17.04.2007 · Vier Millionen Menschen in Deutschland haben keine Arbeit. Trotzdem finden viele Unternehmen nicht die richtigen Mitarbeiter. Wie passt das zusammen?
Von Carsten Germis und Tim HöfinghoffBisweilen muss sich Michael Ziesemer wirklich wundern: Da offeriert der Vorstand des Messtechnik-Anbieters Endress+Hauser viele neue Jobs, doch oft meldet sich auf eine Stellenanzeige niemand. Dabei hat das 7000-Mitarbeiter-Unternehmen 100 neue Arbeitsplätze in Deutschland zu vergeben. "Wir leiden unter dem Mangel an Ingenieuren, Physikern, Entwicklern und Informatikern", klagt Ziesemer, "auch Facharbeiter in der Fertigung sind rar." Das Geschäft läuft prächtig, doch weil die Leute fehlen, bleiben Aufträge bis zu neun Monate liegen.
Der Arbeitsmarkt bietet ein bizarres Bild: Während vier Millionen Menschen keinen Job haben, finden viele Firmen keine Mitarbeiter. Seltsam. Zumal Experten die Zahl der offenen Stellen auf 1,5 Millionen schätzen. Endress+Hauser ist längst kein Einzelfall. Nach einer Studie der Personalberatung Manpower haben ein Drittel der Arbeitgeber Schwierigkeiten, das passende Personal zu finden.
Die Profile passen nicht
Für den Wirtschaftsweisen Wolfgang Franz ist die Lage klar: "Die Profile der Arbeitslosen und der offenen Stellen stimmen häufig nicht überein." Das erklärt, "warum es für viele Unternehmen immer schwerer wird, Stellen zu besetzen, und gleichzeitig vier Millionen Menschen ohne Arbeit sind".
Vom Konjunkturaufschwung profitieren nur diejenigen, die gut ausgebildet und flexibel sind. So ist die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe im vergangenen Jahr um 433 000 gesunken. Ganz anders das Bild bei den zumeist gering qualifizierten Langzeitarbeitslosen, die Arbeitslosengeld II bekommen: "Hier haben sich die Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert", berichtet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB). Der Jahresdurchschnitt lag mit 2,82 Millionen Langzeitarbeitslosen sogar um 50 000 über dem Wert von 2005.
Der Arbeitsmarkt ist gespalten
Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sagt: "Der Arbeitsmarkt erholt sich, ohne im Kern zu gesunden." Schlimmer noch: Der Arbeitsmarkt ist gespalten. So lag zu Beginn des Jahres 2006 der Anteil der Hartz-IV-Empfänger an den Arbeitslosen bei 58 Prozent, zur Jahresmitte kletterte der Wert auf 65 Prozent. Für dieses Jahr erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) sogar einen weiteren Anstieg auf 67 Prozent.
Die neuen Jobs gibt es also weiter nur für gut Ausgebildete. Und die sind schwer zu finden - besonders in der IT-Branche: "Wir müssen bis zu einem Jahr nach geeigneten Mitarbeitern suchen", berichtet Sven Slazenger, Geschäftsführer von Interlake, einem Münchner IT-Anbieter.
Ingenieure werden zur Rarität
Zur Mangelware gehören auch die Ingenieure. Nach einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), die am Montag auf der Hannover Messe präsentiert wird, ist die Arbeitslosigkeit in der Branche auf einem Tiefstand angekommen: So ist die Zahl der arbeitslosen Ingenieure im Jahr 2006 gegenüber 2005 um 37 Prozent gesunken. Nach Berechnungen des VDI fehlen aber immer noch mindestens 22 000 Ingenieure.
Der Wirtschaftsweise Franz erklärt den Trend so: "Wir erleben derzeit den Abbau der konjunkturbedingten Arbeitslosigkeit, und die macht rund ein Fünftel der gesamten Arbeitslosigkeit aus." Das IAB rechnet damit, dass die Arbeitslosenzahl im kommenden Jahr mit 3,6 Millionen rund 320 000 unter dem Stand von 2007 liegen wird.
Bekanntes Phänomen
Arbeitsminister Franz Müntefering will erreichen, dass auch die Langzeitarbeitslosen profitieren und fordert einen Mindestlohn. Dabei bergen gerade die Mindestlöhne die Gefahr, unproduktive Arbeitsplätze zu vernichten, wenn sie für die Unternehmen zu teuer werden. Kein Wunder, dass Wirtschaftsweise wie Franz argumentieren, durch Mindestlöhne werde nur die "Sockelarbeitslosigkeit zementiert". So sei in Frankreich die Zahl der gering qualifizierten arbeitslosen Jugendlichen deutlich gestiegen, nachdem die Regierung den Mindestlohn erhöht habe. Franz - und mit ihm der Sachverständigenrat - setzt auf einen anderen Weg: Er will das Arbeitslosengeld II für alle senken, die schlechtbezahlte Arbeit ablehnen.
Für Arbeitsmarktexperten ist es keine Überraschung, dass in Zeiten des Aufschwungs Arbeitslose und Unternehmer nicht zueinanderfinden. Dieses Phänomen habe es auch in den Boomzeiten zur Jahrtausendwende gegeben. "Die Warteschlange am Arbeitsmarkt baut sich von vorne ab", erklärt BA-Vorstand Heinrich Alt. "Bei anziehender Konjunktur werden gute Leute immer als Erstes knapp."
Fachkräftemangel bedroht Aufschwung
Sei es der Maschinenbau oder andere Branchen: Deutschlands Firmen wollen dieses Jahr wieder kräftig einstellen. Doch der Fachkräftemangel bedroht den Aufschwung. Bei Endress+Hauser wären mit neuen Mitarbeitern mindestens zwei Prozent mehr Umsatz drin, rechnet Vorstand Ziesemer vor - das entspricht 20 Millionen Euro. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert, bei den Unternehmen offenbarten sich nun "die Defizite in der Aus- und Weiterbildung der vergangenen Jahre".
Auch BA-Vorstand Alt sagt, dass sich bei der Ausbildung einiges ändern müsse, um mehr Fachkräfte zu haben: "Wir sind bei den qualifizierten Berufen ganz schlecht aufgestellt." Zu viele Jugendliche würden noch immer in weniger qualifizierten Berufen ausgebildet, sagt Alt. "Da haben wir nicht alles getan, was wir hätten tun können."
Die Vorruheständler kommen zurück
Wenn 25 Prozent aller Jugendlichen ihre Ausbildung vorzeitig abbrechen und weitere 15 Prozent die Prüfung nicht bestehen, "dann ist das keine gute Performance in Zeiten, in denen Fachkräfte gesucht werden".
Doch nicht nur der Mangel an technischem und naturwissenschaftlichem Nachwuchs führt zur verzweifelten Suche vieler Unternehmer nach Mitarbeitern. Nun rächt sich, dass viele Betriebe in den vergangenen Jahren ihre älteren Mitarbeiter früher in Rente geschickt haben. Doch bei den Firmen ist Umdenken angesagt: Nach einer Beobachtung des Wirtschaftsweisen Franz bemühen sie sich inzwischen nicht nur verstärkt um Fachkräfte im Ausland: "Die ersten Unternehmen holen schon ihre Vorruheständler wieder zurück."
langweiliges Geschwafel
Harry Hirsch (timX)
- 17.04.2007, 11:45 Uhr
Korrektur bei den Unternehmen erforderlich
Oliver Czarski (OliverC)
- 17.04.2007, 11:45 Uhr
Sind deutsche Unternehmen zu "preussisch"?
Fionn Huber (fionn)
- 17.04.2007, 11:54 Uhr
Bloss gut, dass es Studiengebühren gibt..
Sebastian Arnoldt (sebumundo)
- 17.04.2007, 11:59 Uhr
Subventionierung des Sklavenhandel?
Michael Fichtner (ebaristo)
- 17.04.2007, 12:01 Uhr
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2365 | −0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 103,34 $ | +0,09% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
Anonym bewerben? Ist das gut?