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Export von Nahrungsmitteln Zu Hause kritisiert, im Ausland serviert

19.01.2012 ·  International gefragt: Deutschland exportiert so viele Nahrungsmittel wie nie zuvor. Doch die Erzeuger wollen nicht länger der Prügelknabe der Gesellschaft sein.

Von Jan Grossarth
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© dpa Exportschlager auf Reisen: Deutsches Rind ist im Ausland beliebt - dieses ist Elsa, das Maskottchen der Grünen Woche

Die deutsche Ernährungswirtschaft kann zur Grünen Woche wieder über ein Rekordjahr berichten. Obwohl die Branche in der öffentlichen Wahrnehmung von Skandal zu Skandal zu wanken scheint, sind ihre Erzeugnisse auch international gefragt wie nie zuvor. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr um 8,5 Prozent auf mehr als 162,2 Milliarden Euro, teilte der Spitzenverband BVE am Mittwoch mit. Während der Inlandsmarkt im Wortsinn gesättigt ist, gingen die Ausfuhren von Lebensmitteln nach oben. Der Exportanteil erreichte erstmals rund 30 Prozent des Gesamtumsatzes.

Einen großen Teil zum Wachstum trugen allerdings Preiserhöhungen bei. Real, also abzüglich der Inflationsrate der Erzeugerpreise, stieg der Umsatz um 1,3 Prozent. Anders als Auto- oder Maschinenbauunternehmen erreichen die rund 5900 Unternehmen der Lebensmittelindustrie erst seit drei Jahren Exportüberschüsse. Nur die Vereinigten Staaten und die Niederlande trugen 2010 einen größeren Anteil zum globalen Nahrungsmittelexport bei.

Jeder dritte Euro

Knapp jeden dritten Euro verdiente die Branche im vergangenen Jahr schon im Ausland. Vor zehn Jahren war dies erst rund jeder fünfte. Stark im Export sind vor allem die Fleisch-, Milch-, Käse- und Süßwarenhersteller. Dankbarkeit jedoch erwartet die Branche längst nicht mehr. Die Beliebtheit der Nahrungsmittelerzeuger in Deutschland hält sich in Grenzen. Mit ihnen sind Schlagworte wie Massentierhaltung oder Billiglebensmittel verbunden. Das geht den Erzeugern zunehmend auf die Nerven. „Die Branche hat es satt, immer der Prügelknabe zu sein“, sagt der Präsident des BVE, Jürgen Abraham. Dabei böten die Produzenten immer sicherere Lebensmittel an.

Trotz des Kostenanstiegs gingen die Preise für Endverbraucher weniger stark in die Höhe. Nahrungsmittel wurden im vergangenen Jahr rund 3 Prozent teurer, obwohl die Erzeugerpreise um 6,3 Prozent stiegen. Schon seit langem wird Nahrung in Deutschland, relativ betrachtet, günstiger: Die Verbraucherpreise für Lebensmittel stiegen seit 1991 um 26 Prozent, die Verbraucherpreise insgesamt um 43 Prozent. Essen und Trinken ist hierzulande viel günstiger als in anderen europäischen Staaten; die Teuerungsrate in der EU war für diese Produkte in den vergangenen 15 Jahren fast doppelt so hoch.

Kein Durchsetzungsvermögen

Dass sie die Preise nicht so stark anheben können, wie sie gern würden, schmälert die Erträge der Unternehmen. Deswegen sagte Abraham, dass die Lebensmittelpreise in diesem Jahr um bis zu 4 Prozent steigen müssten. „Das können wir aber vermutlich nicht durchsetzen“, schränkt die Geschäftsführerin des BVE, Sabine Eichner, ein. Den gewünschten Preiserhöhungen steht gerade die Konjunkturschwäche im Wege. Hinzu kommt die zurückliegende Expansion der Discount-Märkte: Discounter und wenige Supermarktketten bilden ein mächtiges Oligopol, das einen großen Preisdruck auf die Nahrungsmittelhersteller ausübt. Diese sind, anders als das weitverbreitete Vorurteil, eine der am stärksten mittelständisch geprägten Branchen überhaupt. Die wenigen Konzerne - etwa Marktführer Nestlé sowie Oetker und Südzucker oder Fleischkonzerne wie Tönnies und Vion - kommen auf einen Marktanteil von jeweils um die 2 Prozent.

© F.A.Z. Nahrungsmittel in Deutschland

Im Handel zeichnet sich, wenn auch geringfügig, eine Wende ab: In den vergangenen Jahren ging der Anteil der Discount-Märkte am Lebensmittelumsatz erstmals seit Jahren leicht zurück. 2008 betrug er laut der Marktforschungsgesellschaft GfK 44,5 Prozent, 2010 noch 43,6 Prozent. Dafür legte der Lebensmitteleinzelhandel leicht auf rund 25 Prozent zu. Gemeinsam mit den Supermarktketten Rewe, Metro und Edeka kommen Lidl und Aldi in Deutschland auf einen Umsatzanteil von rund 75 Prozent.

Die Euphorie der Nahrungsmittelbranche bezüglich der lange als Zukunftsgeschäft gefeierten Lebensmittel mit gesundheitlichem Zusatznutzen („functional food“) ist derweil zurückgegangen. Die EU-Behörde Efsa zeigt sich reserviert, was die Genehmigung von Werbung mit Gesundheitsversprechen angeht („health claims“): Nur rund einer von 200 Anträgen wurde positiv beschieden. „Das ist zu aufwendig für unsere überwiegend mittelständische Industrie, das Thema ist durch“, sagt BVE-Geschäftsführerin Eichner. Die Branche setze nun lieber auf die Regionalität ihrer Produkte - gern auch ohne das dafür von Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) forcierte „Regionalsiegel“.

Essen im Abfall

Deutsche Haushalte gehen sehr sorglos mit Nahrungsmitteln um. Pro Person würden im Jahr rund 80 Kilogramm Nahrungsmittel in den Abfall geworfen, teilte die Nichtregierungsorganisation WWF am Mittwoch mit. Die Ernährungswirtschaft äußerte die Erwartung, dass höhere Preise künftig zu mehr Sorgsamkeit mit Lebensmitteln führen dürften. „Das Problem wird sich ein Stück weit von selbst erledigen, weil die Rohstoffe immer teurer werden“, sagt BVE-Geschäftsführerin Sabine Eichner.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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