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Erklär mir die Welt (41) Warum ist die Oper billiger als das Musical?

27.03.2007 ·  Opern bekommen Geld vom Staat, Musicals nicht. „Auch die Armen müssen sich die Oper leisten können“, sagen Politiker. Doch das Geld kommt gar nicht bei den Armen an.

Von Patrick Bernau
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Wer sich am Sonntag abend in der Kölner Oper Rossinis „Barbier von Sevilla“ ansieht, hat dafür auf dem besten Platz höchstens 55 Euro gezahlt. Ein paar hundert Meter weiter, im Musical Dome, sitzt man bei „We will rock you“ zum gleichen Preis ganz am Rand oder sehr weit hinten. Denn das Ticket im Musical ist nicht mit Steuergeldern bezuschusst, das in der Oper dagegen schon. Mit eigenen Einnahmen decken die deutschen Opernhäuser und Theater nur rund 20 Prozent ihrer Kosten. Der Rest ist aus öffentlichen Kassen finanziert, zum größten Teil aus denen des Landes und der Stadt - insgesamt kostet das den Steuerzahler rund zwei Milliarden Euro im Jahr.

„Es müssen sich ja auch die Armen die Oper leisten können“, sagen Kulturpolitiker gerne. Darum dürften die Preise für Opernkarten nicht steigen - und deshalb müsse der Staat die Kosten der Oper decken. Doch wer sich einmal bei „Fidelio“ und „Così fan tutte“ im Opernfoyer umschaut, merkt schnell: Das Geld, das in die Oper fließt, kommt gar nicht bei den Armen an. Dort steht die Mittel- und die Oberschicht. Im Musical dagegen sind die Besucher gleichmäßiger verteilt - obwohl das Ticket dort viel mehr kostet.

„Subjektförderung“ oder „Objektförderung“?

Da wäre es doch sinnvoller, sagen viele Ökonomen, das Geld aus der Opernförderung direkt den Armen zu geben. Und die können sich dann das Abendprogramm leisten, auf das sie am meisten Lust haben. „Subjektförderung“ nennen die Ökonomen das: Das bekommen die Bedürftigen. Der Staat hat sich in diesem Fall aber der „Objektförderung“ verschrieben - er fördert lieber das Objekt, nämlich die Oper.

Dafür wiederum haben Leute wie der Saarbrücker Ökonom Werner Pommerehne und sein Züricher Kollege Bruno Frey einen Grund gefunden. Sie sagen: Dass es Opern und Theater gibt, bringt auch den Leuten etwas, die gar nicht hingehen. Das sollen diese Leute auch mit bezahlen. Und das lässt sich am einfachsten organisieren, indem der Staat mit ihren Steuern Subventionen an die Opern und Theater zahlt.

Subventionen führen zu breiterem Angebot

Zum Beispiel verbessern gute Opern das Ansehen ihrer Stadt und ihres Landes. Die Mailänder Scala ist so ein Fall. Dieser Effekt lässt sich sogar wirtschaftlich nutzen: Wenn ein Unternehmen seine Büros und Fabriken in einer Stadt mit reichem kulturellen Angebot hat, findet es leichter Mitarbeiter.

Auch für die Bildung sind Opern gut. Lehrer können sie nutzen, um Schülern etwas über Musikepochen beizubringen. Und die Opernbesucher kommen in der Vorstellung auf neue Gedanken, die sie sonst vielleicht nicht gehabt hätten, und von diesen Ideen können wiederum andere profitieren.

Außerdem können viele Menschen ihren Geschmack an der Oper noch entdecken, wenn es so viele davon gibt - vor allem dann, wenn die Häuser öffentlich finanziert sind. Wenn sich die Intendanten nicht so ganz direkt nach dem Publikumsgeschmack richten müssen, bringen sie nach der Analyse von Pommerehne und Frey ein breiteres Angebot auf die Bühne und experimentieren mehr als die Chefs privat finanzierter Opern. Umso leichter können neue Stile entstehen, die dann vielleicht auch neue Interessenten ansprechen.

„Politische Ökonomie“

Diese Argumente kann man überzeugend finden oder nicht. Wer ihnen zustimmt, wird eine staatliche Kulturförderung befürworten - aber dass die Musicals von der Förderung ausgenommen werden sollten, folgt aus diesen Argumenten noch nicht. Schließlich tragen auch Musicals zum Kulturangebot ihrer Stadt bei, sie zeigen eine populäre Musikrichtung, sie bringen ihre Zuschauer auf andere Gedanken - und wer weiß, wer noch alles auf den Geschmack am Musical käme, wenn mit Steuern neue Musicalformen ausprobiert würden.

Auch die örtliche Wirtschaft profitiert von Musicals, schon allein durch Musicaltouristen, die in den Hotels und Kneipen der Stadt Geld ausgeben. Subventionen für die Musicals sind also ebenso gerechtfertigt wie die für die Opern. Trotzdem gibt es keine. Um den Grund dafür zu klären, bleibt aber noch ein anderer Weg: Wenn Ökonomen die Entscheidungen von Politikern untersuchen, achten sie nicht nur auf die Sachgründe. Sie betrachten auch das Eigeninteresse der Politiker: Die wollen vor allem wiedergewählt werden. Aber weil die Wähler nicht alles merken und nicht alles bestrafen, tun die Politiker zwischen den Wahlen auch manchmal etwas, das ihnen selbst mehr Vorteile bringt als ihren Wählern.

„Politische Ökonomie“ heißt diese Betrachtungsweise im Wissenschaftsjargon. Ihre Vertreter wie Ilona Giese und Michael Göke erwarten nun von den Politikern zwei Verhaltensweisen: Einerseits wollen die Politiker ihre Wahlchancen verbessern und fördern darum Dinge, die als Kultur anerkannt sind. Und zweitens fördern sie die Kultur, die ihnen gefällt.

Der Staat ist chronisch klamm

Als die Republik noch jung war, fiel beides gut zusammen: Die Politiker förderten Opern. Die Förderung wurde immer stärker, bis sie etwa 80 Prozent der Einnahmen ausmachten. Der Staat konnte sich das schließlich leisten. Erst später kamen die Musicals auf. Sie gewannen an Ansehen, außerdem begeisterten sich immer mehr Politiker selbst dafür.

Jetzt wären die Voraussetzungen gut gewesen, um Musicals staatlich zu fördern - warum es anders kam, dazu hat der Kölner Volkswirt Jan Sauermann eine Erklärung: Inzwischen hatte der Staat die Ölkrisen der siebziger Jahre hinter sich. Seither ist der Staat chronisch klamm, und das merkten die Politiker auch recht bald. Die Opern konnten ihren Subventionsanteil kaum noch steigern (siehe Grafik), und für die Musicals war gar kein Geld da.

Wie mit Zahnpastatuben

Theoretisch hätte man jetzt auch den Opern wieder Subventionen streichen können, um das den Musicals zu geben. Aber in der Praxis war das extrem unwahrscheinlich. Denn wer einmal Geld vom Staat bekommt, lässt sich das nur unter großem Protest wieder nehmen. Die Politiker hätten also mächtig Ärger mit den Opernfreunden bekommen.

Das macht Politikern keinen Spaß, und darum streichen sie staatliches Geld nur ganz selten. Mit Subventionen, sagen Wissenschaftler gern, ist es wie mit Zahnpastatuben: Was einmal draußen ist, lässt sich nur schwer wieder zurückdrücken.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.03.2007, Nr. 12 / Seite 56
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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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