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Energiewende : Irrsinn in Irsching

Zehn Jahre lang haben Siemens-Ingnieure an der Gasturbine getüftelt. Bild: Caro / Schulz

In Bayern steht die beste, größte, effizienteste Gasturbine der Welt. Dass sie nicht läuft, ist ein Jammer. Und verrät einiges über den Wahnsinn der Energiepolitik.

          Dies ist die Geschichte einer Turbine, eine Geschichte, welche die deutsche Ingenieurskunst feiert und heult über den Irrsinn einer Energiepolitik, welche die ökonomische wie ökologische Vernunft mit Füßen tritt.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dies also ist die Geschichte von Irsching, einem Ort in Bayern, im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm gelegen, ein paar Kilometer östlich von Ingolstadt. Dort steht das modernste Gaskraftwerk Europas mit jener Turbine drin, die gepriesen wurde als das schönste, effizienteste, sauberste, kurz: das Beste, was es in Sachen Turbinen gibt auf der Welt. Ein Wunder. Nur: Die Turbine bewegt sich nicht.

          Das Kraftwerk in Irsching steht still. Keine Sekunde hat es im vorigen Jahr Strom für den Markt produziert. Ausgerechnet dieses Wunderwerk der Technik hat das Nachsehen gegen den mit Abermilliarden subventionierten Öko-Strom und die Kohle-Dreckschleudern der Republik. Wirtschaftlich vernünftig ist das nicht, ökologisch auch nicht. Als „Irsching-Paradoxon“ geht das Irrsinn in die Geschichte ein, als Unterkapitel zum Wahnsinn der deutschen Energiewende.

          Weltrekord beim Wirkungsgrad

          Eine halbe Milliarde Euro hat der Siemens-Konzern seinerzeit in das Projekt gesteckt, zehn Jahre haben die Ingenieure daran gefeilt, kühn waren die damit verbundenen Hoffnungen: Dank seiner Turbine sah sich der Konzern als Sieger der Energiewende, damit war dem Erzrivalen General Electric mal wieder ein Schnippchen zu schlagen: Deutschland hat die Antwort auf den Atomausstieg, war die Parole. Da geht noch was mit High Tech im Land der Tüftler und Denker.

          Fukushima steckte auch den Siemens-Managern in den Knochen, Schwüre auf die Kernkraft mochten sie nicht mehr ablegen, mit ihrer Turbine aber ließ sich der Übergang ins Öko-Zeitalter gestalten. Denn: Die Gasturbine ist ein „Schnellstarter“. Binnen Minuten lässt sich das Kraftwerk rauf und runter fahren, um Stromschwankungen auszugleichen, je nachdem, wie stark die Sonne gerade scheint oder der Wind bläst. Als „ideale Brücke ins regenerative Zeitalter“ wurde die Turbine deshalb begrüßt, Effizienz zahle sich auf Dauer auf, das war der vorherrschende Glaube.

          So stolz waren die Siemens-Leute auf ihre Turbine („die größte der Welt“), dass sie in ihrem Schatten zu festlichen Dinners in die Produktionsstätte, eine historische Fabrikhalle in Berlin, geladen haben. In einer dieser Nächte hat sich – nebenbei bemerkt – der damalige Finanzvorstand Joe Kaeser im Herbst 2012 den Schnauzbart abrasiert, was als symbolhafte Kampfansage an den damaligen Vorstandschef Peter Löscher verstanden wurde. Dessen Regentschaft währte danach tatsächlich nicht mehr lange.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          An der Turbine lag es nicht, die euphorisierte alle. Ihr Weg aus Berlin nach Bayern, 1500 Kilometer, wurde vom Konzern inszeniert wie eine Prozession, zunächst im Wasser über die Havel bis schließlich zum Main-Donau-Kanal nach Kelheim. Die letzten 40 Kilometer legte die Turbine dann auf der Straße zurück, eine Brücke vor Irsching musste eigens erneuert werden, damit der Koloss (13 Meter lang, fünf Meter hoch) sein Ziel erreichte. „Wir haben Technikgeschichte geschrieben“, tönte der Siemens-Vorstand, als das Werk vollbracht war, mit einem vom Tüv bescheinigten Wirkungsgrad von 60,75 Prozent: Weltrekord! Ein Triumph der Präzision im Maschinenbau.

          Und heute? 44 Stück des Kraftwerktyps hat Siemens verkauft, nach Amerika, Korea, Japan, Polen, in die Türkei – nur in Deutschland findet die Turbine keine Freunde. Irsching hat man sich als einen traurigen Ort vorzustellen. Eon, der Betreiber des dortigen Gaskraftwerks (in Verbund mit kleinereren Energieunternehmen), will dessen offizielle Stilllegung beantragen, weil er damit absehbar auf keinen grünen Zweig kommt. Für 2014 hat das Unternehmen einen Rekordverlust von 3,2 Milliarden Euro bekannt gegeben. Aus Angst zerlegt zu werden, zerlegt der einstmals wertvollste deutsche Konzern sich selbst: in einen Teil für die Zukunft, und den traurigen Rest, dazu gehört jetzt – neben den Atommeilern – die Turbine in Irsching.

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