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Veröffentlicht: 20.08.2016, 08:36 Uhr

Fetullah Gülen Welle der Beschlagnahmungen in der Türkei

Erdogan lässt Gülen nahestehende Unternehmen zerschlagen und Vermögen von Mitarbeitern konfiszieren. Lebensumstände und Bedürfnisse der Betroffenen spielen dabei keine Rolle.

von
© AP Erdogan nannte den Putschversuch in der Türkei ein „Geschenk Gottes“, um nun „zu säubern“.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hält sein Wort. Bei der Zerschlagung der Unternehmen, die dem Prediger Fethullah Gülen nahestehen, werde es keine Gnade geben, hatte er Anfang August vor den Präsidenten der Industrie- und Handelskammern der Türkei ausgerufen. Da lief gerade die erste Welle von Verhaftungen und Beschlagnahmungen in der Wirtschaft an. Auch am Freitag wurden bei Polizeiaktionen in Istanbul 18 Unternehmer festgenommen, am Tag zuvor wurden in der „Operation Tuskon“ 65 Geschäftsleute abgeführt. Für diese Operation, die seit Donnerstag läuft, liegen Haftbefehle für 187 Geschäftsleute vor, deren Vermögen auch beschlagnahmt wird. Zur Last gelegt wird ihnen die Mitgliedschaft in und die Finanzierung einer „Terrorvereinigung“. Als solche stuft der türkische Staat die Gülen-Bewegung ein; sie soll für den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich sein.

Rainer Hermann Folgen:

Ein Gesetz, das vor einem Jahr verabschiedet wurde, gibt dem Staat das Recht, von Personen, bei denen diese Straftatbestände vorliegen, Eigentum zu beschlagnahmen. Davon macht der Staat umfangreich Gebrauch. Es begann am 3. August, als zu Beginn der Jagd auf Gülen-nahe Unternehmer in Konya das Vermögen von 119 Personen beschlagnahmt wurde. Nicht bekannt ist, wie viele der bislang 40000 festgenommenen Personen ebenfalls ihr Privatvermögen verloren haben. Bekannt sind lediglich Einzelfälle wie die des Journalisten Ali Ünal. Der Staat beschlagnahmte selbst das Bankkonto für seine behinderte Tochter, mit der sie ihr Leben finanzieren sollte.

Die laufende „Operation Tuskon“ konzentriert sich auf Mitgliedsunternehmen des Dachverbands, dem 212 lokale Unternehmervereinigungen angehören. Tuskon war der Verband der Unternehmer in der Gülen-Bewegung. Er vertrat über fünf internationale Repräsentanzen, davon eine in Brüssel, auch die Interessen seiner Mitglieder weltweit. Zu Beginn der Operation wurde der Präsident Rizanur Meral festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, er habe am 1. März 2014 bei einer Konferenz Erdogan heftig kritisiert.

© Reuters, reuters Türkei entlässt Zehntausende Häftlinge um Platz zu schaffen

Auch die führenden Mitglieder des Verbands wurden bereits dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Zu ihnen gehören die Brüder Nejat und Faruk Güllü, deren Unternehmen Güllüoglu zu den bekanntesten Produzenten der türkischen Süßspeise Baklava gehört. Als ihre Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts aus der ostanatolischen Stadt Antep nach Istanbul übersiedelten, war Baklava, dessen Herstellung aufwendig ist, ein Luxusprodukt für die Istanbuler Elite. Die Familie Güllü entwickelte eine Fertigungsmethode, welche die Kosten senkt und das Produkt für viele erschwinglich machte. Jetzt wurde Nejat Güllü zum Verhängnis, dass er Sponsor der Fatih-Universität war, die der Gülen-Bewegung nahesteht.

Staat beschlagnahmte auch Möbelhersteller Boydak-Holding

Am Donnerstag hat der Staat auch die Boydak-Holding in der zentralanatolischen Stadt Kayseri beschlagnahmt. Sie beschäftigt mehr als 14000 Arbeitnehmer und ist ein Pionier der türkischen Möbelindustrie. 1957 hatte Mustafa Boydak das erste Unternehmen gegründet. Der Boom setzte ein, als er neue Möbel entwickelte wie den Sessel, der sich zu einem Bett ausklappen lässt und unter dem sich Kleider verstauen lassen.

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Türkische Familien, die in kleinen Wohnungen viele Gäste haben, kauften den zum Kultobjekt gewordenen, Cekyat genannten Sessel. Das schnell wachsende Unternehmen blieb Kayseri treu und schuf die Arbeitsplätze in Anatolien. Der heutige Unternehmenschef Haci Boydak, ein Jugendfreund des früheren Staatspräsidenten Abdullah Gül, ist bereits im Frühjahr verhaftet worden. Denn er finanzierte die Zeitung „Karar“, die Erdogans Politik kritisierte.

Der Prediger Gülen hatte auf die Entwicklung Anatoliens in den vergangenen Jahrzehnten großen Einfluss. Mit einer „calvinistisch“ klingenden Arbeitsethik und Schulen, die besser als die staatlichen waren, wurde die Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung gelegt. Unternehmerverbände wie Tuskon halfen bei der Expansion und der Erschließung neuer Märkte; Gewinne flossen in Investitionen und Leistungen für sozial Schwache.

Eine Erklärung, was solche Unternehmen mit dem Putsch zu tun haben, liegt bis heute nicht vor. Verfolgt werden nicht nur Unternehmen, sondern auch gewöhnliche Kunden der Bank Asya, die bis zu ihrer Zerschlagung ebenfalls zum Umfeld der Bewegung gehört hatte. Betroffene ziehen eine Parallele zum Jahr 1915, als das Vermögen der verfolgten Armenier beschlagnahmt und unter Türken verteilt wurde. Heute werden die beschlagnahmten Vermögen unter Anhängern der AKP verteilt. Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, bislang habe der Staat 4262 Wirtschaftseinheiten, von Krankenhäusern über Medien bis Universitäten, übernommen. Als Ziel hatte Erdogan ausgegeben, die Verbindungen der Gülen-Bewegung in die Geschäftswelt zu kappen sowie ihre Vermögen zu kassieren. Bis jetzt, so Erdogan, sei erst die Spitze des Eisbergs gefasst worden.

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