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Fachkräftemangel Geringe Erwartungen an den Bildungsgipfel

20.10.2008 ·  Wirtschaftsverbände befürchten, dass das Treffen bei der Kanzlerin in dieser Woche nur vage Ergebnisse bringen könnte. Sie fordern eine bessere frühkindliche Bildung und mehr Ganztagsschulen.

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„Langfristig betrachtet, ist der Fachkräftemangel für Deutschland ein gravierenderes Problem als die derzeitige Finanzkrise.“ In nüchternen Worten beschreibt Axel Plünnecke, was seiner Meinung nach dramatische Ausmaße annehmen könnte. Die Fachkräftelücke könnte eines Tages so groß werden, dass viele Unternehmen aus Deutschland abwanderten, warnt der Bildungsfachmann im arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Wegen der demographischen Entwicklung würden in zwanzig Jahren doppelt so viele Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden wie nachrückten. Besonders alarmierend sei der wachsende Mangel an Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Technikern. Dem Fachkräftemangel könnte mit bildungspolitischen Maßnahmen gegengesteuert werden, ist Plünnecke überzeugt. Doch müsse rasch etwas geschehen, weil viele Maßnahmen erst langfristig wirkten.

Kräftiges Signal gefordert

Wegen der Finanzkrise könnte jedoch die Bildungspolitik wieder in den Hintergrund rücken. Deshalb wird Plünnecke mit Sorge den Bildungsgipfel am kommenden Mittwoch in Dresden verfolgen - und doch hoffen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder dort mehr als schwammige Absichtserklärungen kundtun werden. Auch die Spitzenverbände der Wirtschaft warnen in einer gemeinsamen Erklärung: "Der Bildungsgipfel darf sich nicht in Zuständigkeitsfragen verheddern, sondern muss ein kräftiges Signal zum gemeinsamen Aufbruch geben." Das von der Bundeskanzlerin angeregte Treffen sei eine einmalige Chance, um notwendige Reformen zu bündeln und voranzutreiben, meinen die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Angetrieben von der Sorge um den Fachkräftemangel, ist die Bildungspolitik in der Wirtschaft und ihren Verbänden zu einem wichtigen Thema geworden. Die Forderungskataloge unterscheiden sich kaum. Mehr Akademiker müssten ausgebildet werden, und die hohe Zahl der Jugendlichen, die als nicht ausbildungsreif gelten, müsste stark sinken, verlangt die Wirtschaft. Die Quote der Schulabbrecher müsse bis 2015 von jetzt 8 Prozent - das sind etwa 80 000 Jugendliche - auf 4 Prozent halbiert werden. Deutlich gesenkt werden müsste außerdem die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsausbildung. Das Bundesinstitut für Berufsbildung schätzt sie auf 1,5 Millionen. Die Wirtschaft wünscht sich auch, dass Schulen berufsorientierter ausbilden, zum Beispiel, indem Praktika und berufsorientierende Maßnahmen wie Tipps zur Berufswahl Bestandteil der Lehrpläne werden. Die Unternehmen bieten im Gegenzug an, mit Kindergärten und Schulen enger zusammenzuarbeiten, vor allem in den Fächern Naturwissenschaft und Technik.

Gerangel von Bund und Ländern

Den Forderungen der Wirtschaft schließt sich die Politik zwar weitgehend an. Dennoch befürchtet die Wirtschaft, dass auf dem Bildungsgipfel zu wenig konkrete und messbare Ziele festgelegt werden. Vor allem das bildungspolitische Gerangel der Politiker von Bund und Ländern könnte verhindern, dass eine zentrale Forderung der Wirtschaft vorangetrieben werde: mehr Geld für eine bessere Bildung. In den vergangenen Wochen hatte der Bund, ohne dafür hauptsächlich zuständig zu sein, mehr Geld für Kindergärten, Schulen und Universitäten verlangt. Die Länder, die sich steigenden Bildungsausgaben grundsätzlich nicht verweigern, haben sich verbeten, in ihren Kompetenzbereich hineinzureden. Die Frage ist nun, ob sie sich auf dem Gipfel querstellen.

Demographiereserve verwenden

Woher das zusätzliche Geld kommen könnte, ist zumindest für Bund und Wirtschaft klar: aus der Demographiereserve. Das ist das Geld, das der Staat wegen des Rückgangs der Kinderzahl sparen wird. Jedes Jahr werden es - mit steigender Tendenz - mehrere Milliarden Euro sein, rechnet das IW vor. Dieses Geld sollte für mehr Krippenplätze, die Übernahme von Kindergartengebühren, Ganztagsschulen und zusätzliche Studienplätze ausgegeben werden. Das würde sich langfristig sogar lohnen, meint das Institut. Nach und nach würden besser qualifizierte Jugendliche in den Arbeitsmarkt eintreten und dort über eine höhere Produktivität zu mehr Steuern und Sozialversicherungseinnahmen beitragen.

Um die Länder auf dem Gipfel zu finanziellen Zusagen zu bewegen, sollte auch der Bund mehr Geld in Aussicht stellen, empfiehlt Plünnecke. Auf der Wunschliste der Wirtschaft steht die Forderung nach mehr Ganztagsschulen weit oben, genauso wie die Forderung nach einem Ausbau der frühkindlichen Bildung. Verbesserungen in diesen Bereichen gelten ihr als Schlüssel für mehr Akademiker und weniger Schulversager. Vor allem so könne man Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern erreichen und höher qualifizieren. In dem gemeinsamen Papier der Spitzenverbände wird zum Beispiel für alle Kinder ein obligatorisches, aber beitragsfreies Vorschuljahr gefordert. Dann sollten sie sprachlich so gefördert werden, dass sie von der ersten Klasse an aktiv am Unterricht in deutscher Sprache teilnehmen könnten.

Rasch neue Studienplätze

Besonders schnell werde für neue Studienplätze Geld benötigt werden, mahnt IW-Forscher Plünnecke. Denn schon in wenigen Jahren würden wegen der verkürzten Gymnasialzeit doppelte Jahrgänge an die Universitäten drängen. Leider gebe es derzeit wenig Anreize für die Länder und ihre Hochschulen, die zusätzlich erforderlichen rund 20 000 Studienplätze zur Verfügung zu stellen. Denn in einem Bundesland ausgebildete Akademiker arbeiten womöglich später in einem anderen Bundesland oder im Ausland. Um die Anreize zu erhöhen, schlägt das IW einen Gutscheintopf vor; das Bundeswirtschaftsministerium hat sich bereits hinter diese Idee gestellt. In den Topf sollten die Länder, zum Beispiel nach Maßgabe ihrer Steuereinnahmen, und auch der Bund einzahlen. Die Hochschulen bekämen für jeden zusätzlichen Studenten, den sie für sich gewinnen könnten, einen bestimmten Betrag ausgezahlt. Auf diese Weise könnte man auch eine andere wichtige Qualifizierungsmaßnahme finanzieren, hofft die Wirtschaft: einen besseren Zugang zum Studium für beruflich Qualifizierte ohne Abitur.

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