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Erklär mir die Welt (19) Warum gibt es Gewinne?

22.10.2006 ·  Unternehmer wollen gute Produkte herstellen und Arbeitsplätze schaffen. Das machen sie nur, wenn sich das für sie ordentlich auszahlt. Würden Gewinne und Verluste abgeschafft, wäre Schlendrian die Folge. Und niemand wüßte, welches Gut wieviel kostet.

Von Ulrich van Suntum
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Wer kennt das nicht: Man hat seinen Gebrauchtwagen dem Händler für wenig Geld in Zahlung gegeben, und am nächsten Tag steht er dort für 1000 Euro mehr auf dem Hof. Oder man hat eine Wohnung gekauft und muß dem Makler dafür mal eben so fünf Prozent an Provision überweisen, obwohl der eigentlich gar nicht viel dafür getan hat.

Scheinbar leistungslose Gewinne wie diese sind es, die den schlechten Ruf der Händler begründet haben. Nicht umsonst ist Hermes bei den alten Griechen gleichzeitig der Gott der Händler und der Diebe gewesen. Der Kaufmann stand ganz unten in der Hierarchie der antiken Welt, und im Mittelalter war es nicht viel anders.

„Bezahlte Nichtarbeit der Nutznießer“

Noch heute neigen wir dazu, nur in der Arbeit einen legitimen Broterwerb zu sehen, während der Gewinn als scheinbar leistungsloses Einkommen betrachtet wird. Als „bezahlte Nichtarbeit der Nutznießer von Wertpapier-Zinsen und Unternehmensgewinnen“ bezeichnen die Autoren des Bestsellers „Die Globalisierungsfalle“ die Gewinne.

Das ist schon deswegen pure Demagogie, weil natürlich auch Unternehmer und Selbständige arbeiten. Im Durchschnitt arbeiten sie sogar viel mehr als ihre Angestellten, zum Beispiel auch am Wochenende und meist noch lange nach Feierabend.

Selbst wenn man dafür nur ein durchschnittliches Arbeitnehmereinkommen veranschlagt, ist demnach ein gutes Viertel der statistisch ausgewiesenen Gewinne in Wirklichkeit Arbeitseinkommen, wie der Sachverständigenrat errechnet hat, die „fünf Wirtschaftsweisen“.

Mit Lottogewinnen und Banküberfällen reich werden

Die statistisch ausgewiesenen Gewinne sind die Summe der jährlichen Gewinn- und Vermögenseinkommen. 2005 waren das rund 546 Milliarden Euro in Deutschland, rund 30 Prozent des Volkseinkommens.

Das wird den Empfängern natürlich nicht einfach geschenkt. Wer zum Beispiel Zinsen erhält, muß vorher erst einmal Vermögen gebildet haben. Meistens steht hinter diesem Vermögen wiederum eine Menge harter Arbeit, gepaart mit Sparsamkeit, Geschick und Glück. Jedenfalls gilt das, wenn man von Lottogewinnen, Erbschaften und Banküberfällen einmal absieht. Mehr Möglichkeiten, reich zu werden, sind kaum drin, wie schon Udo Lindenberg ganz richtig getextet hat.

Neoliberale Propaganda?

Letztlich steht hinter den Vermögenseinkommen - etwa aus Aktienbesitz oder Sparguthaben - immer die Ertragskraft der Unternehmen. Davon sind nur die Zinszahlungen des verschuldeten Staates an seine Gläubiger ausgenommen. Im übrigen aber gilt: Hohe Gewinneinkommen sind ein gutes Zeichen für eine Volkswirtschaft. In aller Regel profitieren davon auch die Arbeitnehmer, denn nur rentable Unternehmen stellen Leute ein und sind in der Lage, ihnen gute Löhne zu bezahlen.

Es besteht in der Tat ein recht enger Zusammenhang zwischen der Gewinnentwicklung einer Volkswirtschaft und der Zahl ihrer Arbeitsplätze. Das ist nicht in jedem einzelnen Jahr so und auch nicht in jedem einzelnen Unternehmen.

Entsprechende Gegenbeispiele wie kürzlich die Allianz werden in der Politik gerne als Beweis dafür genommen, daß hohe Gewinne doch keine Arbeitsplätze schüfen und daß solche Aussagen nur neoliberale Propaganda seien. Aber im Durchschnitt und über längere Zeiträume gesehen, gibt es diesen Zusammenhang eben doch, und nur darauf kommt es letztlich an.

Alle ständig auf der Suche nach besseren Lösungen

Über die gerechte Verteilung der Gewinne läßt sich streiten. Karl Marx bezeichnete sie als „Mehrwert“, der eigentlich den Arbeitnehmern zustehe. Dabei hat er aber die wichtigste Funktion der Gewinne übersehen, nämlich das knappe Kapital in die besten Verwendungen zu lenken.

Nur der Unternehmer, der mit seinen Produkten die Verbraucherwünsche am besten und effizientesten erfüllt, verdient damit auch Geld. Sein weniger erfolgreicher Konkurrent wird vom Markt dagegen mit Verlusten oder sogar mit der Pleite bestraft. So sind alle ständig auf der Suche nach besseren Lösungen, und das, ohne daß irgend jemand sie dazu antreiben müßte.

Das ist das ebenso einfache wie erfolgreiche marktwirtschaftliche Prinzip. „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“ Dieser berühmte Satz des schottischen Nationalökonomen Adam Smith, geschrieben 1776, hat bis heute nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt.

Da könnte eine Blindenmannschaft Fußball spielen

Staatliche Lenkung ist für diese dezentrale, gleichsam antiautoritäre Steuerung der Produktion kein Ersatz, wie die Wirtschaftshistorie eindrucksvoll gezeigt hat. Nicht nur, daß Bürokratie, Korruption und Schlendrian die unausweichliche Folge wären, würde man Gewinne und Verluste abschaffen.

Auch prinzipiell kann das nicht funktionieren, weil am Ende nämlich niemand mehr wüßte, welches Gut wieviel kostet und was es den Endverbrauchern wert ist. Alle Preise, auch die der Vorprodukte und Maschinen, wären politische Preise. Die Kostenrechnung der Unternehmen würde damit zur bloßen Fiktion, die kaum noch etwas mit den tatsächlichen Bedürfnissen und Knappheiten zu tun hätte. Genausogut könnte man eine Blindenmannschaft Fußball spielen lassen.

Hafer verfüttern, der die Pferde am Laufen halten soll

Auf dieses Problem haben vor allem die großen Ökonomen Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek aufmerksam gemacht. Wie recht sie hatten, zeigte die Mißwirtschaft der früheren Ostblockländer. Deren Untergang war kein Betriebsunfall und auch nicht auf das Versagen einzelner zurückzuführen, sondern zwangsläufige Folge des Fehlens der Knappheitssignale von Gewinn und Verlust.

Das alles bedeutet nicht, daß immer nur die Gewinninteressen der Kapitaleigner den Ausschlag bei Unternehmensentscheidungen geben sollten, also der „shareholder value“. Man kann vielmehr mit guten Gründen der Meinung sein, daß auch die Arbeitnehmerinteressen im Sinne des „stakeholder value“ etwas zählen sollten. Auf lange Sicht fahren damit vielleicht sogar die Gewinnbezieher selbst besser, weil zufriedene Belegschaften im Zweifel produktiver sind.

Diese Idee ist überhaupt nicht neu und wurde schon im 19. Jahrhundert mit Erfolg von dem englischen Baumwollfabrikanten Robert Owen umgesetzt. Auch Gewinnbeteiligungssysteme für die Arbeitnehmer können helfen, Interessengegensätze zu vermindern, wenngleich sie derzeit nicht in Mode sind. Aber töricht wäre es, die Gewinne selbst als angebliche Ursache aller sozialen Übel zu bekämpfen. Denn das hieße, den Hafer zu verfüttern, der die Pferde am Laufen halten soll.

Der Autor lehrt Volkswirtschaft an der Universität Münster.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 58
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