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Veröffentlicht: 05.01.2017, 18:16 Uhr

F.A.Z. exklusiv Reform der Pflegeausbildung vor dem Aus

Die Koalition ringt um eine neue Pflegeberufsausbildung. Einen Kompromiss der Kassen weist die SPD nun zurück. Die Lage ist verfahren.

von , Berlin
© dpa Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege-Ausbildung in einem: Kann das gut gehen?

Die vor einem Jahr vom Bundeskabinett beschlossene Reform der Pflegeberufsausbildung droht zu scheitern. Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege sollten in einem Ausbildungsgang zusammengeführt werden. Die Chancen, dass es noch vor der Wahl im September verabschiedet wird, stehen nicht gut. Denn Union und SPD sind darüber zerstritten – und es sieht nicht so aus, als würde sich das ändern. Ein Kompromissvorschlag der Kassen, das neue System einstweilen modellhaft zu erproben, stößt zwar auf Seiten der Union auf Zustimmung. Doch der stellvertretende SPD-Fraktionschef Karl Lauterbach lehnt ihn nun ab: „Das reicht bei weitem nicht aus“, sagte er am Donnerstag dieser Zeitung.

Andreas Mihm Folgen:

Der Streit um das von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) und Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) erarbeitete Gesetz geht daher weiter. Um Stellungnahme gebeten, reagiert das Familienministerium gar nicht. Das Gesundheitsministerium verweist auf die Fraktionen. Deren Fachleute hatten noch kurz vor Weihnachten versucht, eine Lösung in dem Konflikt zu finden, der auch die Pflegebranche in strikte Befürworter und radikale Gegner spaltet. Ergebnislos.

 
F.A.Z. exklusiv: Reform der #Pflegeausbildung vor dem Ende; Kompromiss vor dem Scheitern

Aus Sicht der Regierung soll das Gesetz der Abschluss der Pflegereformen dieser Wahlperiode sein. Nachdem mehr Bedürftige mehr Leistungen in der Altenpflege beziehen, soll nun auch dafür gesorgt werden, dass ausreichend Fachpersonal zur Verfügung steht. Über den Mangel daran klagen Krankenhäuser, Pflegeheime und -dienste seit langem. Laut dem neuen Pflegebericht der Regierung waren 2015 allein in der Altenpflege 19000 Stellen offen, 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Eine Chance?

Gröhe und Schwesig sehen in der Zusammenlegung der drei Ausbildungsgänge zu einer „generalistischen Ausbildung“ eine Chance, dem allgemeinen Fachkräftemangel in der Pflege abzuhelfen. Ihr zentrales Argument: Die Ausbildung werde attraktiver, denn der Pfleger könne später im Krankenhaus oder im Altenheim arbeiten. Gewollt ist dabei, dass der Druck auf die Altenpflege steigt, bessere Gehälter zu zahlen, damit Fachleute nicht ins Krankenhaus abwandern. Parallel dazu soll die Ausbildung neu finanziert werden. Die Kassen und die Betriebe sollen eine Umlage in Landesfonds zahlen, aus dem denn die Ausbildung bezahlt wird. Schulgeld soll endgültig der Vergangenheit angehören.

Die Gegner halten viele Argumente für wenig stichhaltig: Altenpflege sei attraktiv, wie die wachsende Zahl der Ausbildungsplätze zeige. Kinderkrankenpfleger haben die Sorge, dass die Zeit für die Spezialisierung in der Einheitsausbildung – zwei Jahre gemeinsam, ein Jahr Spezialisierung – nicht reicht. In der Altenpflege sorgt man sich, die neue Ausbildung werde anspruchsvoller und könne Schüler mit Hauptschulabschluss überfordern – was zu weniger statt mehr Interesse führe.

Infografik / Auszubildende in den Pflegeberufen © F.A.Z. Vergrößern

Der Vorstand des Spitzenverbands der Kassen, Gernot Kiefer, schlägt daher den Kompromiss vor, „den Test in der Wirklichkeit zu machen und eine Zeit lang mehrere Ausbildungswege zuzulassen.“ Die diskutierten Ausbildungsmodelle seien keine unüberwindbaren Gegenpole, sondern böten große Schnittmengen, erläutert sein Sprecher. Es könne die Debatte versachlichen, wenn man „zumindest eine Zeit lang“ parallel die integrative Ausbildung (zwei plus ein Jahr), als auch die dreijährige gemeinsame Ausbildung aller drei Fachrichtungen zulassen würde, „zumal beide Ausbildungswege die gleichen Ziele verfolgen“. Die Praxis könne zeigen, welches der beiden Modelle das bessere sei.

SPD will „Generalistik für alle“

Bei Unionspolitikern stößt das auf Zuspruch. „Wir begrüßen die Initiative, eine Zeit lang mehrere Ausbildungswege zuzulassen“, erklärten die für Pflege zuständigen Politiker Erwin Rüddel (CDU) und Erich Irlstorfer (CSU). „Erst ein solcher Probelauf liefert belastbare Fakten für die Entscheidungsfindung, welcher Weg der geeignete ist.“ Rüddel könnte sich Testläufe im Saarland, in Berlin, in Hamburg und in Schleswig-Holstein vorstellen.

Der Verband privater Pflegeanbieter, einer der schärfsten Reformkritiker, erklärte, die Altenpflege brauche „die Wahlmöglichkeit potentiell interessierter Auszubildender und einen Test, wie Herr Kiefer ihn vorschlägt, nicht zu scheuen.“ Der CDU-Politiker Michael Hennrich spricht von einem „vernünftigen und klugen Kompromiss, um aus der verfahrenen Situation herauszukommen.“

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Doch wird es dazu wohl nicht kommen. Denn die SPD hält an der „Generalistik für alle“ fest. „Es muss einen sofortigen Übergang in die Generalistik geben“, sagt SPD-Vizefraktionschef Lauterbach. So sei es schließlich im Koalitionsvertrag verabredet. Die einheitliche Ausbildung müsse von jeder Pflegeschule angeboten werden. Ob einzelnen Schulen auf Antrag Einzelabschlüsse anbieten könnten, etwa in der Kinderkrankenpflege, sei zu prüfen.

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