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Erklär mir die Welt (30) Warum schadet Protektionismus?

08.01.2007 ·  Importbeschränkungen schützen die heimische Wirtschaft. Sagen die Protektionisten. Falsch. In Wahrheit zahlen die Verbraucher mehr Geld für schlechtere Ware.

Von Ulrich van Suntum
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Deutschland hat trotz Konjunkturaufschwung noch immer rund 4,5 Millionen Arbeitslose im Jahresdurchschnitt. Wenn man die Arbeitslosen mitzählt, die in der Frühverrentung oder in subventionierten Beschäftigungen versteckt sind, dann sind es sogar 5,8 Millionen. Das hat der Sachverständigenrat in seinem jüngsten Jahresgutachten gerade erst wieder vorgerechnet. Gleichzeitig haben wir im vergangenen Jahr für 625 Milliarden Euro Güter aus anderen Ländern importiert. Jedes dritte Automobil ist ein Importwagen, rund zwei Drittel unserer Bekleidung stammen aus dem Ausland. Bei fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl und Erdgas liegt unsere Importquote sogar bei mehr als 90 Prozent - während wir unsere eigene Steinkohle weitgehend ungenutzt im Boden lassen.

Viele Menschen verstehen das nicht. Wäre es für die Beschäftigung nicht besser, wenn wir mehr deutsche Produkte und weniger Waren aus dem Ausland kauften? „Protektionismus“ heißt eine Politik, die darauf dringt. Sie will staatlich verordnen, dass die Bürger im Inland kaufen - oder ausländische Waren durch Zölle so weit verteuern, dass das gleiche Ergebnis herauskommt.

Ein Leben ohne Außenhandel?

Kurz vor seinem Amtsantritt hat Wirtschaftsminister Michael Glos die Deutschen aufgefordert, ihren Urlaub doch öfter mal im eigenen Land zu verbringen. Er wollte damit „den Menschen den Zusammenhang zwischen Arbeitsmarkt und Kaufverhalten klarmachen“. Es war allerdings ein denkbar schlechter Einstand, um das Erbe Ludwig Erhards anzutreten. Denn in Wirklichkeit verhalten sich die Dinge gerade umgekehrt: Letztlich kostet nicht der freie Warenverkehr mit dem Ausland Arbeitsplätze, sondern der Protektionismus.

Ein Blick in den deutschen Durchschnittshaushalt macht sehr schnell deutlich, wie es ohne Außenhandel wäre. Unsere Möbel könnten wir nicht mehr beim schwedischen Händler mit dem Elch kaufen, sondern nur noch bei deutschen Produzenten. Die Stereoanlage und der DVD-Player aus Südostasien wären tabu, auch hier müssten wir fortan aus heimischen Angeboten wählen. Das preiswerte T-Shirt aus China würde ebenso deutschen Produkten weichen wie das Auto aus Japan, das Spielzeug aus Korea und der Taschenrechner aus Taiwan. Vorbei wäre es auch mit frischen Apfelsinen und Bananen im Winter, dafür gäbe es wie früher vielleicht eingekochte Äpfel und Birnen aus eigenem Anbau. Manchem Leser aus den neuen Bundesländern kommen solche Verhältnisse vielleicht bekannt vor.

Ein höchst gefährliches Spiel

Nun wird man vielleicht sagen, dass wir es ja nicht gleich übertreiben müssen. Es gehe doch nur um ein bisschen mehr Schutz vor der Auslandskonkurrenz - zum Beispiel da, wo ganz konkrete Arbeitsplätze auf der Kippe stehen.

Das wäre jedoch ein höchst gefährliches Spiel. Denn dann würden bald alle Branchen den Schutz vor dem Ausland wollen. Der Protektionismus würde sich deswegen unaufhaltsam ausbreiten wie ein Ölfleck. Außerdem würden unsere Handelspartner dem Treiben wohl kaum tatenlos zusehen - ganz abgesehen davon, dass wir damit klar die Regeln der Welthandelsorganisation verletzten. Deswegen könnten wir über kurz oder lang auch nur noch weniger exportieren.

Es ist wie im Kino

Am Ende hätte niemand etwas von einem solchen Handelskrieg. Im Gegenteil, alle Länder verlören dabei Wohlstand und Arbeitsplätze. Das hat die Geschichte eindrucksvoll gezeigt: etwa in den dreißiger Jahren, als der Welthandel unter dem Einfluss des Protektionismus dramatisch schrumpfte. Es ist wie im Kino: Einer sieht wenig und steht deshalb auf. Dann kann er kurzfristig besser sehen. Wenn dann aber alle anderen auch aufstehen, sieht zum Schluss keiner besser als vorher. Und obendrein müssen alle stehen.

Der internationale Handel ist kein Nullsummenspiel, bei dem der eine nur auf Kosten des anderen gewinnen kann. Er bringt vielmehr allen beteiligten Ländern Vorteile: zum einen, weil sie sich die Arbeit teilen und dadurch Kosten sparen können. Zum anderen, weil mehr Produkte angeboten werden.

Prinzip der „relativen Vorteile“

Selbst eine relativ große Volkswirtschaft wie Deutschland kann ja unmöglich alle Güter gleichzeitig produzieren, die ihre Bürger nachfragen, schon gar nicht zu vertretbaren Kosten. Die deutsche Steinkohle muss zum Beispiel inzwischen aus mehr als tausend Meter Tiefe gewonnen werden. Sie kostet deshalb mehr als das Doppelte dessen, was wir am Weltmarkt dafür bezahlen müssen. Darum konzentriert man sich lieber auf das, was man besser und preiswerter herstellen kann als andere, und tauscht dann mit den anderen Ländern.

Das ist das Prinzip der „relativen Vorteile“, darauf hat schon der englische Ökonom David Ricardo aufmerksam gemacht. Wir nutzen es auch im Privatleben: Der Schreiner, der Elektriker und der Bäcker konzentrieren sich ja auch jeweils ganz auf ihre Sache und kaufen sich ihre Produkte dann gegenseitig ab. Das bringt viel mehr, als wenn der Schreiner auch seine Steckdosen anschließt und sein Brot backt. Auf diese Weise ist Arbeitsteilung auch zwischen verschiedenen Nationen sinnvoll, ihr verdanken wir letztlich unseren Wohlstand.

Selten geht es um das Wohl der Allgemeinheit

Dass Deutschland dabei erfolgreich ist, zeigen unsere hohen Exportüberschüsse. Wir verkaufen mehr Güter an das Ausland, als wir dort kaufen - allein im letzten Jahr machte der Unterschied rund 160 Milliarden Euro aus. Ohne den Außenhandel sähe es auf unserem Arbeitsmarkt daher schlechter aus, nicht etwa besser. Dass es unter dem Strich dennoch nicht genügend Arbeitsplätze gibt, hat ganz andere Gründe. Das hat mit den hohen Lohnkosten, den rigiden Arbeitsgesetzen sowie den hohen Steuern und Abgaben in Deutschland zu tun. Diese wirtschaftspolitischen Sünden verhinderten aber auch dann die Vollbeschäftigung, wenn es gar keinen Außenhandel gäbe.

Was bleibt von den Argumenten der Protektionisten? Letztlich geht es ihnen selten um das Wohl der Allgemeinheit, obwohl sie das meist behaupten. In Wirklichkeit steht praktisch immer der Versuch dahinter, sich selbst vor der Konkurrenz zu schützen. Das geht zu Lasten anderer. Geschickt verdrehen die Protektionisten dabei nicht nur die Tatsachen, sondern auch die Worte. Man sei natürlich für Wettbewerb, nur „fair“ müsse er sein. Der angestrebte Schutz vor dem lästigen Wettbewerb wird als „internationale Wettbewerbsordnung“ bezeichnet, preiswertere Konkurrenten aus dem Ausland werden als „Schmutzkonkurrenz“ und „Billiganbieter“ verunglimpft. Dabei prangert man umwelt- und sozialpolitische Missstände in den Konkurrenzländern an, obwohl diese oft nur Bruchteile der Preisdifferenzen ausmachen.

Vor der unliebsamen Konkurrenz verstecken

Niemand hat plastischer gezeigt, wie perfide und absurd die Protektionisten argumentieren, als der französische Ökonom Frédéric Bastiat. In seiner satirischen „Petition der Kerzenmacher“ aus dem Jahr 1846 beschweren sich die französischen Kerzenmacher beim Minister über die unfaire Konkurrenz der Sonne. Ihr Vorschlag: Die Regierung solle anordnen, dass die Bürger in den Häusern alle Fenster, Luken und Ritzen verschließen, damit kein Tageslicht mehr hineindringt. Dadurch werde die Kerzenproduktion angekurbelt, letztlich gewinne die gesamte Volkswirtschaft: Die Metzger müssten zum Beispiel mehr Vieh zur Talggewinnung schlachten, die Hersteller von Bienenwachs und die Dochtproduzenten könnten mehr Personal einstellen. Die Marine würde durch den Walfang aufblühen, ebenso die Hersteller von Kerzenständern und so weiter.

Bei dem ganzen Unsinn wird übersehen, dass all diese Gewerbe auch andere, sinnvollere Produkte herstellen und damit ebenfalls ausgelastet sein könnten. Es macht ja wenig Sinn, etwas selbst mit hohem Aufwand herzustellen, das man woanders viel preiswerter oder - wie im Beispiel - sogar umsonst haben kann. Aber diese volkswirtschaftliche Sichtweise interessiert natürlich nicht die Kerzenmacher, die nur ihr eigenes Interesse im Auge haben. Diese Konstellation ist typisch für den Protektionismus bis in die heutige Zeit: Er nutzt in Wirklichkeit nur denjenigen, die sich hinter seinem Schutz vor der unliebsamen Konkurrenz verstecken.

Ulrich van Suntum lehrt Volkswirtschaft an der Universität Münster.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.01.2007, Nr. 1 / Seite 44
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