Home
http://www.faz.net/-gqg-s1au
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Europa Ein Kampf um Champions

27.02.2006 ·  Spanier gegen Deutsche, Franzosen gegen Italiener. Transnationale Übernahmen lösen nationalistische Reflexe aus. Im Sinne Europas ist das alles nicht. Die Renationalisierung Europas ist in vollem Gange.

Von Gerald Braunberger
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Jahrelang ergebnislos besprochen und dann schnell beschlossen: Die Ankündigung einer Fusion des französisch-belgischen Versorgers Suez mit dem mehrheitlich staatlichen Gaskonzern Gaz de France zeigt, wie Regierung und Industrie eines Landes zusammenfinden, um eine feindliche Übernahme aus dem Ausland zu verhindern.

Denn in Europa ist der Teufel los: Die Regierungen in Luxemburg und Frankreich wettern gegen eine Übernahme des Stahlkonzerns Arcelor durch Mittal, in Spanien will die Regierung einen Kauf des Versorgers Endesa durch die deutsche Eon verhindern, und in Paris hatte man in den vergangenen Tagen überlegt, wie Suez ein feindliches Übernahmeangebot durch den italienische Konkurrenten Enel kontern könnte.

Berlusconis „Halt dich da raus“ half nicht

Nun haben die Franzosen eine nationale Lösung gefunden, die Suez wohl unangreifbar macht. Vergebens hatte der italienische Premierminister Silvio Berlusconi den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac zur Neutralität aufgefordert: "Halte dich da raus. Das ist eine Sache, die nur die Unternehmen etwas angeht."

Ein Befund bleibt: Die Renationalisierung Europas ist in vollem Gange. Was ist aus dem europäischen Gedanken geworden? Mit voller Wucht treffen kapitalistische Logik, die nach grenzüberschreitender geschäftlicher Expansion verlangt, und nationale Gestaltungsansprüche in der Industriepolitik aufeinander.

Politiker in der Defensive...

In der Defensive befinden sich die Politiker, und ihre Position dürfte sich weiter verschlechtern. Denn die Voraussetzungen für große Übernahmen sind so günstig wie seit Jahren nicht mehr: Viele Vorstände sind tatendurstig geworden; ihre Kassen sind dank hoher Gewinne voll, die Kreditbanken verleihen Milliarden zu niedrigen Zinsen, das Interesse der Börse für spektakuläre Übernahmen wächst, und die häufig als ungebetene Ratgeber auftretenden Investmentbanker locken mit Projekten.

Die Lage ruft nach Zusammenschlüssen. Die fragmentierte Stahlindustrie sieht sich zwischen starken Rohstofflieferanten und mächtigen Stahlkäufern aus der Industrie eingeengt. Da liegen Fusionen nahe, um die eigene Macht zu stärken. Folglich heißen viele Fachleute eine Übernahme von Arcelor durch Mittal aus industrieller Sicht gut.

...ihnen sind die Hände gebunden

Nicht überraschend kommen auch Übernahmeversuche in der europäischen Energiebranche. Da die nationalen Strommärkte lange reglementiert waren, konnten sich keine Anbieter von europäischer Dimension bilden. Doch mit der allmählichen Marktöffnung locken grenzüberschreitende Fusionen, über die schon länger gesprochen wurde. Erst jetzt sind auch die finanziellen Voraussetzungen für Megadeals gegeben.

Die Politik wirkt nicht nur wegen der unternehmerischen Dynamik angeschlagen. Ihr sind rechtlich weitgehend, wenn auch nicht vollständig, die Hände gebunden. Die europäische Übernahmerichtlinie fordert von den Staaten, bis Ende 2006 nationale Regelungen im Geiste der Richtlinie festzuschreiben. Sie betont die Rolle der Aktionäre bei Übernahmen und schränkt nationale Alleingänge ein.

Nationale Champions in Kontinentaleuropa populär

Das dürften die Spanier spüren, die in die juristische Trickkiste greifen wollen, um ihre Endesa vor der Eon zu retten. "Alle europäischen Länder verteidigen ihr Recht, große Energiekonzerne zu haben", sagte Industrieminister Jose Montilla. "Ich sehe nicht ein, warum wir auf dieses Recht verzichten sollten." Die Europäische Kommission warnt hingegen vor nationalen Alleingängen, die gegen Gemeinschaftsrecht verstoßen, und droht mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Kein Wunder, daß sich Eon-Vorstandschef Wulf Bernotat gelassen gibt: "Der erste Aufschlag war äußerst erfolgreich."

Hinter dem Versuch von Politikern, Unternehmen zu behüten, steht häufig die Idee, im strategischen Interesse eines Landes liege es, "nationale Champions" zu beherbergen. Daher seien feindliche Übernahmen heimischer Großunternehmen durch Ausländer schädlich.

In Kontinentaleuropa dürften solche Gedanken in der Bevölkerung populär sein. "Meine Aufgabe ist es, Arbeitsplätze in Frankreich zu schaffen", sagte der damalige Wirtschaftsminister Nicolas Sarkozy, nachdem er 2004 durch politischen Druck die Übernahme des Straßburger Pharmakonzerns Aventis durch die Pariser Sanofi und damit den Bau des zweitgrößten Arzneimittelherstellers der Welt erzwungen hatte.

Nicht allein die Größe zählt,...

Allerdings ziehen viele Ökonomen die wirtschaftliche Logik nationaler Champions in Zweifel. So gibt es Länder wie Dänemark oder Schweden, die wenige große Konzerne haben und trotzdem ein höheres Pro-Kopf-Einkommen aufweisen als etwa Deutschland. Dies zeige, daß für ein Land nicht so sehr Größe zähle, sondern "daß man die eigenen Ressourcen effektiv nutzt und durch Innovationen die Produktivität steigert", meint die Monopolkommission.

Auch die Vorstellung, ein Champion bevorzuge seine Heimat, indem er Arbeitsplätze eher im Ausland als im Inland abbaue, ist nicht zwingend. In der Globalisierung unterhalten große Konzerne ihr Arbeitsstätten dort, wo sie aus wirtschaftlicher Sicht hingehören. Und mit der Expansion im Ausland wächst gewöhnlich auch der Anteil der in fremden Ländern gezahlten Steuern. Von den Dividenden und Kursgewinnen großer kontinentaleuropäischer Champions profitieren Aktionäre, die zu einem erheblichen Teil in der angelsächsischen Welt sitzen.

...aber am „Cluster-Effekt“ ist was dran

Zugunsten des Konzepts der Champions wird oft der "Cluster-Effekt" angeführt. Städte mit Sitzen mehrerer großer Konzerne zögen Anwaltskanzleien, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, PR-Agenturen, Luxushotels, Caterer und (Fach-)Hochschulen mit oft hochqualifizierten Arbeitsplätzen an, heißt es. Das ist was dran.

Derweil nimmt die Zahl der Branchen ab, die Politiker mit gutem Grund "strategisch" nennen können. Kaum jemand bestreitet einer Regierung das Recht, den Verkauf eines Herstellers sensibler Militärtechnologie ins Ausland zu beeinflussen.

Aber sonst? Die Versorgung und das Finanzwesen galten früher als klassische Branchen, in denen der Staat mitzureden hat. Das gilt heute nicht mehr, wie der Griff von Eon nach Endesa zeigt. Die Absicht der Deutschen Börse, sich mit der französisch dominierten Konkurrentin Euronext zusammenzuschließen, stößt in Paris (noch) auf Ablehnung. Die aufkeimende Renationalisierung Europas trägt Züge regierungsamtlicher Verzweiflung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.02.2006, Nr. 8 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

Jüngste Beiträge

Eine deutsche Bank

Von Gerald Braunberger

Josef Ackermann verlässt die Deutsche Bank, die Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen übernimmt. Das Kredithaus agiert überall auf der Welt - von der Rolle eines Weltmarktführers ist die Bank allerdings weit entfernt. Mehr 3

30.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.280,80 −1,81%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.368,84 −1,82%
Dow Jones 12.419,90 −1,28%
EUR/USD 1,2365 −0,03%
Rohöl Brent Crude 103,34 $ +0,09%
Gold 1.540,00 $ −2,50%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.