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Veröffentlicht: 08.01.2007, 14:33 Uhr

Erklär mir die Welt (30) Warum schadet Protektionismus?

Importbeschränkungen schützen die heimische Wirtschaft. Sagen die Protektionisten. Falsch. In Wahrheit zahlen die Verbraucher mehr Geld für schlechtere Ware.

von Ulrich van Suntum
© F.A.Z.-Dieter Rüchel Besser aufgeschlossen als verschlossen

Deutschland hat trotz Konjunkturaufschwung noch immer rund 4,5 Millionen Arbeitslose im Jahresdurchschnitt. Wenn man die Arbeitslosen mitzählt, die in der Frühverrentung oder in subventionierten Beschäftigungen versteckt sind, dann sind es sogar 5,8 Millionen. Das hat der Sachverständigenrat in seinem jüngsten Jahresgutachten gerade erst wieder vorgerechnet. Gleichzeitig haben wir im vergangenen Jahr für 625 Milliarden Euro Güter aus anderen Ländern importiert. Jedes dritte Automobil ist ein Importwagen, rund zwei Drittel unserer Bekleidung stammen aus dem Ausland. Bei fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl und Erdgas liegt unsere Importquote sogar bei mehr als 90 Prozent - während wir unsere eigene Steinkohle weitgehend ungenutzt im Boden lassen.

Viele Menschen verstehen das nicht. Wäre es für die Beschäftigung nicht besser, wenn wir mehr deutsche Produkte und weniger Waren aus dem Ausland kauften? „Protektionismus“ heißt eine Politik, die darauf dringt. Sie will staatlich verordnen, dass die Bürger im Inland kaufen - oder ausländische Waren durch Zölle so weit verteuern, dass das gleiche Ergebnis herauskommt.

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Ein Leben ohne Außenhandel?

Kurz vor seinem Amtsantritt hat Wirtschaftsminister Michael Glos die Deutschen aufgefordert, ihren Urlaub doch öfter mal im eigenen Land zu verbringen. Er wollte damit „den Menschen den Zusammenhang zwischen Arbeitsmarkt und Kaufverhalten klarmachen“. Es war allerdings ein denkbar schlechter Einstand, um das Erbe Ludwig Erhards anzutreten. Denn in Wirklichkeit verhalten sich die Dinge gerade umgekehrt: Letztlich kostet nicht der freie Warenverkehr mit dem Ausland Arbeitsplätze, sondern der Protektionismus.

Made in Germany auf Wachstumskurs © F.A.Z. Vergrößern

Ein Blick in den deutschen Durchschnittshaushalt macht sehr schnell deutlich, wie es ohne Außenhandel wäre. Unsere Möbel könnten wir nicht mehr beim schwedischen Händler mit dem Elch kaufen, sondern nur noch bei deutschen Produzenten. Die Stereoanlage und der DVD-Player aus Südostasien wären tabu, auch hier müssten wir fortan aus heimischen Angeboten wählen. Das preiswerte T-Shirt aus China würde ebenso deutschen Produkten weichen wie das Auto aus Japan, das Spielzeug aus Korea und der Taschenrechner aus Taiwan. Vorbei wäre es auch mit frischen Apfelsinen und Bananen im Winter, dafür gäbe es wie früher vielleicht eingekochte Äpfel und Birnen aus eigenem Anbau. Manchem Leser aus den neuen Bundesländern kommen solche Verhältnisse vielleicht bekannt vor.

Ein höchst gefährliches Spiel

Nun wird man vielleicht sagen, dass wir es ja nicht gleich übertreiben müssen. Es gehe doch nur um ein bisschen mehr Schutz vor der Auslandskonkurrenz - zum Beispiel da, wo ganz konkrete Arbeitsplätze auf der Kippe stehen.

Das wäre jedoch ein höchst gefährliches Spiel. Denn dann würden bald alle Branchen den Schutz vor dem Ausland wollen. Der Protektionismus würde sich deswegen unaufhaltsam ausbreiten wie ein Ölfleck. Außerdem würden unsere Handelspartner dem Treiben wohl kaum tatenlos zusehen - ganz abgesehen davon, dass wir damit klar die Regeln der Welthandelsorganisation verletzten. Deswegen könnten wir über kurz oder lang auch nur noch weniger exportieren.

Es ist wie im Kino

Am Ende hätte niemand etwas von einem solchen Handelskrieg. Im Gegenteil, alle Länder verlören dabei Wohlstand und Arbeitsplätze. Das hat die Geschichte eindrucksvoll gezeigt: etwa in den dreißiger Jahren, als der Welthandel unter dem Einfluss des Protektionismus dramatisch schrumpfte. Es ist wie im Kino: Einer sieht wenig und steht deshalb auf. Dann kann er kurzfristig besser sehen. Wenn dann aber alle anderen auch aufstehen, sieht zum Schluss keiner besser als vorher. Und obendrein müssen alle stehen.

Der internationale Handel ist kein Nullsummenspiel, bei dem der eine nur auf Kosten des anderen gewinnen kann. Er bringt vielmehr allen beteiligten Ländern Vorteile: zum einen, weil sie sich die Arbeit teilen und dadurch Kosten sparen können. Zum anderen, weil mehr Produkte angeboten werden.

Prinzip der „relativen Vorteile“

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