Home
http://www.faz.net/-gqg-tm3g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Erklär mir die Welt (18) Warum darf nicht jeder Deutscher werden?

18.10.2006 ·  Recht, Freiheit, Sicherheit, Wohlstand. Vielen Menschen gefallen unsere Gemeinschaftsgüter. Daß nicht alle daran teilhaben dürfen, ist nicht moralisch verwerflich, sondern ökonomisch vernünftig.

Von Thomas Straubhaar
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (8)

Was haben Miroslav Klose, Lukas Podolski und Oliver Neuville gemeinsam? Richtig, ihre insgesamt neun Tore bei der Weltmeisterschaft 2006 haben Deutschland einen der fröhlichsten Sommer aller Zeiten und eine nicht für möglich gehaltene unverkrampfte nationale Euphorie gebracht.

Sie haben aber noch etwas anderes gemeinsam. Sie sind alle drei nicht als Deutsche geboren. Das stört die Massen nicht im geringsten. Wenn es Deutschland hilft, dürfen leistungsstarke Fußballer gerne Deutsche werden. Warum nur im Sport? Warum können nicht alle Menschen, die in Deutschland schuften und schwitzen, zu Deutschen werden?

Mitglieder und Außenseiter

Wer dazugehört und wer nicht, ist die wohl wichtigste Frage aller Gesellschaften. Jedes Gemeinwesen steht vor der komplexen Herausforderung, in Mitglieder und Außenseiter zu trennen. Nur wer Mitglied ist, soll von der Gemeinschaft einen Mehrwert erhalten, der allen anderen verwehrt bleibt.

Ein Tennisverein möge veranschaulichen, wie schwierig das Abgrenzungsproblem zu lösen ist. Einige Spieler schließen sich zusammen, um gemeinsam eine Tennisanlage zu betreiben. Die Klubmitglieder finanzieren den Betrieb und geben sich Regeln, wer welchen Beitrag zu leisten hat und welche Gegenleistungen dafür in Anspruch genommen werden dürfen.

Erfolgversprechende Talente

Neue Mitglieder werden nur dann aufgenommen, wenn deren „Leistungen“ für den Klub größer sind als die „Lasten“, die sie den Altmitgliedern auferlegen. „Leistungen“ können finanzieller oder auch immaterieller Art sein, etwa wenn Personen mit hohem öffentlichen Ansehen oder junge erfolgversprechende Talente beitreten. „Lasten“ entstehen den Altmitgliedern, wenn wegen der neuen Mitglieder längere Wartezeiten bei der Nutzung der Tennisplätze in Kauf zu nehmen sind oder wenn sich der neuen Mitglieder wegen die Vereinskultur ändert.

Wie reagieren die Altmitglieder auf die Veränderungen, die neue Mitglieder verursachen? Die Reaktionen hängen entscheidend vom Zustand des Tennisklubs ab. Ein junger Verein mit schönen, aber noch wenig genutzten Tennisplätzen und mit noch wenigen Mitgliedern und entsprechend hohen Jahresbeiträgen wird allein schon aus wirtschaftlichen Gründen relativ offen sein müssen für neue zahlungswillige und -kräftige Neumitglieder.

Kulturellen Kräfteverhältnisse

Jedes neue Mitglied senkt den durchschnittlichen Jahresbeitrag wesentlich. Vereine mit vielen Mitgliedern werden Neuaufnahmen gegenüber reservierter sein. Ebenso werden Klubs dann weniger aufnahmefreudig sein, wenn ihre Altmitglieder relativ homogene Vorstellungen von den Klubregeln haben und den inneren Frieden durch neue Mitglieder gefährdet sehen. Nun mag es sehr gewagt sein, den Tennisverein als Beispiel für die Frage zu nehmen, wer Deutscher werden dürfe und wer nicht.

Aber im Kern unterscheidet sich das Problem des Tennisvereins nicht so sehr von der Frage nach dem Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit. Wer schon Deutscher ist, wird sehr kritisch beobachten, wie neue Staatsangehörige die politischen, sprachlichen, konfessionellen und kulturellen Kräfteverhältnisse verändern, wieviel Steuern sie zahlen und wieviel Sozialleistungen sie erhalten.

Reine Luft und sauberes Wasser

Sie werden genau prüfen, ob die Kriminalitätsraten steigen oder fallen, ob Schulen besser oder schlechter, Warteschlangen beim Arbeitsamt länger oder kürzer und Sprechzimmer der Kassenärzte voller oder leerer werden. Dabei geht es nicht einmal so sehr um objektiv feststellbare Effekte neuer Staatsangehöriger, die in der Regel vergleichsweise gering sind. Es geht vielmehr um die subjektive Wahrnehmung, was neue Staatsangehörige bewirken, und auch darum, wie sich die Folgen politisch thematisieren lassen, um bei Wahlen Stimmen gewinnen zu können.

Warum also dürfen nicht alle Menschen Deutsche werden? Weil Deutscher zu sein einen Wert hat. Dieser besteht in den durch die Vorfahren angehäuften Gemeinschaftsgütern. Dazu zählen die intakte Infrastruktur, die schönen Landschaften, die reine Luft und das saubere Wasser, deren Nutzwert die hohen Staatsschulden immer noch bei weitem übertrifft - gerade auch im internationalen Vergleich. Dazu zählt ebenso das kulturhistorische Erbe des Sozialkapitals, also der gemeinsamen Werte.

Ökonomisch vernünftig

Vor allem aber hat Deutschland immaterielle Gemeinschaftsgüter in einer Qualität anzubieten, die weltweit ihresgleichen sucht. Rechtsstaatlichkeit, politische Stabilität und die Funktionsfähigkeit der Administration erzeugen Frieden, Sicherheit, Freiheit und damit die Voraussetzungen für materiellen Wohlstand. Die vielfältigen Werte sind es, die nicht kostenlos und unbesehen mit allen geteilt werden wollen.

Daß andere nur beschränkt am historisch über Generationen gewachsenen Gemeinschaftsvermögen teilhaben sollen, ist weder politisch inkorrekt noch moralisch verwerflich, sondern schlicht ökonomisch vernünftig. Das schließt überhaupt nicht aus, aus humanitären Gründen großherzig zu sein. Beispielsweise dergestalt, daß wer immer an Leib und Leben bedroht ist, in Deutschland Asyl finden soll.

Leistungsstarke neue Mitglieder

Keine Gesellschaft kann langfristig überleben, wenn sie ihre Gemeinschaftsgüter kostenlos allen zugänglich macht. Kostenlosigkeit würde Anreize schaffen, die Gemeinschaftsgüter zu stark zu nutzen und zuwenig für ihren Erhalt zu leisten. Nur wenn die Gemeinschaftsgüter etwas kosten, wird mit ihnen sorgsam umgegangen. Andererseits dürfen Gemeinschaftsgüter auch nicht zu viel kosten. Denn dann droht rasch ein Mitgliederschwund. Die besten Spieler wechseln den Verein, Kirchen bleiben leer, leistungsstarke Familien ziehen in andere Städte, gute Steuerzahler verlassen das Land.

Sowenig es also sinnvoll sein kann, die Staatsangehörigkeit an alle, die Deutsche werden wollen, zu verschenken, so unklug ist es, die deutsche Staatsangehörigkeit nur durch Vererbung weiterzugeben. Dann nämlich vergibt Deutschland die Chance, leistungsstarke neue Mitglieder an sich zu binden - so wie es im Fußball gang und gäbe ist. Besser wäre es deshalb, die deutsche Staatsangehörigkeit mit all jenen zu teilen, die bereit sind, die hiesigen Regeln, Rechte und Pflichten zu beachten und positive Beiträge zur Finanzierung der Gemeinschaftsgüter zu leisten.

Wer Deutscher werden darf, müßte aufgrund des Rechtsbewußtseins und der Leistungsfähigkeit durch einen willentlichen Akt und nicht durch die Zufälligkeit der Geburt bestimmt werden. Ein solches Verfahren würde nicht nur die deutschen Medaillenchancen bei sportlichen Großereignissen verbessern. Es würde vor allem auch der deutschen Wirtschaft helfen, an der Spitze mitzuspielen.

Thomas Straubhaar ist Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.10.2006, Nr. 41 / Seite 58
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Facebook vergrätzt seine besten Freunde

Von Patrick Bernau

Es mag rechtlich in Ordnung gewesen sein, wie sich Facebook beim Börsengang verhalten hat. Der Ruf der Firma hat allerdings enorm gelitten. Es ist das Bild eines gierigen Konzerns entstanden, der nicht nur seine Nutzer ausquetschen will, sondern auch die Aktionäre. Mehr 10 10

24.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.315,89 +0,48%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.379,22 +0,19%
Dow Jones 12.529,80 +0,27%
EUR/USD 1,2534 +0,01%
Rohöl Brent Crude 106,75 $ +0,56%
Gold 1.568,50 $ +1,26%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.