Pflege fehlt es deutschlandweit an Fachkräften. Um mehr Menschen in den Beruf zu locken, wird Geld allein jedoch nicht reichen. Ein paar Vorschläge.

          Die Pflege ist ein Thema, das viele Menschen bewegt. Im Ernstfall sollen die eigenen Eltern, Großeltern oder Ehepartner in guten Händen sein, ob sie nun in einem Altenheim untergebracht sind oder zu Hause von einem ambulanten Dienst versorgt werden. Gutes Personal, das sich nicht nur um das Nötigste kümmert, sondern sich Zeit nimmt für jeden Einzelnen – wer wünscht sich das nicht?

          Die Fachkräfte allerdings sind bekanntlich knapp. Schon heute sind 2,9 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, bald werden es noch deutlich mehr sein. Das Statistische Bundesamt erwartet, dass bis zum Jahr 2025 weitere 135.000 bis 214.000 Vollzeitpflegekräfte benötigt werden, andere Prognosen rechnen mit einem noch größeren Bedarf. Woher sie kommen sollen, darauf hat bislang aber kaum jemand eine Antwort.

          Eine häufige Forderung lautet, es brauche mehr Anerkennung für die Pflegekräfte, insbesondere für die Altenpfleger. Dieser Ansicht sind nicht nur die Pflegeverbände. Auch die politischen Parteien versprechen im Bundestagswahlkampf, sich hierfür einzusetzen – von der Linkspartei bis zur Union. Fast immer damit verknüpft ist die Forderung nach einer besseren Bezahlung für das Pflegepersonal. Sogar die FDP hat diesen Punkt in ihr Wahlprogramm aufgenommen.

          Es mangelt an Wertschätzung im Alltag

          Wie viel mehr Geld allein bewirken kann, ist allerdings fraglich. Übersehen wird häufig zweierlei: zum einen, dass gar nicht alle Pflegekräfte schlecht verdienen. Zwar ist es richtig, dass Altenpfleger sich am unteren Rand der Einkommensskala bewegen. Pfleger im Krankenhaus aber verdienen im Durchschnitt sogar mehr als Fachkräfte anderer Branchen.

          Zum anderen kommt es vielen Pflegern noch auf etwas anderes an: die Wertschätzung ihrer Arbeit im Alltag, etwa durch ihre Vorgesetzten, durch die Ärzte und Assistenzärzte, durch die Angehörigen. Dass es daran mangelt, machen sie an mehreren Punkten fest: Viele Pflegekräfte sehen sich in der Öffentlichkeit nicht ausreichend repräsentiert, sie streiten sich mit den Ärzten über Zuständigkeiten und haben zudem immer das Gefühl, für ihre Patienten nicht genügend Zeit zu haben – sei es in der Alten- oder in der Krankenpflege. Es ist ein Teufelskreis: Die Pflegekräfte sind unzufrieden, weil es zu wenig Personal gibt, was wiederum dazu führt, dass zu wenige Menschen diesen Beruf ergreifen.

          Forderung nach verantwortungsvolleren Aufgaben

          Das zeigt: Mehr Geld mag zwar helfen, mehr Menschen in die Pflege zu locken – wodurch, nebenbei bemerkt, allerdings auch die Beiträge zur gesetzlichen Pflegeversicherung deutlich steigen müssten. Um sie dort zu halten, braucht es mehr. Einfache Lösungen aber gibt es nicht, wie schon an den Personaluntergrenzen abzulesen ist, die der Bundestag kürzlich für besonders pflegeintensive Bereiche in Krankenhäusern wie Intensiv- oder Frühgeborenenstationen beschlossen hat. Woher das Personal kommen soll und wie man verhindert, dass Krankenhäuser einfach Pflegekräfte von einer Station auf eine andere versetzen, beantwortet das Gesetz nicht.

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          Ein anderer, immer wieder genannter Ansatz lautet, man müsse dem Pflegepersonal verantwortungsvollere Aufgaben übertragen. In Großbritannien und Schweden beispielsweise dürfen Krankenschwestern deutlich mehr. In Deutschland aber wehren sich die Ärztevertreter: Sie sehen sich dem Patienten gegenüber in der Verantwortung und wollen sich höchstens entlasten, aber nicht ersetzen lassen. Delegation ja, Substitution nein – so lauten die Schlagworte in der Debatte. Auch muss man sich im Klaren sein, dass man jeden, der zusätzliche Aufgaben übernehmen soll, dafür qualifizieren muss. Schon bei der Reform der Pflegeberufe-Ausbildung, die darauf abzielte, dieses Berufsfeld attraktiver zu machen, sorgte sich vor allem die Altenpflege, dass man durch höhere Anforderungen Hauptschüler ausschließen könnte, und das nicht zu Unrecht. Ein guter Weg könnte sein, das noch recht neue Modell des „Physician Assistant“ auszuweiten, der ein EKG schreiben, bestimmte Zugänge legen und Ultraschalluntersuchungen durchführen darf und damit den Arzt entlastet. Mit einem dreijährigen Bachelor-Studium können so auch Pflegekräfte den beruflichen Aufstieg schaffen.

          Branche hofft auf eine bessere Interessenvertretung

          Bleibt noch ein dritter Punkt: die Interessenvertretung. Pflegeverbände fordern seit Jahren eine eigene Kammer, wie sie Ärzte und Apotheker, aber auch Architekten und Rechtsanwälte schon lange haben. Die ersten Pflegekammern gibt es in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Niedersachsen heute schon. Die Branche erhofft sich so in der Öffentlichkeit besser gehört zu werden. Ob eine Zwangskörperschaft auch für mehr ideelle Anerkennung sorgt oder doch nur gut dotierte Posten für Funktionäre bringt, darf aber bezweifelt werden.

          So frustrierend es auch ist: Auf die Schnelle wird sich das Bild der Pflege in der Öffentlichkeit nicht aufpolieren lassen. Die Veränderungen müssen im Kleinen beginnen. Auch Politiker wie die Pfleger selbst können übrigens dazu beitragen: indem sie aufhören, ständig über das schlechte Image dieses Berufs zu klagen, und stattdessen in den Vordergrund stellen, wie wertvoll die Arbeit der Pflegekräfte in einer alternden Gesellschaft ist. Damit wäre schon viel gewonnen.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

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