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Erklär mir die Welt (31) Warum ist der Marxismus außer Mode?

18.01.2007 ·  Karl Marx war Pflichtlektüre für Milliarden. Heute ist er nahezu bedeutungslos. Die sozialistische Utopie überzeugt niemanden mehr.

Von Gerald Braunberger
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Man könnte es sich bei diesem Thema leichtmachen: Ein Kollege schlug vor, unter der Überschrift „Warum ist der Marxismus außer Mode?“ lediglich ein großes Bild verfallender Häuser oder Fabriken aus der Endzeit der DDR abzubilden und darunter nur ein Wort zu schreiben: „Darum“. Wir wollen es etwas ausführlicher versuchen.

Denn man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie einflussreich Karl Marx (1818 bis 1883) postum einmal war. „Kaum eine andere Persönlichkeit hat die politischen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse in der Welt des 19. und 20. Jahrhunderts so nachhaltig beeinflusst wie Karl Marx“, schrieb der Tübinger Ökonom Alfred Ott, der kein Marxist war, vor rund 20 Jahren. Marx-Statuen standen nicht nur in der Sowjetunion und in China, die mit ihren Satellitenstaaten vorgaben, dem Vorbild des Meisters aus Trier zu folgen.

Anhänger an Universitäten und in den Medien

Die Hauptthese von Marx, der privatwirtschaftliche, durch freie Märkte geprägte Kapitalismus beute die Arbeiter aus und sei zum Untergang verdammt, an den sich eine kommunistische Idylle anschließen werde, war populär.

Auch im Westen besaß Marx Anhänger, vor allem an Universitäten und in Medien. Noch in den siebziger und frühen achtziger Jahren waren viele Soziologen, Politologen und Literaturwissenschaftler in Deutschland marxistisch inspiriert. In der Ökonomie sah es nicht ganz so schlimm aus, aber auch hier gab es Marx-Fans mit Schwerpunkten in Marburg und Bremen, denen die Marktwirtschaft ein Graus war.

Zufällig war das Scheitern nicht

Und heute? Nichts mehr. Nordkorea ist ein politisches Kuriosum; was aus Kuba nach Castro wird, ist unklar; und Chávez mag sich ein paar Torheiten leisten können, weil Venezuela über Ölquellen verfügt. Doch der Marxismus ist nicht nur politisch tot, auch als Lehre hat er ausgedient. Marxistisch inspirierte Begriffe wie Imperialismus, Ausbeutung, Proletariat oder Bourgeoisie sind aus der Sprache weitgehend verschwunden.

Der wesentliche Grund für das Debakel des Marxismus war der Untergang der Staaten, die sich dem real existierenden Sozialismus verschrieben hatten. Was nützte die erbittertste Kritik am Kapitalismus, wenn der eigene Laden zusammenbrach? (Der Sozialismus mit seinem starken Staat wurde als eine Vorstufe des staatsfreien Kommunismus verstanden.) Zufällig war das Scheitern nicht: Der Liberale Ludwig von Mises hatte schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gezeigt, dass Planwirtschaft nicht funktionieren kann, weil der Staat nicht über genügend Wissen verfügt, um eine Wirtschaft zentralistisch zu steuern.

Kapitalismuskritik ist nicht verstummt

Dennoch bleibt die Frage, inwieweit Marx und seine Lehre für das Fiasko in der Praxis verantwortlich sind. Denn der Marxismus ist überwiegend eine Darstellung und Kritik des Kapitalismus. Über die dem religiösen Paradiesgedanken entlehnte Vorstellung einer kommunistischen Idylle hatten sich Marx und sein Kompagnon Friedrich Engels (1820 bis 1895) nur an wenigen Stellen ausgelassen und auch da nur ziemlich vage.

Die Kritik am Kapitalismus ist hingegen bis heute nicht verstummt; eher im Gegenteil nimmt sie seit einigen Jahren in Form einer Auseinandersetzung um Globalisierung, Liberalisierung und Freihandel wieder zu. Ein Kennzeichen dieser Debatte ist auf Seiten der Kapitalismuskritiker eine theoretische Wüste. Warum greift dann niemand auf Marx zurück, zumal sich ein Anknüpfungspunkt leicht finden lässt?

Theorie von der Krise des Kapitalismus

Marx glaubte sowenig wie viele heutige Kapitalismusgegner an die „unsichtbare Hand“, die nach der Überzeugung Adam Smiths dafür sorgt, dass sich in einer Marktwirtschaft alles zum Besten regelt, wenn man sie nur in Ruhe lässt. Für Marx waren Markt und Kapitalismus Ausdrücke einer chaotischen Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft. Doch Marx ist für die heutige Kapitalismuskritik kein einfacher Verbündeter. Den Grund hat Ott zusammengefasst: So gut wie alle Lehren von Marx, die für die Politik von Bedeutung waren, haben sich als unhaltbar erwiesen. Jene Lehren aber, die nicht falsch waren, besaßen keine Relevanz.

Die zentrale Bastion des Marxismus war die Theorie von der Krise des Kapitalismus, die zu dessen Untergang führen werde. Stark vereinfacht, würden sich die von den Unternehmern („Kapitalisten“) auf dem Existenzminimum gehaltenen Arbeiter und das wachsende Heer der Arbeitslosen („industrielle Reservearmee“) gegen ihre Ausbeuter wenden und sie entmachten. Marx hielt diesen Prozess, der von immer größeren Konjunkturschwankungen begleitet sein würde, für unausweichlich.

Der revolutionäre Knall fand nicht statt

Die dieser Vision zugrunde liegenden „Gesetze“ haben sich fast ausnahmslos als Irrtümer erwiesen. Die Verelendung der Arbeiterklasse, die am Existenzminimum gehalten wird, hat sich ebenso wenig eingestellt wie die Voraussage, die Arbeitslosenheere würden immer weiter wachsen. Auch die Annahme, der Kapitalismus gebäre immer größere Schwankungen der Konjunktur, war falsch - tatsächlich sind die Schwankungen geringer geworden.

So hat der vermeintlich unausweichliche Zusammenbruch des Kapitalismus durch einen revolutionären Knall bis heute nicht stattgefunden. Intellektuell etwas gelenkige Marx-Fans im Westen haben sich daher schon vor Jahrzehnten von dieser These verabschiedet - im Unterschied zu ideologisch verblendeten Sturköpfen in Ost-Berlin, die bis zum Ende keinen Kratzer am Lack ihres Helden duldeten.

Es war nicht alles falsch, was Marx schrieb

Trotz aller berechtigter Kritik an seinen Kernthesen kann kein Zweifel daran bestehen, dass Marx ein gelehrter Mann war, der viel von dem bedeutenden britischen Ökonomen David Ricardo gelernt hatte. So war auch nicht alles falsch, was Marx schrieb.

Der Rauschebart aus Trier hatte früh die Tendenz zur Bildung von Unternehmensmacht durch Fusionen, Übernahmen und Kartelle gesehen wie auch die unbestreitbare Ungleichverteilung des Produktivvermögens. Man mag noch manches andere Bedenkenswerte bei Marx finden, aber alleine sein Image als Verlierer der großen Kontroverse zwischen Kapitalismus und Sozialismus steht einer Verwendung als Ikone aktueller Kapitalismuskritik entgegen. Aber wer weiß, es hat ja schon die merkwürdigsten Comebacks gegeben.

Späte Marxisten

Der Belgier Ernest Mandel (1923 bis 1995) war der vielleicht bekannteste westliche Ökonom marxistischer Prägung nach dem Zweiten Weltkrieg. Mandel lehnte sowohl die Sozialdemokratie als auch den Stalinismus ab und trat für eine Rätedemokratie ein, in der Unternehmen eine gewisse Selbstverwaltung wahrnehmen sollten. Daneben ging er der Frage nach, warum der Kapitalismus, anders als prophezeit, nicht längst zusammengebrochen war. Mandel arbeitete auch als Journalist und Buchautor.

Ota Sik (1919 bis 2004) war einer der Väter des „Prager Frühlings“, der 1968 von sowjetischen Truppen niedergeschlagenen Liberalisierung in der Tschechoslowakei. Danach lebte der Ökonom und Maler in der Schweiz. Sik vertrat einen „dritten Weg“, eine mit marktwirtschaftlichen Elementen angereicherte marxistisch inspirierte Planwirtschaft. So sollten die Firmen Güterpreise festsetzen dürfen, während die Löhne weiter der Staat bestimmte. Siks Konzept fand auch bei einigen Linken im Westen Interesse.

Der Brite Eric Hobsbawm (geboren 1917) zählt zu den bekanntesten marxistischen Historikern der vergangenen Jahrzehnte. In einer Reihe von Werken beschrieb der Brite den Aufstieg und die Blüte des Kapitalismus. Wie viele jüdische Intellektuelle seiner Generation folgte die Annäherung an den Marxismus einer Ablehnung des Faschismus, aber auch der Sozialdemokratie. Mandel und Sik gleich, hielt Hobsbawm Distanz zu Moskau; mit dem Kapitalismus versöhnt hat er sich aber bis heute nicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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