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Erklär mir die Welt (27) : Warum ist Kontrolle gut, Vertrauen aber besser?

  • -Aktualisiert am

Kontrolle muß sein Bild: picture-alliance/ dpa

Ein bißchen Kontrolle schadet der Wirtschaft nicht. Zuviel davon wird teuer, tötet den Erfindergeist und führt am Ende zum Kollaps. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Das Lenin zugeschriebene Zitat hat tödliche Sprengkraft.

          "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Das Lenin zugeschriebene Zitat hat tödliche Sprengkraft, denn es zerstört die Grundlage menschlicher Beziehungen: das für eine Gesellschaft unverzichtbare Bindemittel jenseits von Macht und Zwang - Vertrauen.

          Vertrauen ist eine unausgesprochene gegenseitige Vereinbarung. Es geht darum, freiwillig mehr zu tun, als Verträge zu fordern und ökonomische Anreize nahezulegen. Frauen bringen Kinder zur Welt und vertrauen darauf, daß die Väter einen größeren Beitrag zur Erziehung leisten, als per Gesetz einklagbar ist. Heranwachsende vertrauen auf elterliche Zuneigung jenseits von Alimenten. Freunde sind im blinden Vertrauen unkompliziert füreinander da. Nachbarn helfen im Vertrauen auf freiwillige Hilfe, falls sie selbst in Not geraten.

          Unverzichtbare Voraussetzung

          Vertrauen ist die unverzichtbare Voraussetzung zwischenmenschlicher Beziehungen. Es ist das Schmieröl jeder Gemeinsamkeit, denn es ersetzt formale Gesetze. Je größer das Vertrauen ist, desto größer kann der rechtsfreie Raum sein, und um so größer ist die Handlungsfreiheit der einzelnen Menschen. Diese Freiheit ist wiederum für Innovation unverzichtbar. Eine Gesellschaft ohne Vertrauen muß jedes Detail regeln und kontrollieren, deswegen geht sie irgendwann an den Kontrollkosten zugrunde.

          Bild: F.A.Z.

          Niemand weiß das besser als jene, die in der DDR oder der Sowjetunion unter dem Kontrollwahn totalitärer Regime gelitten haben. Stasi-Akten und Kreml-Geheimprotokolle offenbaren, in welch absurdem Ausmaß alle allem mißtrauten, alle alles überwachten und wie die Kontrolleure sich am Ende selber kontrollierten. Der dramatische Kollaps kommunistischer Herrschaftsstaaten zeigt deutlich, wie fundamental falsch das Menschenbild Lenins war. Es ist gerade anders, als Lenin glaubte: Kontrolle ist bestenfalls gut, Vertrauen ist aber in jedem Fall besser.

          Mehr Einzelfallregelungen statt Allgemeinverbindlichkeit

          Wer auf Vertrauen statt Kontrolle setzt, setzt auf private Vereinbarungen statt auf staatliche Vorschriften. Nicht die im voraus gesetzte Norm bestimmt das Ergebnis, sondern der Praxis-Test entscheidet darüber. Das Mehr an Freiheit bedeutet natürlich auch eine größere Versuchung, die Freiheit zu mißbrauchen. Es wird zu Monopolen und Marktmacht kommen. Es wird Betrüger und Spielverderber geben. Deshalb gehört zu Vertrauen auch Verantwortung.

          Das Vertrauen in die Handlungsfreiheit der einzelnen erfordert zwingend eine Haftung für die Folgen nach dem Verursacherprinzip. Heute wird in Deutschland dagegen versucht, schädliche Einzelfälle zu verhindern, indem im voraus Verbote oder Gebote erlassen werden. Temposünder, Schwarzarbeit oder Trittbrettfahrer sind dann nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Ökonomisch gravierender sind die Verlagerung von Gewerbebetrieben und Arbeitsplätzen ins Ausland. Sie kommt daher, daß in Deutschland Menschen einen schweren Stand haben, die Neues schaffen: Gründer und Erfinder, aber auch Biotechnologie, Gentechnologie und Kernenergie. Mehr Einzelfallregelungen ("case law") und etwas weniger Allgemeinverbindlichkeit ("book law") würde Deutschland in vielen Bereichen helfen, schneller voranzukommen.

          Der Fluch der bösen Kontrolle

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